Ausgabe 
(13.2.1897) 8
 
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Nr. 8.

Wage M Sügzüarger

13. Felir. 1897.

Joseph Ruederer, der erste bayerische Dichter.

Von Gymnasiallehrer Coel. Schmid in München .

In verschiedenen Dezember-Nummern der BeilagezurAugsburger Postzeitung" sind tiefschauende Aus-führungen über das Dreigestirn Jbsen-Sudermann-Haupt-manu erschienen. Ein Artikel der in Wien von HermannBahr herausgegebenen ZeitschriftDie Zeit" (1897Nr. 120) veranlaßt mich, als aufmerksamen Beobachterdermodernen" Erscheinungen, dazu eine Ergänzungnach anderer Richtung zu geben.

Der besagte Artikel, der mich geradezu verblüffte,ist überschrieben:Joseph Ruederer ". Der MünchnerJos. Ruederer, allerdings, im vorhinein gesagt, ein nn-bezweifelbarcs lyrisch-dramatisches Talent, hat vor einigenJahren einen Roman erscheinen lassen unter dein TitelEin Verrückter! Kampf und Ende eines Lehrers". Kurzdarauf muß er auch das BauernstückFahnenweihe"fertig gehabt Haben, mit dem er jedoch ziemlich langeZeit vergeblich an allen Theatern anklopfte, bis dasselbeneulich in dem nengegründeteu BerlinerTheater desWestens " mit ziemlich durchschlagendem Erfolg aufgeführtwurde. Seitdem hat er auch schon wieder ein Novctlen-buchTragikomödie" erscheinen lassen, größtentheilsMotive aus den bayerischen Bergen behandelnd.

Der Artikel derZeit", Dr. Poppenberg-Bcrliu unter-schrieben, bringt nun im Rahmen von dionysisch begeisterten,qualmigen Bcweihräucheruugeu auch folgende zwei lapidareAufstellungen. Erstens soll Joseph Ruederer der Mannsein, der gleichsam Anzengruber, G. Keller und Boeckliuzu intensiver Einheit sammeln und so, wohl recht bald,die langgesuchte hohe Tragikomödie, zu der ja auchunterdessen der Berliner moderne Gründer Schlaf einenwuchtigen Ansatz gemacht, liefern könnte. Fürs zweitesoll ertief in seiner eigenen Stammesart wurzeln undsie künstlerisch und wahr zur Erscheinung bringen"; undso soll denn auchdurch sein Werk mit eins das Bayern-thum, kraftvoll anschaulich, litcrarisch in Erscheinung treten".

Das erste bedeutet nach meiner Anschauung eineliterarische Kurzsichtigkeit, dje alle Zeit- und Naturgesetzeverkennt. Gegen das zweite kann nicht bestimmt undentrüstet genug protestirt werden. Und will man denzwischen den Zeilen zu lesenden Schluß aus diesen beidenPrämissen ziehen, daß allenfalls das Altbayernthnm be-rufen sein könnte, die große Tragikomödie der Zeit (oderwohl überhaupt?) zu liefern, so würde das, allem zuTrotz, erst recht heißen, Zeit und Bayernthum verkennen.

Ein großes Verdienst haben, wie es auch Poppen-berg andeutet, Ruedcrer's Schöpfungen: er hat das andereExtrem zu derLampen- und Kulissenwelt" der Gang-hofer und Schmid und zu der noch unseligeren Schlier -seer Speculationsmache herausgetrieben. Da jedes be-deutende Resultat der Naturgesetze sowie des künstlerischenSchaffens aus dem Kämpfe zweier Extreme entspringen unddenselben vermittelnd lösen muß, so könnte mit denWerken"Ruedcrer's eine erste, grundlegende Vorbedingung gegebensein, die zu wahr abgewogenen dramatischen Wesensbildern,wenigstens des bayerischen Oberlandes, führte. Hie ver-logen tdcalisirende Combinirnng der bayerischen Vorlands-typcn einerseits (doch meistens an die nächste Vergangen-heit anknüpfend) und specnlatioussüchtige Verhetzung eineshohl gewordenen Jndustriebauernthums andererseits, hiezäher, derber Grundschlamm eines in vielfachen Reibungen

