Ausgabe 
(20.2.1897) 10
 
Einzelbild herunterladen

Die Abteikirche zn Kastl .

Kunstgeschichtliche Skizze von F. Mcrder.

Es war vor einigen Jahren, da durchwanderte ichzum erstenmal das schöne Thal der Lanterach, um diealtehrwürdige Klosterkirche der ehemaligen BenediktinerabteiKastl zn besuchen. Dieser Besuch flößte mir dauerndes Inter-esse ein für dieses merkwürdige Baudenkmal: es ist wohlder bedeutendste frühmittelalterliche Kirchenbau, der in derDiöcese Eichstätt erhalten blieb. Es mag deswegen fürweitere Kreise interessant sein, einige kunstgeschichtlicheNotizen über die Peterskirche in Kastl zu erfahren.

Eine Wanderung durch das Lauterachthal esliegt zwischen Amberg und Nenmarkt i. d. Oberpf.lohnt sich schon wegen der landschaftlichen Reize, diedieser stillen, weltfernen Gegend eigen sind, und diejeder Besucher anerkennen wird, sofern er nicht etwa seinHerz für ewig den Gletschern und Schueefeldcrn desHochgebirgs verschrieben hat.

Wir passiren das malerisch gelegene Dorf Pfaffen-hofen; zu Klosters Zeiten war es die Pfarrei von Kastl .Ueber dem Orte auf felsiger Höhe erhebt sich dieSchwcppermannsburg. Sie ist halb Ruine: der ritter-liche Held ruht in der Klosterkirche zu Kastl . In Pfaffen-hofen hat sich ein sog. Karner aus spätromanischer Zeiterhalten; wir dürfen an dieser etwas heruntergekommenenKapelle nicht vorbeigehen, ohne sie besucht zn haben:nur wenige dieser mittelalterlichen Bauten sind in Bayern erhalten geblieben. Der Karner zu Pfaffenhofen ist eindoppelgeschossiger, in beiden Geschossen mit Kreuzgewölbenversehener Bau: oben die Kapelle zur Feier des Gottes-dienstes, unten der Raum für die Todtengebeine. DieApsis der Kapelle trat als Erker aus der Ostwandhervor: doch ist leider nur der feinprofilirte Sockelerhalten, auf dem sie ruhte. Interessant ist auch ein ander Nordwand außen befindliches Erkerchen; es war einArmenseelenlicht-Häuschen, bestimmt zur Aufnahme einesLichtes, wie es im Mittelalter auf den Friedhöfcn ge-bräuchlich war.

Wir wandern die Straße weiter.

Kaum haben wir Pfaffenhofen verlassen, da machtdas Thal eine scharfe Biegung, und das Ziel unsererWanderung, Kastl , liegt vor uns.

Das Bild äst überraschend: Auf der Höhe desKlosterberges erhebt sich die ehemalige Abtei mit ihrenBefestigungen, Thürmen, malerischen Gebäuden; da-zwischen prächtige Baumgrnppcn, und alles überragt derausdrucksvolle Thurm der Klosterkirche. Die Patinaehrwürdigen Alterthums verleiht dem Bilde seinen eigenenReiz. Um den Fuß des Klosterberges grnppirt sich derMarkt Kastl : das Charaktervolle des obigen Bildes fehltauch ihm nicht.

Die Benediktinerabtei zu Kastl , besonders die Kloster-kirche sind aber nicht bloß als landschaftliches Motivfür Künstler und Touristen interessant, sondern dieseKirche nimmt auch in der deutschen bezw. bayerischenKunstgeschichte eine bedeutsame Stellung ein, und nurdie Abgelegcnheit Kastls vom großen Verkehrsweg machtes erklärlich, wie vn. B. Niehl bemerkt, daß dieser merk-würdige Ort bisher in der Kunstgeschichte nicht diejenigeBeachtung gefunden hat, die ihni gebührt.

