Ausgabe 
(13.2.1897) 8
 
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möglich mich manche andere Stücke seiner Sammlungsind. Sicher fignrirte das Stück nicht anf dem Repertoire-programm desDeutschen Theaters" in München , indas doch selbst Panizza aufgenommen wurde. Sollte dieFahnenweihe" selbst diese Leute geschreckt haben? Ichfür meine Person wenigstens hörte, bevor ich das Stücknoch selber kennen gelernt, von verschiedener, höchst frei-sinniger Seite Urtheile über dasselbe, die es überhauptunmöglich erscheinen ließen, daß es zur Ausführung ge-langen könne. Endlich erscholl, für den ersten Augenblickverblüffend, das Siegesgcschmcttcr von Berlin her: Jos.Rncderer war sogar mit einem Schlag znm ersten Saison-autor am Theater des Westens geworden. Und daraufdie Dithyramben des Herrn Dr. Poppcnberg in derjndeugencigten, Decadence fördernden WienerZeit", dieaber auch für die moderne Wiener Bewegung ent-scheidend ist!

Ein Verrückter" undFahnenweihe" beruhen anfdem gemeinsamen Kunstprincip, ein winzig kleines StückErde und primitive Lcbenscultur in den Schmclzticgel zunehmen, mit verschiedenen Reagentien zu vermischen, so-dann das sonderbare Gebräu brodeln und seine Jchcultnr-triinme daraus aufsteigen zu lassen. In der erstenSchöpfung sind beide Parteien, sowohl der Lehrer alsseine Widersacher, schuldig; in derFahnenweihe", anf derenFiguren man manchorts mit Fingern deuten können soll,gibt es erst recht keine Personen-Gestaltung, die einenRest von Positivem, Lösendem hätte. Alles ist gleich, vondem kleinen, cholerisch vergrolltcn und verkümmerten Sub-alternbeamteii bis hinauf zu Pfarrer und Bürgermeister:und alles muß so sein. Nirgends hat jemand Rechtoder bedeutet etwas wie ein charaktervoll in sich Ge-schlossenes, von positivem Wirken Beseeltes: und dasmuß so sein. Und zwar muß das alles so sein, weilJos. Nuederer alle Qualitäten hat, in Bälde vom bayerischenVolksthum aus die große Tragikomödie liefern zu können:Bergsteiger mit kühlem Blut, haarscharfer Sicherheit,überlegter Ruhe; ein wagmnthiger Werber um die Gefahrmit trotziger Zähigkeit und straffer Spannkraft; ein Menschvoll lebenden Gefühles, im Innersten erregt und auf-gewühlt, durchschüttert im stillen Zimmer von den schwel-lenden Wogen der Meistersinger (Oper) oder den unend-lich sich ergießenden und fließenden Melodicnwellen desTristan, voll starker, heißer Herzcnsehrlichkcit und zähenTemperamentes, das nur mühsam sich im Zaum hältund mit starken Banernfäustcn auf den Tisch schlägt,daß die Zahmen und Verbindlichen zusammenfahren."So Poppenbcrg. krodaturn est!

Nun haben wir's also! Ein Stück scheinbar pri-mitiver Lokalgeschichte, nicht aus dem culturfremdcn, ein-samen Norwegen , aus dem in die Natur versinkendenoder zu jäher, ungelöster Zwcifclfrage sich erhebendenNorwegen des Henrik Ibsen, sondern aus Farchant undnächster Umgebung» seit ziemlich langer Zeit vom groß-städtischen, bald auch vom preußischen und jüdischen Tou-risten- und Sommcrsrischlerschlamm übcrwälzt: aber nachder Methode des Henrik Ibsen anf chronische Elementeund Reactionen geprüft, mit dem Schcidcwasscr des mo-dernen Hochzwcifcls, der modernen Jnsichsclbsihcrrlichkcitübergössen. Tristan Farchant sammt Umgebung derModerne" Joseph Nuederer: und die hohe Tragikomödieaus echter, unverfälscht bayerischer Nationalität! Dazunoch etwas Poppcnberg: und die wirkliche Komödie ist fertig!