mit der nahen Hochcnlturwelt atomisirtcn, in sich ver-rohten oder verseuchten Volksthums. Aber auch dieseneuen, vermittelnden Schöpfungen könnten als wahresLebensprincip nur die Abwägung zwischen den beidenschlimmen Factoren haben. Gesunde Volkskunst, gar ge-sunde bajuvarische Volkskunst wird da kaum mehr zuschöpfen sein: je mehr man das wollte, umsomchr müßteman mit Suchen nach Motiven und Volksthum nach dennoch vereinsamten, unentweihtcn Gegenden zwischen denVorlandsmooren bis hinab zur mittleren Donau undden böhmisch-bayerischen Waldbergen gehen. Da wärefreilich für liebevoll eingehende Kenner noch Stoff genugfür Volksdramatik zu finden. Aber auch hier muß derGedanke an die hohe Tragikomödie himmelweit fernliegen.Vorher müßte dem bayerischen Volksstamm, der in seinergroßen Entwicklung, trotz mancher epigrammatischen undkraftmimischen Leistung von heute, mit der großen mittel-alterlichen Epopöe stecken geblieben ist, wenigstens dieleiseste Ahnung von der tragischen Gewalt jener Epikwieder aufdämmern. Und da wiederum müßte natürlichvorher wenigstens ein Theil der Gebildeten, der zumVolk vermittelnd stände, einigermaßen begriffen haben.Wie soll man sonst eine die Tragik überwindende Tragi-komödie von den Altbaycrn erwarten können? Jeder-mann sieht : wie die Prämisse, so bedeutet auch der Schlußeinstweilen eine Absurdität. Es müßten vielleicht er-schütternd, große, elementarische Dinge kommen, um dasverschüttete und verträumte Bayernthum gar zu solchenliterarischen Weiterentwicklungen aufrütteln zu können.Und vorher müßte der Durchschnitt unserer Gebildetenvor allein eine von der jetzigen wesentlich verschiedeneStellung zu Volk und Volksthum, zu Volksintercsse undgeschichtlicher Anschauung einnehmen. Man braucht nuran das Schicksal der leider auch mit mancher Mache ver-bundenen historischen Aufführungen in Kraiburg (Ludwigder Bayer von Martin Greif ) zu denken, um all daszunächst ins Fabelland der Träumerei verweisen zu müssen.

Und doch soll ein Bayer, und zwar der MünchnerJos. Ruederer, der allerdings auch früher vielfach unterden Bauern gelebt haben soll, in Bälde berufen sein,gerade aus seiner bayerischen Eigenart heraus berufensein, die höchsten Wünsche unserer sehr voreiligen Zeiterfüllen zu können. Eigentlich ein von Berlin aus un-gewohntes, fast verblüffendes Kompliment für Bayern !Doch sehen wir zu, wie es sich des genaueren damitverhält!

Nach meinen Informationen behandeltEin Ver-rückter" ein direkt lokales Motiv aus Farchant bei Gar-misch-Parteukirchen, wo sich Herr Ruederer mit Halbe,dem Dichter derJugend", zusammen viel aufhält. DieFahnenweihe aber würde in einem benachbarten Markt,ebenfalls mit direkt lokalen Anspielungen und Motiven,spielen.

Durch den RomanEin Verrückter" scheint sich Jos.Ruederer zu einem der Hochsitze der MünchnerModernen",in deren Kreis er gewöhnlich verkehrt und bei dereneinem Verein (Die Nebenregierung") er Vorsitzender ist,aufgeschwungen zu haben. Durch den sattsam bekanntenAlbert-München kam er in die Literatur. Mit derFahnenweihe" aber erlebte er nach eigenem Aussprucheine ganze Komödie. Selbst Meßthaler scheint den Plan,dieFahnenweihe" in seine SammlungModernesTheater"' aufzunehmen, fallen gelassen zu haben, so un-