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im Jahre 1686 mit dem Besuche und der Betrachtungdes Kreuzweges; in der Folge wurden soviele darauf ver-liehen, wie sonst auf keine andere Andacht, doch immerim Ganzen und nicht auf eine besondere Station, weildiese eben kirchlich nicht festgestellt sind. Keine Andachtist auch so volksthümlich geworden, wie diese. Aus demLeiden Christi erwächst ja der Ablaß der Sünden undStrafen. Aus dem Eifer, die hl. Stätten des Leidensin Jerusalem und in der Heimath zu besuchen, sie selbstin den Einzelheiten mit Liebe zu betrachten, ergibt sichder unumstößliche Beweis, daß die morgen- und abend-ländische Christenheit auf die Verdienste Christi allezeitden höchsten Werth gelegt hat. Daher wiederholt sichbei jeder Station immer wieder das Wechselgebet: Wirbeten dich an, o Herr Jesu Christe, und benedeien dich:denn durch dein hl. Kreuz hast du die ganze Welt erlöst.
Hans Eschelbach's „Wildwnchs".
Von I. B. F. '
„Nach dem brausenden Lärm des Tages im ruhe-losen Dränge nach Erwerb erschließt sich fort und fortder Sternenhimmcl über der Erde und zieht die Blickeder Sterblichen.zu sich empor, und so lange dieses alteund doch ewig neue Schauspiel währt, so lange in jedemJahr der Frühling mit Blüthenduft und Vogelfang wieder-kehrt, wird es auch Menschen geben, die den Drang insich fühlen, die Empfindungen ihres Herzens auszuströmen,den Gebilden- ihrer Phantasie Gestalt zu leihen. Und eswird nicht an solchen fehlen, die als Hörer Ohr undSeele der schönen Kunst erschließen."
So schrieb mit ahnendem Geiste ein berühmterDichter, ein feinsinniger Literarhistoriker und idealerKunstmäccn, der im Frühjahre 1894 verstorbene GrafAdolf Friedrich von Schock, von der „Dichtkunstund Literatur Jahrtausende nach uns". Wenn wir andieser dichterischen Prophctie irgend etwas auszusetzenhaben, so ist es der Einwand, daß ihre Erfüllung inallzu weite Ferne gerückt wird — denn heute schon be-ginnt sie einzutreffen.
Dort an den lieblichen Gestaden des deutschenStromes, iu dessen grünlichen Fluthen Sang und Sagerauscht, haben vor kaum denn neunundzwanzig Jahrendie Musen, als bereits von den herrlich geschwungenenrebennmrankten Hügeln linde Frühlingslüfte säuselten,einem munteren Knaben des alten Vaters Rhein dieheilige Liedergabe in die Wiege gelegt. Voll Anmuthund mild bestrickenden Reizes schlägt heute der Sänger,um dessen jngendfrische Stirne die dunklen Locken wallen,im nachtigalldnrchschmetterten Haine der rheinischen Ge-lände die Harfe und weckt mit goldnem Saitenspiet inallen deutschen Gauen, vom schwäbischen Meere bis zumnordischen Belt, schallendes Echo.
„Willst du den Dichter recht versteh'«.
Muht du in Dichters Lande geh'n!"
Zwar werden wir nun nicht nach dem alten heiligenKöln, wo unser Dichter lebt, fahren „auf des SchiffesPlanken — nur stille in Gedanken". Der goldene Wein,der grüne Strom, der ehrwürdige Dom „träumend vonUnendlichkeit", das alte Kästen beflügelt unsere Phan-tasie. Die Erscheinung des Dichters tritt vor unserAuge: es ist der katholische Schriftsteller, Lyriker undDramatiker Haus Eschelbach, der einen der er-sten
Plätze inmitten der zeitgenössischen katholischen Sanges»Brüder und Schwestern behauptet.
In einer kürzen literarischen Skizze wollen wir denlieben Leserinnen und freundlichen Lesern den Dichtervorstellen und ihnen, soweit der Nahmen einer Skizzees zuläßt, Gelegenheit geben, den Dichter aus jenemWerke kennen zu lernen, das seinen Namen durch diedeutschen Lande und weit noch darüber hinausgetragenhat — aus seinem klangvollen Liederbuche „Wildwuchs".Wohlan denn, laßt uns dem gottbcgnadcten jungenDichtertalente am Rhein den Kranz der Verehrungwinden!
Hans Eschelbach, geboren am 16. Februar 1868in Bonn als der Sohn eines Schreiners, besuchte dieMünsterschule und die Präparandcnanstalt seiner Vater-stadt, das katholische Lehrerseminar in Brüh! und alsHospitant die Universität in Bonn und wirkt jetzt alsLehrer in Köln. Von einem zartfühlenden, natursinnigenVater ward er als Kind schon mit den Geheimnissen desWaldes innig vertraut und machte, erst ein Knabe vonzwölf Jahren, seine ersten schriftstellerischer Versuche undveröffentlichte seit seinem vierzehnten Jahre Gedichte innamhaften Zeitungen. Mit zwanzig Jahren trat er mitseinem- Erstlingswerke an die Oeffentlichkcit: „Dreidra in a tische Bibels cenen", *) zu denen der bekannteKirchencomponist Musikdirektor Piel eine Originalcompo-st'tion schrieb. Seither ist Eschelbach mit neun Werken, theils inProsa, theils in Poesie, auf dem literarischen Plan erschienen,drei schriftstellerische Arbeiten hat er gegenwärtig in Vor-bereitung. Dein Erstlingswerke folgte im Jahre 1890das biblische Drama „Varikös!") das innerhalb zweierJahre von mehr. als sechzig Vereinsbühnen aufgeführtund von iiber fünfzig Zeitschriften und. Zeitungen in an-erkennendster Weise besprochen wurde. Schon 1894 wurdeeine zweite Auflage nöthig. Mittlerweile war Eschelbach beliebter Mitarbeiter hervorragender Zeitschriften geworden:die „Kölnische Volkszeitung", der „Deutsche Hausschatz",die „Alte und Neue Welt", „Allgemeine Kuustchronik",„Moderne Kunst", „Jklnstrirtc Welt", die „FliegendenBlätter", die „Dichterstimmen", die „Jllnstrirtc Zeitung"brachten gerne Beiträge aus seiner Feder. Namentlichfanden seine Gedichte in den „Fliegenden Blättern " vieleAnerkennung: sie wurden mehrfach componirt und illustrirt.In genannten Zeitschriften ist Eschelbach , der unermüdlicheMitarbeiter, noch heute ein gern gesehener, freundlichstwillkommener Gast. Durch seine unter dem Titel „Wild-wuchs" erschienenen Gedichte, die in einem Jahre zweistarke Auflagen erlebten, wurde der Dichter in weiterenKreisen rasch bekannt und berühmt gemacht. Eschelbach ist ein dramatisches Talent von ganz vorzüglicher Be-deutung. Das Jahr 1894 brachte seine erste größereBühnendichtung „Modern", Drama in fünf AktenH.Es umfaßt zehn Rollen und bietet in der Rolle der MariaBäcker, der Bühnenheldin, eine Glanzrolle, die noch dieder Magda iu Sudermann's „Heimath" übertreffen soll.Das Schauspiel gehört der neuen Richtung au, verschontuns jedoch mit verfänglichen und unergnicklichen Scenen.Fachleute stellen es noch in der Bühnenwirkung über