Leonhard Eitler.
(Geb. 15. April 1707.)
^ Einer der fruchtbarsten Schriftsteller, welche dieGeschichte der Wissenschaften kennt, einer der gliiütichstenForscher und zugleich einer der vornehmsten Charakterein der Gelehrtenwclt war Leonhard Enler. Die Mensch-heit vergißt in Undankbarkeit oft ihre größten Geistes-helden, während sie das bettelarme Geschreibe des seich-testen Nomanfabrikantcn hoch und heilig verehrt; und soist in der „gebildeten Welt" der Name Eulers nicht sehrbekannt, selbst nicht Jenen, nullche ihr Bildnngsweg durchsGymnasium geführt hat. Desto höher steht LeonhardEnler bei der kleinen Gemeinde der Mathematiker undPhysiker; denn er ist der Schöpfer des modernen mathe-matischen Denkens. Diese Wissenschaft, welche den Geistin strengste Zucht nimmt, sträubt sich zu sehr gegen Popn-larisirung und ist, beschränkt auf einen engen Kreis von„Fachmännern", von den Anderen zu sehr gehaßt, alshaß wir hier dem Leser, den vielleicht schon beim Namen„Mathematik" ein Grausen befällt, znmnthen wollten, inEinzelheiten mathematischer Natur einzutreten. Damitsei er verschont; aber dem großen Denker, der geradevor 190 Jahren das Licht der Welt erblickte, ein kurzesGedenkblatt zu weihen, können wir uns nicht versagen.
Leonhard Enler wurde am 15. April 1707 zu Basel geboren. Ein Jahr nachher zog sein Vater Paul alsPastor in das nahe Dorf Riehen, , woselbst Leonhard dieerste Jugend verlebte. Die einfachen Lcbcnsverhültnisseauf dem Lande legten in ihm frühzeitig den Grund zudem offenen und hellen Sinn sowie zur schlichten undbescheidenen Einfachheit, die den Mann bis an sein Endezierte; das „rsrum evAnosasra oaumas" trat schon inder Kindcssccle hervor. Im Hühnerhof seines Vatersmachte der kleine Forscher seine ersten Naturbeobachtnngcn,und so fand man denn einst zum allgemeinen Gaudium !das vierjährige Biiblein dort über einem großen HaufenEier sitzend, und auf die Frage, was er denn da treibe,antwortete der künftige Akademiker allen Ernstes, er wolleHühner ausbrüten. Den ersten Unterricht erhielt er vonseinem Vater Paul; Leonhard zeigte besonders Liebe zurMathematik, was der Vater, selbst ein tüchtiger Mathe-matiker, gerne sah, obgleich er den Sohn für das Stu-dium der Theologie bestimmte und in Gedanken ihn schonals seinen Nachfolger in Riehen sah. Es sollte anderskommen. Leonhard bezog die Universität Basel undstudirte in der That Theologie und daneben orientalischeSprachen. Ein Jüngling von so hervorragender Fassungs-gabe und so unglaublichem Gedächtniß, fand er außerdemnoch Zeit für die schwierigsten mathematischen Aufgaben,so daß er, erst 16 Jahre alt, die Aufmerksamkeit seinesLehrers Johann Bcrnouilli, des damals größten Mathe-matikers, erregte. Bald erhielt Enler von seinem Vaterdie Erlaubniß, sich ausschließlich der Mathematik widmenzu dürfen, erwarb die akademischen Grade und erhielt,obwohl nie aus Basel hinausgekommen und noch keinesgrößeren Schiffes ansichtig geworden, bereits in seinem19. Lebensjahre einen Preis, den die Pariser Akademiefür die beste Arbeit über die Bcmastnng der Schiffe aus-gesetzt hatte. Daniel und NicolanS Bcrnouilli, Eulers
') Vgl. Fuß Nie., Lobrede auf Leouh. Enler. Basel 1786. — Radio F., Lconbard Eulcr (Oesfeutl. Vortrüge,geh. in der Schweiz. Bd. VIII. H. 3). Basel 1831.