Jede Reaction anf ein Extrem ist berechtigt, wirdaber auch ihrerseits, soll sie wirtlich natürlich und gcsctz-

entsprcchcnd sein, wieder ins Extrem fallen. Vondiesem, aber auch nur von diesem abstrakten Stand-punkt aus, der natürlich noch lange nicht auch eine An-erkennung verbissener Tendcnziösität in sich schließt,kann mau den RomanEin Verrückter" als verdienst-liche That eines, wenn auch erst abzuklärenden, so dochzu berücksichtigenden Talentes gelten lassen. Das dra-matische WescnsbildFahnenweihe" aber als erster Ver-such zu einer Tagikomödie ist lächerliche Uebcrhcbnng undbrutale Mache. Gut, wenn der Verfasser, wie auchPoppcnberg andeutet, alle ausländischen Anlehnungen,mit Ausnahme der idealen Beziehungen Zu Anzengrnber,Keller undBoccklin, ermangelt; in Herrn Ruedcrer'skraftvoller Persönlichkeit" erlaube ich mir aber zunächsteine noch ungesundere Steigerung der ungesunden berlinisch-ostelbischcn Literatnrbcwcgung zu sehen, die in brutalvoreiliger, alle tieferen Zeit- und Wcltgesctze mißkennenderWeise mit allem Heiligen, mit allem Schauerlichen tändeltund am liebsten alle Sterne des Himmels auf einmalherabholen möchte für das eigene RnhmeSdiadem alsSchmuck. Auf jene Weise könnte man ja auch ichweiß nicht, ob es nicht vielleicht schon geschehen istdenprometheischen Denker", den Pfälzer Lndw. Scharf,mit seiner stellenweise geradezu scheußlichen Dichtung alskünftiges Ideal der alemannischen oder, wenn man will,der rheinfränkischen Jndividualitätscnltnr hinstellen.

Thatsächlich haben Beide gemeinsam das von Pappen-berg so sehr, und zwar jedenfalls in lobender Absicht,Betonte: den leidenschaftlichen Haß gegen diePfaffen", dersich bei Nuederer dann in den späteren Schöpfungen inromanisch pikanter Auffassung zu wcltiibcrwiudender,humoristischer Ironie abgeklärt haben soll. Durch seinenheiß verbissenen Kampfruf gegen diePfaffen" ist ja inder letzten Zeit auch der fast verschollene Tiroler Gilm,manchmal sogar mit dem Prädikat eines zweiten Walthervon der Vogelweide, so sehr in Mode und Verehrunggekommen.

Den thatsächlichen Schlüssel zu den beiden großenSüddeutschen Scharf und Nuederer, die man sich danndvrch Hans v. Gumppeubcrg und Conrad zu einem er-habenen Quadrat ergänzt denken mag, gibt der ebenfallsgroße Panizza (siehe seinenAbschied an München" ) ireinem AufsatzVariota" derGesellschaft", des moderne?Centralorgans. Er preist darin die in der schöne»Literatur am konsequentesten von dem Dentsch-AmerikaneiWedckind gepflogene Art der Dichtung, die den altenenglischen Clown in der Lyrik wieder erstehen läßt, dengenialen Lyriker selbst zum Clown macht, der mit demHeiligsten und Nothwendigsten gebrochen und nun hierüberunter barocken Bockspriingcn, das Gesicht mit leichen-blasser Schminkkreide verschmiert, seine trüben, lachreizendcnSpäße macht.

Man fängt in Berlin über Bayern auch litcrarischsonderbar zu denken an. Hans von Gumppenbcrg istschon in Berlin: hole und behalte man dort lieber auchnoch den Jos. Nuederer!

Wir haben, wenn auch einige Filialen der nordost-deutschen Decadence (siehe den Artikel Decadence vonBartcls inKunstwort" Jan. 97) in München und sonsteinzeln verstreut, so doch gottlob noch kein national-bayerisches Verfallzeitlerthnm. Wenn sich auch mancheKruste und mancher Schleier über bayerisches undbajnvarisches Volksthum und Nationalgefühl gezogen, sobraucht man noch lauge nicht zu erwarten, daß dasimmer so bleiben wird. Um zu verstehen, wie sich dann