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Wir müssen betonen, daß bei Bodin sich nichts findetvon jenem Staatsvertrag, der bei den hugenotüschenPolitikern die Grundlage der Beweisführung von derSouveränität des Volkes war. Wenn einmal von ihmgesprochen wird, so geschieht es in einem ganz anderenSinne: das Volk hat dann durch Uebcrtragung allerGewalt auf Einen für immer auf die Mitwirkung an derLenkung des Staats verzichtet.
Bodin's Ideal ist aber nicht diese ursprüngliche Artder Monarchie, sondern die Monarchie, an deren Spitzeein unumschränkter König steht.
Diese Unumschränktheit versteht er indeß nicht imSinne von Tyranncnhcrrschaft. Der König steht zwarüber dem sogenannten positiven Gesetz, aber nicht überden natürlichen und göttlichen Gesetzen (II, 2, S. 305,II, 3, S. 312 und III, 2). Außerdem ist seine Gewaltbeschränkt durch die Staatsgrundgesetze, z. B. das SalischeGesetz (I, 8, S. 139), ebenso durch die Staatsverträgc,die er mit anderen Souveränen und mit seinem Volkeabschließt (I, 8, S. 135 f.). Die Verträge seiner Vor-gänger bedürfen der Ratifikation der Stände, wenn eran sie gebunden sein soll. Auch über das Eigenthumder Einzelnen hat der legitime Monarch keine Gewalt(I, 8, S. 163), und ebensowenig ist er berechtigt, ohneEinwilligung der Unterthanen das Eigenthum zu be-steuern.^)
In diesen letzten Erörterungen liegen übrigens sostarke Widersprüche zu dem, was vorher von den Befug-nissen der Stände gesagt ist, daß Bodin's ganzes Systemder Einheitlichkeit entbehrt. Nachdem er I, 8, S. 140 ")den Ständen jede Macht abspricht, vindicirt er ihnenwenige Seiten später das Recht der Steuerbewilligung.Man hat versucht, diese und andere Widersprüche aus desVerfassers früherem politischen Leben und den Zeitver-hältnissen zu erklären.") Noch auf der Ständeversamm-lung von Blois (1576) stellt er sich auf die Seite desdritten Standes, und später im Tumult des Bürgerkriegswird er Vertheidiger der absoluten Gewalt und schreibtfein Werk im direkten Gegensatz zu den Publizisten« diedie Volkserhebung zu rechtfertigen suchten.
Trotz mehrerer Inkonsequenzen erscheint das be-sprochene Buch als das bedeutendste staatsrechtliche Werkdes 16. Jahrhunderts. Rankes nennt es das „fleißigste,durchdachteste und am meisten anerkannte Werk, welchesdas Jahrhundert über diesen Gegenstand überhaupt her-vorgebracht hat". (Schluß folgt.)
Die Tagebücher Platerrs.
Die hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages vonPlaten erweckte eine Menge von Festartikeln in Zeit-ungen und Zeitschriften: die meisten derselben gaben sichden Anschein, als ob Platen im deutschen Volke unver-gessen sei — eine fromme Lüge. Der Lyriker Platenist verschollen; einige Balladen fristen in Schulbüchernund Anthologien ein kümmerliches Dasein, und von dendramatischen Arbeiten des gräflichen Dichters erhieltensich nur die litcrarischen Komödien in der Würdigungder zünftigen Literaturhistoriker. . . Das Säcularfest ist
") Man beachte bier die Anklänge an dieLbartig. Ickbertstls in England von 1215.
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") Weill, cl'ds. S. 168 ff.
Rarste, ebds. I. Bd. S. 380.
verrauscht; Platen verschwindet wieder in der Versenkung.
— Von all den Festschriften wird indeß ein Buch sicher-lich dauernden Werth behalten: „Die Tagebücher desGrafen A. v. Platen, aus der Handschrift des Dichtersherausgegeben von G. von Laub mann und L. vonSchefflcr. 1. Band. Cotta 1896."
Schon als 16jähriger Page begann Platen emTagebuch zu führen, das er bis Zu seinem Ende fort-setzte. Als er 1834 nach Italien auf Nimnierwiederkehrabreiste, übergab er die 17 starken Manuskriptbände seinerLebensanfzeichnungen dem befreundeten Arzte Pfenfer.Nach Platens Tode händigte Pfenfer im Einverständuißmit der Gräfin Platen die Schatulle mit den Tagebücherndem Jugendfreund des Dichters, Graf Fugger, zu derbeabsichtigten Biographie Platens ein. Aber mitten inder Arbeit starb Fugger. Die Manuskripte kehrten inPfeufers Hände zurück: erst nach 20 Jahren (1860) gabPfenfer „Platens Tagebuch 1796 — 1825" heraus, eineArbeit, die Scheffler mit Recht „die grausamste Ver-stümmelung des Originaltextes" nennt. Mit diesen be-schnittenen Lebensaufzeichnungen war der Oeffentlichkeitnichts gedient: Platens Beurtheilung ward eine nochschiefere als zuvor. „Nur durch . . .den letzten Gradvon Aufrichtigkeit kann eine Selbstbiographie interessantwerden", erklärt Platen selbst: durch die unverkürzteHerausgabe der Tagebücher haben Lanbmann und Schefflerdem Dichter und der Literatnrgeschichte den größten Diensterwiesen.
„Wenn je etwas Ersprießliches aus meiner Federfloß, oder fließen wird, so sind's diese Diarien," ge-steht Platen zu, „die immer einen gewissen Werth be-halten, wenn sie auch von dem unbedeutendsten Menschenhandeln, da sie aufrichtig sind und seine allmähliche Ent-wickelung deutlich entfalten. Vielleicht ist keines MenschenLeben ganz uninteressant. . . Ein Leben voll Thorheiten»wie das meine, ist überdies lehrreicher als jedes andere."
— Daß Platen selbst hohen Werth auf diese Diarienlegt, ersieht man schon daraus, daß er sie von Grundaus im August 1816 einer Revision unterzog. „Mitallen früheren Heften habe ich eine Reform beschlossen.Ich werde sie ganz umbilden, ihnen mehr die Formeiner fortlaufenden Erzählung, als eines Diariums geben»und sonach besonders viel von dem wegschneiden, wasspäterhin ohne Folgen geblieben ist. Das Ganze wirdin ungefähr 9—10 Bücher abgetheilt, und ich füge im1. und 2. Buch noch etwas von meinen Kiuderjahrenund denen, die ich im Kadettencorps und als Page ver-lebte, hinzu, so daß das Ganze zu einer vollständigenBiographie wird."
Durch den häßlichen Angriff Heine's in den„Bädern von Lucca" hatte die scandalfrohc Welt einmännliches Gegenstück zur musoula Lrrpxsto erhalten:Platen war schon während seiner Universitätszeit inWürzburg 1819 ein derartiger Vorwurf cntgcgenge-schleudert worden: der Beleidigte legte zu seiner Recht-fertigung nur sein Tagebuch vor — auch heute zerstreutdasselbe alle Anschuldigungen. Zwar sind uns diehäufigen Frcnndschastscrgnsse nicht selten widerlich, komisch:vergessen wir aber nicht jene Zeiten und die schwärmerischeAnlage des jungen Platen zu berücksichtigen. Wer nie-mals vor der Wcibcsliebc cxaltirte Freundschaften ge-pflogen, der werfe den ersten Stein auf ihn. Der Dichtersucht selbst nach einer Erklärung seiner verkehrten Neigung.„Mein Herz fing au, das Bedürfniß inniger Mitgefühlezu empfinden. Ich wollte Liebe . . . Weiber sah ich