Ausgabe 
(16.4.1897) 21
 
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kn überaus lichtvoller und liebenswürdiger Darstellung;man darf sie geradezu als Muster populärer Darlegungbezeichnen, und sie verdienten auch heute noch die größteBeachtung und weitere Verbreitung.

In allen seinen Werken ist Euler ein Meister desStiles. Das Studium seiner Schriften ist für den An-fänger wie für den Geübten gleich anregend und genuß-reich. Euler bediente sich fast ausschließlich der latein-ischen Sprache, und er handhabte selbe mit großer Zier-lichkeit und Gewandtheit. Der Meister würde gewiß sichschänlcn, deßhalb gelobt zu werden, so selbstverständlichwar es ihm, daß des Gelehrten Muttersprache das Lateinist; heutzutage aber darf man diese Kunst schon hervor-heben» da selbst Philologen nicht mehr Latein schreiben,geschweige Mathematiker, und erstere durch unverständigePnristerei ihr redlich Theil dazu beitragen, einen Brauch,der ebenso nützlich wie ehrenvoll wäre, immer mehr zurück-zudrängen. Die alberne Phrase, daß die lateinische Sprachedem Ausdruck modernen Denkens nicht gewachsen sei, hatEuler , wie später auch noch Gauß und Jacobi, ^) durchdie Thatsache schlagend widerlegt. Möchte die gelehrteWelt daraus ein Beispiel nehmen zum Vortheil derWissenschaft, die doch ein Weltgut ist und keine eng-herzigen nationalen Schrecken kennen soll!

Die ungeheuere Fruchtbarkeit Enlers steht vielleichtkn der Geschichte aller Wissenschaften ohne Beispiel da.Euler hat sich mehrmals anheischig gemacht, so vielemathematische Arbeiten zu schreiben, daß dieselben noch20 Jahre nach seinem Tode die Denkwürdigkeiten derPetersburger Akademie füllen konnten. Und er hat mehrgehalten, als er versprochen. Seine Arbeiten zierten noch40 Jahre nach seinem Tode die Annalen jener gelehrtenGesellschaft, und als mau nach weiteren 20 Jahren beieiner Revision seiner Beiträge das Riesenvermächtnißendlich bewältigt zu haben glaubte, fanden sich doch nochüber 50 angedruckte Abhandlungen, die man übersehenhatte. Ein vollständiges Verzeichnis der Arbeiten Enlers,das lediglich die Titel namhaft macht, ist selbst ein kleinesBuch und weist über 800 wissenschaftliche Publikationenauf, viele allerdings kleinere Abhandlungen, viele aberauch Werke von mehreren dicken Bänden. Eine Gesammt-ausgabe der Werke Leonhard Enlers dürfte mehr als40 stattliche Quartbände umfassen. Leider besitzen wirnoch immer keine des unsterblichen Forschers würdigeGesammtausgabe seiner Arbeiten, während die Akademienzu Leipzig und Berlin die Werke anderer bedeutenderMathematiker, wie Graßmann, Steiner, Wcicrstraß,Kronecker, Gauß, Jacobi in vortrefflichen Sammelans-gaben veröffentlicht haben. An Leonhard Euler hat alsodie gelehrte Welt noch eine Ehrenschuld abzutragen. ZehnJahre trennen uns noch von der 200jährigen Gedenkfeierdes Geburtstages dieses größten Mathematikers. Möchtesich bis dahin ein reicher Mäcenas finden, der dein Unter-nehmen den finanziellen Bestand sichert. Einen Mann,der die wissenschaftliche Aufgabe zu leiten im Standewäre, besitzen wir ja; es ist kein anderer, als unserdeutscher Landsmann, der vortreffliche Mathematiker undAstronom Johann G. Hagen , Priester der Gesellschaft

") Dre beiden bedeutenden Mathematiker gebrauchtenfür ihre wichtigsten Arbeiten die lateinische Sprache, ob-gleich sie schon einer jüngeren Zeit angehören. Die ge-sammelten Werke des C. G. I. Jacobi (7 Bde., Berlin 186191) weisen 53 Arbeiten in lateinischer Sprache aufaus der Zeit 1825-51.

