Ausgabe 
(6.2.1897) 7
 
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die es nicht sein wollen, den Tribut einzufordern, denolle seiner Verherrlichung darbringen müssen?-)

Und so vereinigen sich in der göttlichen Vorsehungscheinbar die größten Gegensätze.") Auf der einen Seiteherrscht die größte Freiheit, hat es jeder Mensch in seinerGewalt, sich selbst zu entscheiden znin Guten oder Bösen;auf der anderen Seite aber ist nichts in der Welt, keinStanbkörnlein am Grunde und keine freie Regung inder Mcnschcnbrnst, ausgenommen von dem allmächtigen,ordnenden, göttlichen Arm. Alles geschieht genau so, wiees die Natur und Wesenheit der Dinge verlangt, unddoch stand Alles, was geschieht, schon von Ewigkeit herunerschütterlich fest. Die Versöhnung dieser scheinbarenGegensätze liegt aber in der Unergründlichkeit der gött-lichen Weisheit. Indem nämlich die göttliche Weisheitvon Ewigkeit her in der göttlichen Wesenheit alles undjedes Seiende in seiner ganzen individuellen Diffcrenzirungund allem möglichen Zusammenhange aufs genaueste er-kannte, bezogen sich die ewigen göttlichen Dccrete, durchwelche diese Welt ins Dasein gerufen wurde, nicht nurauf ihr Dasein, sondern auch aus die Art und Weiseihres Daseins. Was daher von Gott erkannt wurde,als frei abhängend von einer freien Ursache, wurde auchin dieser seiner inneren Unabhängigkeit durch den gött-lichen Willen aus der bloßen Möglichkeit in die Wirk-lichkeit übertragen.") Alles geschieht genau so, als wäreGottes Wille gar nicht dabei. Der göttliche Wille ändertan der inneren Natur der Welt, d. h. an der innerenAbhängigkeit der Wirkungen von ihren nächsten, sei esfreien, sei es nothwendigen Ursachen, gar nichts.") Undso kommt es, daß die freien vernünftigen Geschöpfe überihre letzte Vollendung in Wirklichkeit selbst entscheiden,sei es znin Verdienst des guten Willens, sei es zur Be-strafung des bösen Strebens. Und dennoch ist i n letzterLinie die Erreichung der ewigen Vollendung auch einwahres Geschenk Gottes, damit sich so erfülle was ge-schrieben steht:Ilt iroir Zloristur in sonspsotu vorniniorains Lnro", daß keiner vor Gott sich rühmen könne,in der That! Wie die Verherrlichung Gottes der letzte^weck der Schöpfung ist, und wie dieser Zweck im ewigenHeil der vernünftigen Kreatur seine höchste Blüthe treibt,

'-) ,,Vx dos patst, guoä sltiori moäo äivinn xro-viäentw Anksrnnt konos guain irmlos; rnali snirn änm allauo oräins proviäsntias sxsnnt, nt so. I)ei volnntatsinvon kaoiant, ill llliuill oräinsm ckilaknutur, ut so. äs oisüivina volnntas tiat; ssä Kolli guiäsw ack ntruingus suntill rsoto orällls proviäsntias." tz. O. äs vsr. g. S a. 6.vk. 8. äs spir. st litt. p. 86.

") Ueber die göttliche Vorsehung vgl. 8. llk. I. g. 19,22, 23, 24; 103105. 8. o. Z. Üb. I oap. 7288; u. Uk.Ill oap. 6483; 89100. H. I>. äs vsr. g. 57. 8sut. I.üist. 39 g. 1. Einen ganz ausgezeichneten Commentar znden philosophischen Speculatiouen des hl. Thomas überdiese Frage hat jüngst geschrieben: lnä. Lillot. ,,vs vsoUllo". Komas 1893. p. Ü» p. 173300.

")^.ä pioviäslltiaw älvillllm lloll psrtillstllllturaill llsrnlll oollllnmpsll.s, ssä ssrvars. vnäsomllia morst ssounäum eornm eonckitionsm; ita guoä sxcausis nsosssarils per motionsm äivinaiu ssguuntnr ellsotnsex llsosssitats, sx oansis autsm eontiuKsntibns segnunturstkeotus oolltill§sutes. 8. lk. 1., 2. o. 10 a. 4; ok.1. g. 19 a. 3.

