Ausgabe 
(6.2.1897) 7
 
Einzelbild herunterladen

53

der ausenvählte Stamm, das heilige Geschlecht, das VolkGottes, die Blüthe der Nationen. Siehe, das ist dieStadt Compostela, die durch die Bitten, des seligen Ja-kobus geheiligte Stadt, das Heil der Heiligen, die Burgderer, die zu ihr kommen. O, welche Ehrfurcht, Ehreund Hochschätzunq verdient dieser himmlische Ort, an demschon viele Tausende von Wundern geschehen, wo derheiligste Leib des großen Apostels aufbewahrt wird, derden Mensch gewordenen Gott zu sehen und zu berührendas Glück hatte." -

Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomasvon Aquin .

(Vortrag gehalten im akad. Görresverein in München .)

(Schluß.)

Gott ist der oberste Meister des Werkes; aberer will nicht der alleinige sein. Gott hat andere Werk-leute sich zugesellt, um durch sie und in ihnen sein Reichzu erbauen. Diesen Werkleuten ani Gottesbau hat Gott alle Kräfte in die Hand gegeben, deren sie bedürfen?)Als diese Werkleute erscheinen in der Schöpfung zuerstdie nothwendigen, an die ewigen Gesetze gebundenen Na-turkräfte?) Getrieben von innerer Nothwendigkeit, kennensie nur den einen Weg geradeaus. Darum thun sie,was Gott will; aber sie thun es ohne Verdienst, weilsie nicht anders können. So bauen sie das todte Reich,die Schaubühne für das lebendige Reich der freien Natur.Aber schon in diesem todten Reich herrscht nicht die Er-starrung durch eisernen Zwang; denn wenn auch dieeinzelnen Glieder und Kräfte nicht anders handeln können,als sie handeln, so kann das Ineinandergreifen allerKräfte doch von Natur aus ein sehr mannigfaltiges sein.Da sehen wir nun, wie die göttliche Vorsehung diesemIneinandergreifen feinen natürlichen Lauf läßt, der noth-wendig auch Kollisionen und unvollendete Ausgestaltungeneinzelner Glieder mit sich bringen muß?) Doch deut-licher wird dies in dem höheren lebenden Reich derfreien Werkleute. Auch dieser freien Natur fehlt nichtjegliche Nöthigung. Aufgebaut auf der materiellen Natur,theilt sie deren Beschränktheit. Aber sie trägt die un-sterbliche Seele in sich, die vom Zwang der Materie nichtberührt wird. Was bei der todten Natur Tribut der Noth-wendigkeit ist, das soll bei ihr ein Geschenk der Freiheit sein.Die nöthigen Bedingungen dafür hat ihr Gott in reichemMaße gewährt, indem er ihr einheitliche innere Principiengegeben hat/) an denen ihr Denken und Wollen Maßund Halt findet, wie am ruhenden Pol die schwankendeMagnetnadel. Die gleichen Grundprincipien der Erkennt-niß sind lebendig im Verstand aller Menschen, und dasgleiche Gesetz redet in aller Herzen; die eine Schöpfungmahnt Alle an den einen Schöpfer Aller, lind so gibtGottes Vorsehung allen vernünftigen Wesen die Mög-lichkeit, daß sie ihre Aufgabe am Bau des Gottesreicheserkennen. Daß nun diese Aufgabe auch erfüllt werde,ist die Gottheit weise und liebevoll thätig. Wohl sehennämlich alle vernünftigen Kreaturen ihre Aufgabe, Gott zu erkennen in Wahrheit und Gott zu dienen in Liebe,aber die Verwirklichung dieser Aufgabe hat Gottes un-endliche Liebe ihrem eigenen freien Willen überlassen. So ist

') 8. o. §. lib. III oax. 6977. Ueber das Fatumund den Sinn, in dem man von einem solchen mit Rechtsprechen darf, vgl. 8. 1K. 1, g. I96; 8. v. Z. üb. III g.93SS.

2) 8. o. K. Üb. III oap: I, 24.

8. o. Z'. lib. III eap. 71, 72, 74.

