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es eben daran, daß sein Interesse kein politisches, son-dern „insbesondere ein Bildungsinteresse" ^ ist.
Mit der Mitte des 16. Jahrhunderts beginnt danndie Wirksamkeit einer neuen literarischen Schule, derPlejade. So sehr sie sich auch in der Dichtkunst inGegensatz zu Marot setzen mochte, in der Politik zeigtesich doch in beiden dieselbe Richtung, wie sie schon imManifest der Plejade von Du Bellay angekündigt undcharakterisier wird.")
Der erste größere Vertreter einer Literatur, in derdas politische und patriotische Element einen großen Theildes dargestellten Stoffes bildet, ist in jener Zeit Pierrede Ronsard (1525 — 1585). Er hat nicht bloß biszum Auftreten Malherbe's einen beherrschenden Einflußauf die französische Literatur ausgeübt, sondern war auchin seinen Dichtungen politisch, wie keiner seiner Zeit-genossen von der Plejade. Mau hat ihn darum schonden „Meister und das Vorbild des literarischen Patrio-tismus" 2 °) genannt.
Unter den ersten Stücken, die er 1549 veröffentlichte,ist auch eine „Hymne auf Frankreich" , und hier erklingtschon gewaltig der Grundton seiner Poesie: die glühendeLiebe zu Vaterland und König. Nach dem Dichter desNolandsliedes hat keiner glühender und wirkungsvollerdie „äouss Trance" besungen, wie er. Wer das eigeneVolk vom Stamme der Götter ableitete, es als Jupiters„raos legitime" ?') betrachtete, mußte ihm auch unterden Völkern der Erde die erste Stelle anweisen. Diegroße Mission seines Volkes (graucie vaticm) zurWeltherrschaft unterliegt schon bei ihm keinem Zweifel.Zur Befriedigung solcher weiischanenden, patriotischenWünsche und Ideen denkt er sich an der SpitzeFrankreichs einen großen, vollendeten Herrscher.Heinrich II. entsprach einigermaßen dem Ideale desDichters, wie er besonders in den ersten 4 Büchernder Oden 22 ) zu erkennen gibt; aber die Sprache, die erKarl IX. gegenüber führt, findet auch Töne ernsterMahnung. 23) Uebrigens ist uns weniger wichtig, inwie-fern die verherrlichten Herrscher die Worte des Dichtersbewahrheiteten, als die Vorstellung, die der Dichter selbstsich von dem Ideale des Herrschers gebildet hatte, mochteer dabei auch den wirklich existirenden Königen mancheEigenschaft andichten.
Ausführlichere Erörterungen über die Stellung desKönigs, seine Erziehung, über die Zeitverhältuisse, Ansätzezu einer systematischen Entwicklung staatsrechtlicher Grund-sätze finden wir in den „viseours".^) Hier haben wirsozusagen ein Compendium seiner Socialpolitik. Nachder hier zum Ausdruck kommenden Auffassung ist aberauch der absolute Herrscher den „natürlichen" Gesetzen,d. h. den Gesetzen der Moral, unterworfen. Tugend undVernunft müssen die Leitsterne für sein Handeln sein.Die einzelnen Tugenden finden wir in dem Erziehungs-plane für Karl IX. 23) Unter den hier angeführten 17
") Birsch-Hirschseld, Gesch. d. franz. Literat. seit An-fang des 16. Jahrh. Bd. I, S. 268.
'°) Ausgabe der Werke Rouen 1592, Bl. I.
2 °) ek. Birsch-Hirschseld, ebdas.
2') Nach der Ausgabe von k. Blanchemain, Paris, 1887-1867, 7 Bde. V. L. S. 280 ff.
22) In der ersten Ode des 6. Buches verseht er denKönig sogar unter die Götter (Bd. II, 5. Buch. S. 299).22) er. Sonnst« Divers, Bd. V, S. 305.
-) °k. Bd. VII.
2«) „Institution xour l'aäolescencs cku kov Ires-Obrestisn tZbsrles IX. äs es noin," zum ersten Male ge«
dyrAt ParjZ 1564.