^) »In soientia siinpliois intslÜKentias (so. lsi)viästnr ullumglloäglls nt oxorisns g, oansis nsosssariisvsl liksris, pro sno moäo noosssitatis vsl eolltinKöntias.^.äiuuotio autsm volnlltatis voll mutat äiotumoräillsm st moäum oausarnm, ssä kaolt äumtaxat,ut sit iam aotn prasparatus iäem 1pss vausarumoräo, gui plins mirs possikiliter se lmkskst." LiUotI. c. p. 2'

so hat der göttliche Wille bei allem, was er in der Schöpf-ung sei es direkt will, sei es nur zuläßt, diese seinehöchste Ehre und diese größte Vcseligung der Geschöpfevor Augen. Alle Verhältnisse ordnet also Gott so zu-sammen, daß sie zum Heil der Auserwählten führen unddiese darum Gott gegenüber ewig die Pflicht der Dank-barkeit in sich tragen.") Wenn aber einige nicht zuihrem Ziele gelangen, dann können sie sich nicht überGott beklagen, denn auch ihnen hat Gott die vollsteäußere und innere Möglichkeit gegeben, anders zu wollen.Darum ist es ihre Schuld und nur ihre eigenste undwahrste Schuld, daß sie verloren gehen. So lange derMensch lebt, steht ihm die göttliche Vorsehung bei, hilftihm, befähigt ihn durchaus, sein ewiges Glück zu er-arbeiten; möge er es nur wollen.") Alle darum, diewollen, können selig werden, und nichts in der Weltkann ihnen die Ewigkeit rauben.

Mit diesem erhebenden Gedanken wollen wir nun-mehr unsere Weltanschauung ausklingcn lassen, lieberdem Ursprung, dem Bestand und der Vollendung derSchöpfung sehen wir hehr und herrlich wie ein freund-liches Dreigestirn die göttliche Allmacht, Weisheit undLiebe glänzen. Was die Weisheit ersonnen, das hatdie Liebe gewollt, das hat die Allmacht geschaffen, lindnur des Geschöpfes Unverstand und Uebcrmuth hat esmit sich gebracht, daß auch die strafende göttliche Ge-rechtigkeit in ihre Rechte trat. Aber, indem alles, wasvon Gott ist, göttlich und darum hehr und heilig ist, sovermag auch das Böse in der Welt den Ehrenschild derSchöpfung nicht zu beflecken. Auch das Böse hat seine Stelleim Weltenplaue-, auch das Böse muß Gottes Zweckendienen, seine Herrlichkeit offenbaren und die Auscrwähltenin mannigfacher Weise zu ihrem Glücke führen. Niemandaber braucht böse sein; Alle können guten Willens seinund eingehen in die Sabbathruhe Gottes. Dann ist derEndzweck der Welt voll erfüllt; Gottes Ehre ist geoffen-bart und das Heil der Schöpfung vollendet. Und somündet die ganze Weltanschauung schließlich in das einePrincip aus, das einst Engelsmund der Welt verkündete:VIoria, in sxsslsis vso; st In tsrru pnx lloininibusstoirus volrmtutis"; Ehre sei Gott in der Höhe undFriede auf Erden den Menschen, die eines guten Willens sind."

Und nun erlauben Sie mir noch einige Worte zumSchlüsse. Es war ein großer Gedanke, würdig desgenialen Geistes eines Joseph v. Görres, sich hinauszu-heben über die engen Schranken der Hcimath, der ein-zelnen Länder, Völker und Staaten, und die ganze Welt-geschichte, soweit sie reichen mag durch die Länder undZeiten, zu überschauen von der einen hohen Warte, derGeschichte des Reiches Gottes auf Erden. Und auch heutebleibt es immer noch eine große Aufgabe, die Geschichtedes Weltalls in allen Räumen und Zeiten zusammen-zufassen in dem einen Gedanken der Verwirklichung derGottesidee, nach deren Vorbild die Welt geschaffen istund deren Zwecke dieses Universum gekettet an das rol-lende Rad der Zeiten erfüllt bis es einmündet in dieEwigkeit. Eine Weltgeschichte in diesem Sinne wird zu-gleich sein die erhabenste Kunstgeschichte; denn sie wirdsein die Geschichte des erhabensten Kunstwerkes, das nuraus der schaffenden Hand des ewigen Künstlers hervor-

"1 »Ooroimnäo vsus insrita nostra, ooronat in nokisZ'rntnita üoua sua, nt von Kloristar oinnis oaro in von-spsotu eins.." killst p. 244; ok. p. 289 k. 8. llii.1. 23 rr. 5»

") (j. v. äs vsr. g. 23 a. 2; g. 14 a. 11 1.