Ausgabe 
(30.1.1897) 5
 
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erklären sie immer ausschließlich und allein Gott,der z. B. bei Gelegenheit der Berührung von Feuerund Höh das Holz anzündet; kurz Gott allein voll-zieht alle Thätigkeit, die scheinbar von den Geschöpfenausgeht. Diesem verderblichen Irrthum gegenüber findenwir bereits vom hl. Thomas scharf betont, daß Gottaus der Ueberfülle seiner Güte heraus den Geschöpfennicht nur ein wirkliches Dasein, sondern auch ein wirk-liches Thätigsein verliehen habe.") Und damit die Ge-schöpfe diese Thätigkeit als eine wirklich eigene ausüben,hat Gott ihnen bestimmte innere Thätigkeitsprineipiengegeben, die dem Grade ihrer Existenz genau entsprechen.")Gerade diese innern Thätigkeitsprineipien machen dasaus, was wir die Natur der Dinge zu nennen pflegen.So kommt es, daß die Vorgänge und Erscheinungen, diesich in der Schöpfung abspielen, im eigentlichen Sinnedes Wortes natürliche Vorgänge sind, d. h. Vorgänge,die in der Natur der Dinge selbst ihren physischenGrund haben.")

Schließlich ist die Lehre des hl. Thomas auch direkteiner Auffassung entgegengesetzt, die unter den neuernPhysikern einen breiten Boden gewonnen hat. Secchi,der große Astronom, hat sie in einem eigenen Werke:Die Einheit der Naturkräfte", mit vielem Scharfsinnzu vertheidigen gesucht. Seine Ansicht gipfelt etwa infolgenden Worten"):So sind wir zur wahren Philo-sophie der Natur zurückgekommen, die schon von Galileiinangurirt war, daß nämlich in der Natur alles Beweg-ung und Stoff ist, oder eine einfache Modifikation des-selben durch eine reine Umstellung der Theile oder derArt der Bewegung." Dem gegenüber gipfelt die Natur-philosophie des hl. Thomas von Aqnin ganz und garin der Anschauung, daß die Substanzen Träger eigent-licher, innerer Qualitäten seien. Diese Qualitäten stehenin naturgemäßer Proportion znr Wesenheit des Sub-jektes und bilden die nächsten innern Principien, durchwelche die Dinge ihre eigenthümliche Thätigkeit ausüben;ja es läßt sich selbst die örtliche Bewegung der Körperohne die Zuhilfenahme innerer Qualitäten, der Beweg-Mgsimpulse, sachlich nicht erklären.")

Wenn nun so alle Geschöpfe ein eigenes Dasein undThätigsein haben, so haben sie es doch durchaus nichtalle in: selben Grade der Vollkommenheit.") Vielmehr istdie Schöpfung einer großen, lückenlosen Stufenleiter zuvergleichen, die, je höher sie kommt, um so enger wirdund über sich Gottes Unendlichkeit hat. Da finden wirzu untcrst die ganze todte Welt des Seienden. Was siethut, das thut sie getrieben und bestimmt von den innernPrincipien ihrer Natur. In dieser todten Welt herrschtdas strenge Gesetz von Wirkung und Gegenwirkung, vonder Beständigkeit der Materie, vom Austausch der Ener-gien und der Unveränderlichkeit der in der Welt vor-handenen potentiellen und aktuellen Energiesnmme. Ueberdieser todten Welt aber baut sich die höhere Welt derlebenden Geschöpfe auf. Ihre Thätigkeit ist nicht

--) 8. c. x. lib. m «Lp. 69.

8iont ab aZeuts (so. veo) eoukernntur elkevtmnatnrali prioeixio, per guae snbsistit, ita prineipia,per yuae aliornni siteansa" (8. o. K. lid. III oap. 21.)8. lllli. 1. g. 89 L. 1).

") 8. Vkom. in Lrist. Ullzn. lib. II Iset. 1; tz. O.äe pol. <i. 3 a. 7.

")1,'anitü «leite t'orre tisieke; Rmna 1864; pSA- 604.

") Vgl. 8. INom. i. angef. St.: ferner Phil. Jahrb.d. Görres-Ges. 1896. Heft 3 S. 427 ff.

