Ausgabe 
(16.4.1897) 21
 
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unterstützt lediglich von dein Vorstellnngsveriiiögcn undeinem allerdings fabelhaften Gedächtniß, schuf der nungänzlich erblindete Greis in fieberhafter Thätigkeit dieletzten 17 Jahre seines Lebens beinahe die Hälfte allseiner Werke. Kurze Zeit nach der Erblindung traf ihnein weiterer harter Schicksalsschlag, indem sein Hansmitsammt seiner Bibliothek und mit werthvollen Hand-schriften eigener Werke ein Raub der Flammen wurdeund er selbst mit genauer Noth dem Tode entging. Abernichts vermochte den Muth des Gelehrten, der sich dieRuhe und Heiterkeit in allen Fällen bewahrte, zu beugen;unverdrossen kehrte er sich seinen wissenschaftlichen Arbeitenzu. Der Tod überraschte den großen Gelehrten am18. September 1783 mitten in seiner Thätigkeit. DieLuftschifffahrt war damals eben eine neue Entdeckung,die Euler mit lebhaftestem Interesse verfolgte. Geradehatte er eine schwierige Berechnung glücklich gelöst undbesprach dieselbe mit einem seiner Freunde, da sank erzurück, die Feder entfiel seiner Hand, und Euler , einerder größten Mathematiker aller Zeiten, hatte aufgehörtzu rechnen, d. h. zu leben.

Euler war nicht bloß ein eminenter Gelehrter, son-dern, was man nicht so häufig damit verbunden trifft»auch ein vorzüglicher Mensch, ein gerader, offener Cha-rakter, ein zärtlicher, treubcsorgter Vater seiner zahl-reichen Familie. Ungewöhnliche Herzensgute verband ermit einem unerschütterlichen Christenglauben und einerkindlichen Frömmigkeit. Ein rührendes Denkmal dessenhat sich Euler selbst in einer kleinen Schrift gesetzt, dieden Titel führt:Rettung der göttlichen Offenbarunggegen die Einwürfe der Freigeister." (Berlin 1747.)«)Was wir heuteallgemeine Bildung" nennen» besaßEuler in ungleich höherem Maße, als unsere modernenFachmänner, die über ihren engen Kreis gewöhnlich keineNasenlänge weit hinaussehen. Ja, Euler war ein Poly-histor. Das klassische Alterthum, Literatur und Geschichtekannte er gründlich, Naturwissenschaft und Medizin warenihm wohlbekannte Gebiete, war er doch eigentlich, umPhysiologie zu lehren, nach Petersburg berufen worden.Zur Erholung setzte er sich aus Klavier, aber auch dazeigte er sich als Mathematiker, der eben gewohnt war,jede Erscheinung mathematisch aufzufassen, und das Werkseiner Mußestunden war ein Werk* *) über die Theorieder Tonkunst. Seine Gedächtnißkraft war geradezu un-glaublich: In einer schlaflosen Nacht berechnete Euler ,schon 75 Jahre alt, die ersten 6 Potenzen der ersten20 Zahlen und konnte dieselben mehrere Tage lang vor-wärts und rückwärts hersagen. Im hohen Alter wußteer Virgils Aeneide ganz und gar auswendig, ja er konntevon jeder einzelnen Seite seiner in der Jugend benutztenAusgabe den ersten und letzten Vers aufsagen. So wardenn Euler ein Mathematiker, dem die glücklichste Natur-anlage in jedem Augenblicke die Gesammtheit seinerKenntnisse zu Gebote stellte. Euler war keiner jenerLehrer, die dem Grundsatz huldigten: Professor zuwerden sei zwar schwer, Professor zu sein aber leicht,und die, zufrieden mit einer kleinen Promotions- undHabilitationsschrift, auf diesen Lorbeeren ausruhen; nein,sein Dasein war ein Leben ununterbrochener Thätigkeit

') Vgl. Hagenbach K. N., Lconh. Euler als Apologetdes Christenthums. Basel 1851. (Enthält auch den voll-ständigen Abdruck seiner kurzen, aber inhaltreichen Schrift.)

