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entgegen, denn er weis;, daß „der große Frühlingkommt". „Wer so wie Du gestritten, Wer sowie Du gelebt" gemahnt unwillkürlich an die Chor-lieder in der heitern Göttersprache der Griechen undist auch wirklich als stimmungsvoller Trauerchor im„Antiochns" verwendet, nnd ist in zwei verschiedenenKompositionen feierlich gehalten in 6-moII von C. Spillerund C. Roeder.
Dr. Macke, der Dichter des Wüstensanges „VomNil zum Nebo" sagt: „Eschenbach zeigt sich als tieffühlender Lyriker, und auch dem Epischen in der Formder Ballade wird er gerecht." Im dritten Theile seines„Wildwuchs", „Bilder" überschrieben, bringt der Dichterschwungvolle Balladen und gemüthvolle Romanzen. „Bar-barossa nnd Heinrich der Löwe" tönt voll Kraftund Mark:
Denkst Dn noch an Chiavenna, wo ich schwur des Tags
zu denken.
Da Du wagtest. Deinen Kaiser zu verlassen und zu
kränken?
Denkst Du noch an Chiavenna. wo ich meinen Schwur
gegeben?
Heute ist mein Schwur erfüllet, heute mag der Löwe
beben!
Eine farbenprächtige Ballade ist „Kolumbus". Reichthum des Rhythmus, Freiheit und Anmuth der Be-wegung sind die angenehmen Zuthaten eines geborenenDichtergenies. Da ist Handlung, da ist Leben. FinstereNacht brütet überm ewigen Ozean. Am Mastbaumlehnend, wacht sinnend Kolumbus . Der letzte Morgen,den ihm die meuternde Schiffsmannschaft noch gegebenzur Fahrt auf Leben und Tod, bricht au:
„Grollend die donnernde Woge schäumt
Und singt mir den Todesgesäug.
Einmal nur möcht' ich, vom Aufruhr umtost.Glänzend die Küste sehn.
Einmal, nur einmal, und dann getrostSterben und untergehn!"-
„Vauxchamp" ist heldeukühn. „Jm Lazareth"spricht die rührende Liebe des schwer verwundeten Kriegerszum Mütterleiu. Etwas unendlich tief Ergreifendes, insInnerste des Herzens Erschütterndes ist „Fürs Geld".Es erinnert in seiner Idee an den veilchenduftigen Ro-man „Die Tochter des Kunstreiters". Im Cirkus wogtdie Menge und staut steh das Publikum, daß dieBänke krachen. „Hufgestampf und Peitschenknallen" hörtman jetzt:
„Die Königin des bunten Festes
Auf ihrem Hengst den Raum durchwettert.
Ein Wagestück, ihr kühnstes, bestes! —
Sie liegt an: Boden hiugeschmettert.
Ein banger Schrei. — Mit holdem LächelnErhebt sie sich. — Ein stumm Verbeugen,
Ein Jubelrufen, Kühlnngsfächeln;
Sie schreitet fort, und rings herrscht Schweigen."
Doch dort, wo sie vom Volke nicht mehr gesehenwerden kann,
„Da muß sie stumm zusammenbrechen:
Ihr Blut entströmt in dunklen Bächen."
Bis zu Thränen rührend, aber gleichwohl lebendigund wuchtig, ist die herrliche Ballade „Der Sklave";man muß sie lesen, um solch üppige Poesie in vollenZügen zu genießen. Die Rache des Edleu hat hierEschelbach , der Liebling der rheinischen Muse, mit über-wältigender Kunst gepriesen und verherrlicht; er hat mitStoff und Sprache gerungen und ist Sieger über beidegeblieben. Auch in den gewaltigen poetischen Stoff der
deutschen Sage vom ewigen Juden, der seit Goethe vonmehr denn vierzig Dichtern verwerthet wurde, hat Eschel-bach in seinem „Ahasver " episch stolz gegriffen.
Seelenvolle Lieder reiner Minne, Weisen mit demHerzschlag keuscher Liebe sind Eschelbachs „NamenloseLieder". Unnachahmlicher Reiz ist darüber ausgegasten.Schlichte Lieder sind's, aus jugendfroher Brust gesungen.Wie auch sollte die holde Frone, „des alten Liedes Licht",um mit Uhland zu reden, bei Eschelbach nicht gebührendzu Ehren kommen! Die „Namenlosen Lieder" sind Volks-lieder, die nur wild in den Wäldern und auf den thau-igen Wiesen gedeihen. Ja, solch eines Liedleins brauchtesich wahrlich selbst der Liederkönig von Weimar nicht zuschämen; man dürfte darunter nur seinen Namen setzen— und das Liedlein wäre goethisch.
„Kennst Du namenlose Gräber?
Kennst Du namenlose Leiden?
Namenlose Lieder sind wir.
Eng verwandt den ersten beiden."
Damit hat der Dichter den Gruudton seiner „Namen-losen Lieder" angegeben; aus ihnen tönt das ergreifendeKlagen um verlorene Liebe:
,D. Vater, nimm mir alles.
Nur meine Liebe nicht."
Süßer Trost, felsenfeste Zuversicht und reine Himmels-frende geben seinem Sänge höhere Weihe. Wer ist denndie Eine, von der er singt:
„Sie wußte nicht, was sie mir alles nahm!
— O, mög' Dein Weg durch Blumenauen gehen! —Doch daß es kommen mußte, wie es kam.
Verzeih' es mir. ich kann es nicht verstehen."
Ist es ein schönes Kind, auf der weißen Stirnelichtes Haargelock, mit Wangen in Roseugluth und Augenveilchenblau? Es ist wohl jeder stillen Jungfrau er-blüht, deren reines Herz im Lercheujubel seliger Hoffnungden sonnengoldeuen Tagen des Maien entgegenschlägt!So treuherzig und fromm, wie Eschelbach singt, das ver-steht Jedermann. Eines der wundervollsten aus den„Namenlosen Liedern" ist das herzliche:
„Vom Mai bis AllerseelenIst eine lange Zeit,
Da kann in's Herz sich stehlenGar manches tiefe Leid."
Um aber die tiefinnigen Lieder „Zürnst Du mirnoch?" oder „Im Maien war's" mit dem Dichter ge-nießen zu können, möge man im geeigneten Sinne sichdie sinnigen Worte eines andern Dichters zurecht legen,wenn dieser vom „Waldesrauschen" singt:
„Doch wer dies Rauschen will versteh'».
Der muß im Wald zu Zweien geh'n!"
Denn ein holdes Menschenkind hat dem Trautgesellendie Leier gestimmt und ihm den reichen Liederborngereicht:
„Du bist durch meine Lieder geschritten
In stiller Weihe ....
Im Lenz und im Sturm und im Kampf nnd in Nacht...
Mein Lieb, ich hab' Dich unsterblich gemacht!"
Liebe Leserin! Freundlicher Leser! Das also istHans Eschelbach's „Wildwuchs", und nun kennst Du auchdas „neue Dichtertalent am Rhein ". Im Nahmen einerSkizze konnte der Verfasser nur einen Ausschnitt geben,mir etliche der schönsten Blumen wollte er zum Straußewinden. Wie oft mußte er die Wahrheit der Dichter-worte fühlen: „Wahl macht Qual". Gleichwohl habenwir nun ein überaus günstiges Gesammtbild von dem