Ausgabe 
(22.1.1897) 3
 
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dak es feste Organisationen waren, die sowohl denStädten die Befriedigung ihrer Gcldbedürfnisse als auchden Kapitalisten eine Anlage ihres Kapitals ermöglichten.

Wir stehen nunmehr vor der Frage, wer in unsrerZeit die nöthigen Kapitalien vermittelte und aufbrachte?

Am frühesten war der K aufmannsstand in derLage, größere Kapitalien zu vermitteln, da sie zu ihremGeschäftsbetriebe meist über größere Summen verfügenmußten. Gewerbsmäßig haben sich zuerst die Judenmit dem Ausleihen von Geldkapitalien befaßt und sichdem Geldgeschäfte ganz gewidmet, nachdem sie allmähligin Oberdcutschland aus dem Waarenhandel verdrängtwurden. Mit der wettern Ausbildung des Handels, ins-besondere auch mit der allmähligen Durchbrechung deskanonischen Zinsverbotes, die gerade in unsereZeit fällt, wurden die Juden, für welche das Zinsverbotnicht galt, auch aus dieser Position mehr und mehr ver-drängt. Die christlichen Kaufleute größeren Stils be-faßten sich neben dem Waarenhandel mit dem Geldhandel.Sie nahmen auch Geld von Privaten auf und ver-sahen so die Funktionen einer Bank. Zuerst kamen dieFlorentiner zu einer gewissen Berühmtheit, und ihreGlanzperiode im 15. Jahrhundert knüpft sich an denNamen der Medici. Im 16. Jahrhundert kamen dieFrescoboldi, Gualterotti und Strozzi zu einemWeltruf. Gleichzeitig kamen die Genuesen empor;gegen Mitte des 16. Jahrhunderts in Deutschland ins-besondere die Fugger, die Weiseru. a. Wir haben bereisoben die Gelegenheit gehabt, die Bedeutung der Fnggertheilweise kennen zn lernen, welche wiederholt großenEinfluß auf die Ereignisse der Geschichte hatten. Siewaren das bedeutendste Haus, die bedeutendste Geldmachtder damaligen Zeit, die über enorme Kapitalien verfügte,theilweise mit ungeheuren Gewinn st en arbeitete undeinen geradezu unbeschränkten Kredit in der ganzenChristenheit genoß. Der größte Vermögensstand derFngger fällt in das Jahr 1546 und bezifferte sich auf4,700,000 fl. mit einem Goldwerth von etwa 40,000,000Mark, was einen heutigen Kaufwerth vom Vier-fach cn hievon repräsentirt. Die Geschäftsgewinne,mit welchen die Fngger beispielsweise arbeiteten, schwanktenin der Zeit von 1511-1653 zwischen 2'/z °/g - 54'/, °/opro Jahr, woraus allein das Unbeständige des damaligenGeldgeschäftes hervorgeht. Dabei ist das Nifico beiden Geschäften mit den damaligen Fürsten zu bedenken,das einen hohen Zinsfuß bedingte. Aus allem erklärtsich auch der rasche Aufschwung und der oft ebenso rascheUntergang oder wenigstens Rückgang der damaligen Geld-geschäfte treibenden Kaufhäuser.

Diese Kaufhäuser waren meist offene Handels-gesellschaften mit einem ausgeprägten familiären Cha-rakter, Familiengemeinschaften. Die Leitung waraber regelmäßig eine einheitliche und deßhalb umsichtige,sichere und feste. Die drei das Geschäft betreibendenSöhne des alten Jakob Fugger , unter denenJakob II. der bedeutendste war, vereinbarten beispiels-weise auch, daß das Vermögen des Mannesstammes u n«g-etheilt bleiben solle und nur die Töchter mit Heiraths-gütern abgefunden werden sollen. Dieser Grundsatz wurdeauch in der Blüthezeit festgehalten und dadurch die ganzeMacht fest und geschlossen erhalten. Die großen Häuserhatten damals au den gewichtigsten Platzen ihre Filialen,Faktoreien genannt, deren Leitung unter einem Faktormit großen Befugnissen stand. Als die bedeutendstenPlätze erscheinen um diese Zeit Antwerpen , Lyon,