") Sehr schön ausgeführt 8. «-. K. Iil>. III eap. 20, 22.

mehr eine blos transeute, sondern auch eine immanente??)In der Pflanzenwelt dämmert diese Vollkommenheit gleich-sam erst auf, indem der Aufbau des pflanzlichen Or-ganismus durch rein mechanische Kräfte nicht mehr er-klärt werden kann. Im Thierreich mit seinen sinnlichenEmpfindungen und willkürlichen Bewegungen haben wirstatt der Dämmerung bereits ein Morgenroth. ImMenschen mit dem geistigen Verstände und dem freienWillen ist das Morgenroth bereits zum Tageslicht ge-worden. Allein auch das geistige Erkennen des Menschenhängt noch wenigstens mittelbar von der sinnlichen, andie Schranken von Raum und Zeit gebundenen Wahr-nehmung ab, und das freie Wollen des Menschen istnoch stark beeinflußt von den sinnlichen Regungen, so daßder Mensch selbst an seinem höchsten Gut öfter undöfter irre werden kann. Doch über dieser geistig-materiellenWelt des Menschen erhebt sich schließlich die Welt derreinen Geister, der Engel. In ihr steigt die Vollkommen-heit der Schöpfung znr Mittagshöhe empor, von der esnur noch ein Herunter gibt. Erst die reinen Geistergenießen ein geistiges Erkennen und ein rein geistiges,freies Wollen; was sie einmal als höchstes Gut sich er-koren haben, das halten sie unbeweglich fest. So habendenn die reinen Geister, die Gott auf der Stufenleiterder Schöpfung am nächsten stehen, auch am meisten Lichtempfangen.

Mit dieser Stufenleiter, auf der sich die GeschöpfeGottes unendlicher Vollkommenheit nähern, geht durchausdie Stufenleiter parallel, mit der die Schöpfung zu Gottesabsoluter Einfachheit und Einheit emporsteigt. Wennnämlich auch alle Geschöpfe die Unvollkommeuheit gemein-sam haben, daß sie in ihrem Sein eine Verbindung vonWesenheit und Dasein darstellen, so ist die materielleWelt doch insofern noch weiter als die geistige Welt vonder absoluten Einfachheit Gottes entfernt, als in ihr dieWesenheit selbst wieder ein Zusammengesetztes aus Ma-terie und Form bildet.") In ähnlicher Weise bemerkenwir in der Schöpfung ein allmähliches Aufsteigen znrEinheit Gottes. Auf der niedersten Stufe stehen jeneGeschöpfe, bei denen wir zwischen Gattungen, Arten undIndividuen zn trennen haben. So haben wir unter denmateriellen Dingen die Gattungen der Mineralien, Pflanzenund Thiere. In jeder Gattung haben wir wieder Arten;so z. B. in der Gattung der Thiere die Fische, Böge!und Säugethiere. In jeder dieser Arten finden wirwieder Unterarten und darin schließlich Individuen. BeimMenschen ist aber die Einheit des Seins bereits stärkergeworden. Es gibt nur noch eine Gattung Mensch, unddie Artunterschiede, wie sie sich z. B. zwischen Vögelnund Fischen zeigen, sind verschwunden. Es sind nur nochIndividuen derselben Gattung mit rein accidentiellen Unter-schieden vorhanden. Bei den Engeln verschwindet schließ-lich nach der wohlbegrnndeten Meinung des hl. Thomasauch dieses noch. Bei den reinen Geistern ist jedes In-dividuum auch eine Gattung, eine Welt für sich, d. h.jedes Individuum enthält alle Vollkommenheit, derenseine Gattung fähig ist. Darüber gibt es nur noch einehöhere Vollkommenheit des Seins, die absolute Einheit

Ouplex est rei operativ,uns. gniäsm guse iaipso operante mauet et est ipsina operantis per-t'eotivl, nt sentire, intelliAere et vells. ,4Iis> vero, gaasin exteriorsw rem tranÄt, «piae est perkeotio kaoti,giroü per ipsaur eoustituitur, ut ealet'aeere, ssoars staeckillearv". 8. o. Z-. IIP. II eap. 1.

") 8. e. §. lib. II eap. 64, 60, 61, 62.