*) leutawou novas tbsorias musioas ex certissimwdaianonias xrineixiis sxxo«itas. kstropoli, 1739. Dazunoch ein Dutzend kleinere Abhandlungen.

als Schriftsteller und als Lehrer, der von seinen Schülernschwärmerisch geliebt, bewundert und angebetet wurde.Enlers zahlreiche Schriften sind nicht etwa das Ergebnißeiner compilatorischcn Schreibewnth, sondern sie sind invieler Hinsicht von grundlegender oder epochemachenderBedeutung. Der Fnnktionenlehre hat er zwei Haupt-werkes gewidmet, seine Einleitung in die Analysis desUnendlichen und seine Anleitung zur Jnfinitesünal-Rech-nung. Heute nach 100 Jahren sind diese Werke nochdie lesenswerthesten Lehrbücher der höhern Analysis, aufdenen alle neuern fußen. Was knapve und klare Aus-drucksweise betrifft, so ist Enlers überaus anschaulicheDarstellnngsweise Muster für alle Zeiten geworden. Hierhat Euler erst eine Kunst gelehrt, die wir bei seinen Vor-gängern, Bernouilli nicht ausgenommen, vergebens suchen.Der Mathematiker nennt den Namen Enlers nur mitdem Gefühl staunender Bewunderung, aber auch derPhysiker und Astronom verehrt ihn als Bahnbrecher.Die Theorie der Bewegung der Himmelskörper behandeltEuler in mehreren größeren Werken; er war der erste,der eine richtige Vorstellung vom Wesen der Wärmehatte; er hielt gegen Newtons Autorität, der einen Licht-stoff annahm, an der Ansicht fest, daß das Licht in derschwingenden Bewegung des Aethers seinen Grund hat;ihm (nicht Dolland) gebührt der Ruhm, die wichtige Er-findung achromatischer Linsencombinationen gemacht zuhaben.«) Es ist unfaßbar, wie Euler , der auf reinmathematischem Gebiete wohl die bedeutendste Erscheinungaller Jahrhunderte ist, noch Zeit finden konnte, reinpraktische Fragen mit Gründlichkeit zu behandeln. Soverfaßte er ein umfangreiches Lehrbuch der Artillerie-wissenschaften mit einer vollständigen Theorie der Ballistik;die Schiffsbaukunde bereicherte er mit einer Reihe hoch-wichtiger Werke, die das größte Aufsehen erregten undin alle Sprachen Europa's übersetzt wurden.?) Demgrößeren Publikum ist EnlersAnleitung zur Algebra"«)am bekanntesten. Der Gelehrte, dessen Geist mit denschwierigsten Problemen der höheren Mathematik beschäftigtIvar, verschmähte es indessen auch nicht, populäre Werkezu schreiben. Unter diesen haben dieBriefe an einedeutsche Prinzessin" °) Berühmtheit erlangt. Diese, 234an der Zahl, sind gerichtet an eine Nichte Friedrichs II. und bilden die Fortsetzung mündlichen Unterrichtes, denEuler ertheilt hatte. Diese Briefe behandeln die wichtig-sten Gegenstände der Mathematik, Physik und Philosophie

°) Ivtroäuetio in avalz^in intinitoruw. Dauganvas1749, 2 voll. Ivstitutionss ealeuli äiK'srsntiali,?. Lsro-lini 1755, 2 voll. Ivstitutionss calculi intsKralis. Dstro-poli 1768 70, 3 voll. Vgl. auch äo1lz?, Da LulsAineritis circa tunotiones oircularos. 1834.

*) Ibenris, inotus Innas. Dero). 1753. Tbsoria ino-tuum plaustarum st comstaraw. Dsrol. 1744. LlsobauieaavaIMcs exposita. kstropoli 1736, 2 voll. Dbooria mo-tus corpoi-um soliäorum. Rostoobii 1765. Onastructiolsntiurn objectivaruw. Dstrop. 1762. Dioptrie», ketrov.176971, 3 voll.

') Neue Grundsätze der Artillerie. Berlin 1745.Lvisntia navalis ssu tractatus äs cvnstrusuäis st üiri»Ksnäis navibus. ketropoli 1749, 2 voll.

°) Zuerst Petersburg 1771 (2 Theile), dann in mehrerenAusgaben: zuletzt deutsch in Leipzig (Reclam's Univcrsal-bibliothek Nr. 18021805): eine hübsche Ausgabe, die er-neuert zu werden verdient, ist die lateinische: LIsmsntaalAsbras ex Aalliea in lati'nam lin^nain vsrsa oum notisst aääitionibus (von Jesuiten besorgt). 8°. 2 voll. Veuotiis,ksWana, 1790.

") Zuerst französisch, Petersburg 176872; deutsch be-arbeitet von Loh. Müller. (Stuttgart 1847, 3 Bde.)