Jesu, Direktor der Sternwarte in Georgetown, eine demMeister Euler kongeniale Natur. Der gelehrte Jesuit")hat vor einigen Monaten eine wichtige und unerläßlicheVorarbeit für eine Gesammtausgabe von Enlers Werkenherausgegeben, nämlich einen sehr sorgfältig gearbeiteten,bibliographisch genauen, vollständigenInclsx spornn»lisouarcii Lulsri« (8° px>. X -s- 80. Lsrvliai, vamss1896, M. 2,00). Der granitene Denkstein, den diePetersburger Akademie ihrem berühmtesten Mitgliede ge-setzt, mag nach Jahrhunderten verfallen, die Inschrift ver-wittert sein, aber der Name Leonhard Euler wird alsWahrzeichen geistiger Größe leben, so lange es eineCultur gibt, denn er selbst hat sich ein Denkmal gesetzt,erhabener als jedes Gebilde von Menschenhänden, seineunsterblichen Werke. Dürften wir des k. Hagen ver-dienstvolle Vorarbeit als ein gutes Augurium bezeichnenund möchten wir die gelehrten Vater der Gesellschaft Jesu ,die ja sonst überall auf der Höhe der Wissenschaft stehen,auch an dieser Arbeit sehen! Des Dankes der Gelehrten-welt wären sie sicher. Es wäre das geradezu eine Groß-that, die den alten Ruhm dieses Ordens, die mathematischenStudien mit Erfolg zu Pflegen, in neuem Glänze erstrahlenließe. laxit Oeus!

Streifziige durch die socialpolitische Literaturder Renaissance.

VonFrz.Jos. Strohmeyer, Benefiziatin Oberstdorf.

(Fortsetzung.)

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts ist nicht nurbei den politischen Schriftstellern jeder Widerstand ver-stummt, auch die Masse des Volks steht dem absolutenHerrscherthum treu zur Seite.Unvergleichlich loyal ist,hören wir 1547, dieses Volk, sein Wahlsprnch ist über-feinen Stadtthoren zu lesen: ua äisu, un roi, uns loi,uns toi."")

Selbstverständlich hatte dieser Aufschwung der abso-luten Monarchie, begleitet von einem Erstarken des Na-tionalgefühls, auch in der Dichtung dieser Zeit seinenNiederschlag hinterlassen. Wir dürfen zwar in diesenZeiten nicht schon eine tiefere Auffassung und Begründungdes Absolutismus in der Dichtung zu finden hoffen. Aberfast ausnahmslos stellen sich die Dichter entschlossen inden Dienst des aufstrebenden Königthums. Das abso-lute Königthum zog eben alle frischen Kräfte unwider-stehlich an sich; denn es war das Neue, es stellte denFortschritt dar. Wir erinnern nur an die Dichter derburgundischen Schule, an Mcschinot, Jean le Maire u. a.Auch Element Marot (1505-1544) stand als na-tionaler Dichter im Dienste der französischen Politik.Neben ihm erblicken wir seinen Zeitgenossen Rabelais( 14831553) auf der Seite der Anhänger eines abso-luten Königthums. Wenn dieses aus seinem6arZLntug.st kantaZruel" nicht ohne weiteres klar wird, so liegt

k- Joh. Hagen (geb. zu Bregen; am 6. März 1847)veröffentlicht seit ein paar Jahren eine großartig ange-legteSynopsis der Hähern Mathematik" (Berlin, Dames),deren beide ersten Bände von seinen Fachgenossen mitaußerordentlichem Beifall aufgenommen worden sind. Be-kannter ist sein Name durch leine Betheiligung am vor-jährigen Astronomencongreß zu Bamberg. Eben steht erim Begriffe, einen vollständigen Atlas der veränderlichenSterne herauszugeben, den ersten dieser Art. welcher jein der wissenschaftlichen Welt erschienen ist.

Marcks.Gaspard v. Coligny" S. 133.