Lissabon u. And. Gerade diese Einrichtung vonFaktoreien ist zugleich ein Beweis, daß auch damals dasKapital eine internationale Bedeutung hatte, sieist gleichzeitig aber auch das wirksamste Mittel, dieseJnternationalität zu fördern und zu begünstigen. DerWechsel war damals bereits ein gewöhnliches Mittelfür Geldtransaktionen. Anfangs suchten die Geldmächtevielfach international und neutral zu bleiben bei Abschlußvon Geldgeschäften mit Fürsten . Allein im Laufe derZeit begann eine Nationalisirung des Groß-kapitals, d. h. die einzelnen Geldmächte ergriffen impolitischen Kampfe der Nationen und Fürsten die Parteieines Theiles und stellten sich nicht bloß vorübergehend,sondern dauernd in dessen Dienst. So sind die Fuggervon jeher auf Seiten der Habsburger gestanden, habenderen Geschicke getheilt und nicht selten auch bestimmt.Geraume Zeit waren die Geldmächte so mächtig, daß sieden Fürsten gegenüber das Uebergewicht hatten und letzteredeßhalb in eine gewisse Abhängigkeit Miethen.

Jedoch bald wurden die großen Häuser durch ein-seitigen und ausschließlichen Betrieb von Geldgeschäftenihrer eigentlichen kaufmännischen Aufgabe ent-fremdet, sie versäumten es, auf dem Gebiete desHandels und Gewerbes ihre Thätigkeit gehörig Zu ent-falten. Dadurch zeigten sich alsbald die schädlichenWirkungen derselben. So nützlich und unerläßlich noth-wendig Kapital und Kredit für die Culturentwicklnngsind, indem sie eine unerläßliche Vorbedingung derselbenbilden, so werden sie doch ungcmein schädliche Wirkungenüben können, wenn deren Inhaber ihre kulturelle Auf-gabe außer Acht lassen und sich lediglich von einem weit-gehenden Egoismus und einer daraus hervorgehendenSpekulationswuth leiten lassen. Als Steuer-pächter und Staatsgläubiger begannen sie all-mählig einzelne Völker zu bedrücken, als Kredit-vermittler verwickelten sie vielfach kapitalrciche Völkerin gefährliche Finanzkriseu, unter denen sie vielfachselbst zu Grunde gingen.

Wir finden demnach, daß an der Schwelle desUeberganges vom Mittelalter zur Neuzeit die wirthschaft-lichen Verhältnisse nothwendig zur Entstehung großerGeldmächte führen mußten, daß denselben wichtigewirthschaftliche Aufgaben zukamen, daß sie jedochihre Aufgabe schließlich einseitig in Finanzgeschäftensuchten, wodurch die ganze Entwickelung einen bedeutendenRückschlag erlitt; indeß ist dabei nicht außer Acht zulassen, daß diese schädlichen Finanzgeschäfte vielfach dochnichts anderes waren als symptomatische Erscheinungendes Rückganges einer geordneten Erwerbsthätigkeit, fürden Mangel einer genügenden gesunden Anlagegelegcnheitund Erwerbsmöglichkeit in der damaligen Zeit. Damitwar auch das Schicksal derjenigen, die keine so zweifel-haften Finanzoperationen vornahmen, besiegelt; auch sieMiethen, wenn auch langsamer, so doch nicht, mindergründlich, ins Verderben.

Wir fassen mit dem Verfasser die wirthschaft-liche Bedeutung der Geldmächte des 16. Jahrhundertsdahin zusammen,daß sie die Todtengräber des Mittel-alters und die Fackelträger der Neuzeit waren, welchesie selbst aber nicht mehr erleben sollten; sie standengleichsam Wache an der Pforte zu diesem neuenZeitalter".