ältere Freunde, die Söhne seines verehrten Lehrers, warendamals von der russischen Kaiserin Katharina I. an dieneugegründete Petersburger Akademie gerufen worden.Von da schrieb Daniel Bcrnouilli an den 19jährigenEnler die ehrenvollen Worte: „Kommen Sie sobald alsmöglich nach Petersburg, und zeigen Sie der Akademie,daß, wie viel Gutes ich auch von Ihnen erzählte, ichnoch lange nicht genug gesagt habe, denn ich behaupte,daß ich durch Ihre Berufung unserer Akademie einenweit größeren Dienst erweise, als Ihnen selbst." Enlernahm das Anerbieten freudig an, obwohl er in Peters-burg Physiologie dociren sollte. Hatte er in den Natur-wissenschaften schon bedeutende Kenntnisse erworben, sovervollständigte er sie jetzt durch eifriges Studium derAnatomie und Physiologie und verließ, erst 20 Jahrealt, sein Vaterland, und zwar für immer. In Peters-burg angekommen, wurde Euler jedoch sofort zum Ad-junkten der mathematischen Klasse ernannt und wirkte6 Jahre an -der Seite Daniel Bernouilli's, der 1733nach Basel zurückkehrte und 1782 starb. Beide Männerwaren in innigster, selbstloser Freundschaft ohne jedenSchatten von Neid oder Eifersucht einander zugethan,was der umfangreiche, auch wissenschaftlich bedeutsameBriefwechsel bezeugt;^) es ist das unter Gelehrten wunder-seltcn, denn sie speien am liebsten Gift auf einander. Erstwar Enler 26 Jahre alt und schon war seine Bedeutungfür die Wissenschaft, die er als Nachfolger Bernouilli'slehrte, in der ganzen Gelehrtenwelt anerkannt. Eineastronomische Berechnung, welche die Akademie im Jahre1735 verlangte und zu der die übrigen Mitglieder derAkademie mehrere Monate Zeit beanspruchten, löste Euler in drei Tagen. Doch zog die übermenschliche Anstrengungden: genialen Mathematiker eine gefährliche Krankheit zu,die mit dem Verluste des rechten Auges endete. Gleich-wohl wurde Eulers Arbeitsgeist nicht vermindert, ehervermehrt. Die politischen Verhältnisse machten indeß demfreien Schweizer das Leben in Petersburg unerträglich,und so folgte Euler 1741 mit größter Freude einer Ein-ladung Friedrichs II. an die 1700 gegründete BerlinerAkademie der Wissenschaften, deren erster Präsident Leiblichwar. Unter dem Soldatenregiment Friedrich Wilhelms I. konnte ein Verständniß für wissenschaftliche Bestrebungennicht aufkommen, und so war auch die Akademie ver-fallen. Friedrich II. schaffte Wandel durch Berufungder hervorragendsten Gelehrten Europa's. Unter allendamals lebenden Mathematikern erschien der 34jährigeLeonhard Euler als der würdigste, die glänzende Reihevon berühmten Namen zu eröffnen, und blieb 25 Jahreder bedeutendste Vertreter des auserlesenen Gelehrtcn-kreises. Im Jahre 1766 verließ Enler Berlin, nm,60 Jahre alt, veranlaßt durch einige Meinungsverschieden-heiten der Akademie sowie durch die glänzenden Auer-bictungen der Kaiserin Katharina II., abermals nach Ruß-land zu ziehen. Kaum in Petersburg angekommen, befielihn eine heftige Krankheit, die ihm das Augenlicht gänzlichraubte. Dies Unglück, das kleinere Geister in muthloseVerzagtheit niedergebeugt und zur Rast und wohlbcgreif-lichen Unthätigkeit gezwungen hätte, schien Euler nur nochzu größerem Fleiß: anzuspornen. Getragen von unge-wöhnlicher Kraft Sl>s Willens und Fähigkeit des Geistes,
') D-erielbe, ein Denkmal edler Seelen, ist von Nie.Fuß herausgegeben.