*) tz. O. cio vor. g. 11 a. 1 g. 22 a. 8; 8. 1k. 1., 2.g. 1(1 a. 1, 1. g. 62 a. 1.

also der Wille des Menschen frei; was sein Herz sicherküren will, mag es gut oder böse sein, er mag esthun?) Aber freilich, Gottes Vorsehung kann nichtwollen, daß der Mensch sich zum Bösen wende; denn derWille Gottes kennt und kann nur ein Ziel kennen, dasGute/) Aber indem Gott auf der andern Seite auchnicht knechten kann, was von Natur frei ist, indem erniemals sich selber widersprechen kann/) läßt er esgeschehen, hindert er es nicht, daß der Mensch in dünkel-haftem Nebermuthe ihm die Treue bricht und ein Ge-bilde von Staub und Asche zu seinem Götzen wählt.Aber er läßt nur die Physische Freiheit zu, unmöglich diemoralische Erlanbtheit. Dieser steht sein ewiges Gesetzt)hindernd gegenüber, damit so der Wille des Menschenwirklich frei sei und die Erreichung seiner ewigen Be-stimmung dem Menschen nicht nur als Geschenk, sondernauch als wirkliches Verdienst anzurechnen sei.") Hierhört das bloße Zulassen auf, hier tritt der göttliche Willeganz in Kraft. Gottes Wille ist es, daß der Menschzur ewigen Vollendung gelange, und alle, die dorthingelangen, kommen nur durch den Willen Gottes dorthin?")Indem aber so auf diesen Auserwählten ganz und vollder göttliche Wille ruht, sind sie auch der Grund, umderentwillen Gott das Böse zuläßt. Gott gestattet dieAusschweifung zum Bösen hin, weil er die freie Naturachtet") und weil er auch dieses zum Guten zu lenkenweiß. So sind die Bösen zwar frei im Wollen, abernicht im Vollbringen des Gcwolltcn. Auch was derBöse thut, muß dem Guten dienen. Und nicht nur das.Indem der sündige Wille sich zum Bösen entscheidet,lehnt er sich auf gegen die höchste Majestät und stützt sichauf sich selbst. Nimmermehr aber kann Gott solchesdulden; Gott muß die ewige Ordnung vertheidigen gegendie Unordnung, das Gesetz gegen die Mißachtung; Gottmuß sich Gehorsam verschaffen von seiner Kreatur. Undhat ihm das Geschöpf nicht frei gehorchen wollen, somuß es jetzt gehorchen seiner strengen Gerechtigkeit. Hatdas Geschöpf nicht in Freiheit an Gottes Werke bauenwollen, so muß es jetzt mit Nothwendigkeit dasselbefördern. Und so dient schließlich doch alles in der Weltden Zwecken Gottes, die da sind, alle glücklich zu machen,die eines guten Willens sind, und auch von allen denen,

°)Rososseset, guock Koma sit libori arbitrii er kooipso, quoll rational^ ost." 8. 1k. 1. g. 83 a. 1; g. 59a. 3; 8. o. §. lib. II eap. 48. tz. v. cio vor. g. 22 a. 6;hier wird im besonderen ausgeführt, daß die Freiheit desMenschen eine dreifache sei.Invonitar antom incto-terininntio volantatis rospoetn triam: se. rospoetn okisoti,rospoetn aetas, ot rospoetn orciinis tu tinsin." Dem-entsprechend pflegt man auch die Willensfreiheit zu dcfi-niren alsaetiva voluntatis inclotorminatio, nt voluntaspossit vollo koo ant illuck, vollo ant von vollo, volle rectsant non roeto."

°) 8. 1k. 1. g. 49; 8. v. K. lib. I vax. 95;Nalumeulpao, yuocl privat oräinoin konmn ciivinnm- DonsunÜo inoclo vult." 8. 1k. 1. g. 19 a. 9.

') 8. 1k. 1. <p 19 3. 8; I. 2. g. 10 a. 4. tz. l>. cksinalo g. 3 a. 1.

-) 8. 1d. 1. 2. g. 93 s. 6.

°) . . . gnia oroatnra rationalis soipsam inovot allLtz'enckun per liboram arkltriuw, nncie sua avtiykabot rationoin rnoriti." 8.1k. 1., 2. 114a. 1;

cp 21 s. 4.

'") 8. 1k. 1. 23.

") ... lntor rationale!? naturas solns vous kokstliboram arbitrinw natarallter impoceabilo st eon-ürmatnm in Kono, ereatnrao voro koo inosso, impossibils65t." tz. 11. äo vor. g. 24 a. 1; 8. 1k. 1. g. «13 a. 1;8. e. A. lib. Ill eap. 109.