Wenn man heute die Nbtcikirche besucht, so findetman allerdings nicht mehr jenen Ban und jene innereAusstattung, wie es zu den Zeiten war, wo ein Schwepper-

maun in den ehrwürdigen Hallen der Peterskirche auf demKlosterberge zn Kastl betete, oder lvie es Kaiser Ludwigder Bayer vorgefunden, als er am 8. Januar des Jahres1323 in dem Kloster zn Kastl das Dankfcst feierte fürden Sieg, den er bei Mühldorf über Friedrich denSchönen errungen hatte: die wechselvolle Zeit hat oftmit rauher Hand in diesen heiligen Räumen gcwirth-schaftet. Doch ist im wesentlichen der Bau so erhalten,wie ihn das Mittelaltcr geschaffen.

Das Kloster Kastl ist eine Stiftung der Nachkommendes Herzogs Ernst II. von Schwaben : des Grafen Veren-gen: von Sulzbach, des Grafen Friedrich von Kastl undder Enkelin des Herzogs Ernst, der Gräfin Luitgard.Luitgards Bruder war Bischof Gebhard III. von Kon-stanz . Gebhard war ohne Zweifel bei der Kastler Kloster-gründung betheiligt. Die ersten Mönche, die das Klosterzu Kastl bevölkerten, kamen nämlich aus Petershausen bei Constanz. Ihr Abt hieß Theodorich . Die Veran-lassung zu dieser Berufung ist jedenfalls bei BischofGebhard zu suchen.

Die Gründung des Klosters beginnt mit dem Jahre1098. 1103 schritt man zum Bau der Kirche, 1129wurde sie geweiht.

Die Peterskirche zu Kastl ist eine im Chor fünf-schiffige, im Langhaus dreischiffige romanische Pfeiler-basilika. Qnerschiff besitzt sie keines. Den fünf Schiffendes Chores eusprechen fünf Apsiden, von denen dieHauptapsis und die Apsiden der inneren Nebenschiffe ingleicher Linie liegen. Die Apsiden der äußeren Neben-schiffe dagegen sind in die Westwand der beiden Thürmeeingelassen. Die Thürme befinden sich nämlich östlichneben den zwei vorderen Jochen der inneren Nebenschiffe:sind also den äußeren Nebenschiffe» östlich vorgelegt. ImWesten besaß die Basilika eine dreischiffige Vorhalle.

Die Länge von St. Peter beträgt mit Einschlußder Vorhalle 65 m (im Lichten), die Breite der dreiSchiffe 19 in. Die Höhe des Mittelschiffes ist im Chor12 IN, im Schiff 15 na; die Nebenschiffe haben einedurchlaufende Höhe von 8 m.

Betreten wir die Kirche durch die Vorhalle imWesten sie wird Paradies genannt! In ihrer jetzigenGestalt ist dieselbe ein Werk der Gothik, wahrscheinlichaus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Das schöneGewölbe entwickelt sich aus einem achtseitigen Ccntral-pfeiler, wie das Geästs eines Baumes. Jedenfalls warensymbolische Absichten bei dieser Anlage maßgebend; manmag an den Baum des Lebens in der Mitte des Para-dieses gedacht haben.

Die heutige Vorhalle nimmt den Raum ein, denehemals das Mittelschiff des romanischen Vestibüls innehatte; sie mißt 12 ra in der Länge und 8'/^ m in derBreite wie das Mittelschiff der Kirche.

. Die ursprüngliche romanische Vorhalle war aberdreischiffig. Diese Thatsache ist außer allem Zweifel:an der Nord- und Südwand der jetzigen Vorhalle siehtmau uoch die drei Arcadenbögen, durch welche das ehe-malige Mittelschiff mit den Seitenhallen in Verbindungstand, sowie Fragmente der tragenden Säulen.

Die mittlere Halle des ehemaligen Vestibüls warüberdies doppelgeschossig. Eine derartige Anlage ist, wennich nicht irre, in Bayern ein llnicum; verwandte Bei-spiele finden sich zu Limburg a. d. Hardt, am Dom zuSpcyer, zu Gurk in Kärnten .