Tugenden ist ganz besonders charakteristisch die humanist-ische Forderung, daß der König in allen Wissenschaftenund Künsten unterrichtet sein soll, in Mathematik, Ge-schichte, Rhetorik, Musik, sogar Physiognomik, damit erseine Unterthanen schon auf den ersten Blick erkenne undzu beurtheilen im Stande sei. 2«)
Socialpolitisch weniger bedeutend ist Nousard'sIst'anoiaäs, deren 4 erste Bücher 20 Tage nach derBartholomäusnacht (13. Septbr. 1572) erschienen. DieStimme der Zeitgenossen und die Literatnrgeschichte habendieses Werk, auf das die Blicke aller Franzosen seitlangem mit Spannung gerichtet waren, in ihn« das lang-ersehnte NationalepoS erhoffend, als mißlungen bezeichnetFür uns bleibt es aber immerhin ein weiteres Zeugnißtiefer patriotischer Gesinnung und der unerschütterlichenUeberzeugung von der Hoheit des unumschränkten fran-zösischen Königthums. Daß überhaupt die Franzosen umdie Mitte des 16. Jahrhunderts ein nationales EpoSverlangten, das ist charakteristisch und lehrt uns, wie sehrdie Ideen von Vaterland und unumschränktem Königthumim Aufsteigen begriffen waren.
Eine demokratische Richtung macht sich in der zweitenHälfte des 16. Jahrhunderts, also gegen Ende der Lebens-zeit Nousard's, geltend. Es erschienen damals die dreihauptsächlichsten gegen das absolute Herrscherthnm ge-richteten Streitschriften des 16. Jahrhunderts. Diesedrei oppositionellen Werke sind aber nur im Zusammenhang der Thatsachen zu verstehen. Die eine Thatsacheist die Pariser Bluthochzeit. Mit diesem Ereigniß trittja überhaupt das französische Königthum in eine neue,kritische Phase. Man scheut sich nicht, die Person desKönigs selbst in die Diskussion hineinzuziehen und an-zugreifen. Der Fürst wird nur als der erste Diener desStaats betrachtet und das Princip der Volkssouveränetätaufgestellt. Die andere Thatsache ist, daß die dreiSchriften aus den Reihen der Protestanten hervorgegangensind. Man könnte sie darum als den ersten literarischenAusdruck des protestantischen Princips auf politischem Ge-biete bezeichnen.
Produkte des Augenblicks, bezeichnen die 3 Schriftendeutlich eine der kritischsten Phasen der französischen Ent-wicklung, ohne aber für das folgende Jahrhundert wirk-sam sein zu können.
Das bemerkenswertheste Buch dieser neuen Richtungist die st'ra.n oo-6a11ia. des Franz Hotmann,lateinisch geschrieben 1573, ins Französische übersetzt1574 von Simon Gonlard.
Darmstetter und Hatzfeld^ ) vergleichen dieses Buchmit Rousseau's „Oontrat Loalal" und schreiben ihm fürdas 16. Jahrhundert eine ähnliche Wirkung zu, wie jenemWerke für das 18. Jahrhundert. Dagegen schließen wiruns der Ansicht Ranke's 23) an, daß ihm, wie den LehrenHotmann's und seiner Genossen überhaupt, nur einevorübergehende Bedeutung zukomme, daß es weniger alsein „Fortschritt der Ideen" als vielmehr als „eine Auf-wallung des Moments" zu betrachten sei.
Den Ausgangspunkt seiner Erörterungen stellt Hot-mann in der „krasintiv" fest: „tzusraaäinoäum sor-pora, nosti'u. sxtorno uliyuo lotn luxata, sanrrri nisimsinstrm suuin HnistuLhus in loornn st rmturalsmssäoin rsstitutis nou xossunt: ita rsmpuiilioamnostruin tnm cismguo sanatam iri eonüäiinus, eum
--) ck. Bd. VII, S. 34. . ^ ^
25) 1^6 seirüoniQ en 1^1'Liies, ?LN'1s 1693, S. 27.
'°) Französ. Gesch. Bd. I. S. 380.