Ausgabe 
(24.4.1897) 22
 
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keine, als jene affektirte Klasse, die nach Hof kam. Siekonnten mich nicht anziehen. So mag es gekommen sein,daß meine erste wärmere Neigung einem Manne galt."Bei der Besprechung des Brandes'scheu BuchesUeberdie Weiber" sagt er offen:Ich kann es mir nicht zumVorwurf rechnen, das Ideal eines Menschen immer inmeinem eigenen Geschlechte gesucht zu haben; und ichhalte diese Neigung um so reiner, je mehr ich einsehe,wie wenig es die der Männer zu den Frauen ist, undwie sie am Ende doch nur auf Befriedigung der Sinnehinausläuft..Niemals und auf keine Weise hat mirFederigo gemeinsinnliche Triebe erweckt. Aber wenn esbei anderen soweit mit mir kommen sollte! O dannverschlinge mich eher der Abgrund!" . . Im Gegentheil,Platen fühlt sich im Kreise der zügellosen Kameraden an-geekelt.Was die Zufriedenheit, die ich in mir fühle,zuweilen vergällt, ist die zügellose Unsittlichkeit, die ichum mich her sehe. Ich war, mit dem Dichter zu reden,in strenger Pflicht aufgewachsen, unbekannt mit der Welt,und glaube nun ein zweites Gomorrha zu finden. AlleLaster der Unzucht werden bei unserm Stande rühmend zurSchau getragen." Mit Perglas, seinem Jugendfreunde,bricht er den Verkehr ab, weil derselbe sinnlichen Genüssenfröhnt. Platen hatte sich mitten im Kriege ein gottes-fürchtiges Gemüth bewahrt:Ich ... schwöre Gott Be-strebung nach Heiligung und Tugend, .eifriges Bestrebender Annäherung an ihn, Fleiß und Bernfstreue, Wahr-heitsliebe und strenge Sitten, möge er, der himmlischeVater, mir reinen Glauben verleihen und seineGnade!"

Einen zweiten Fehler, maßlose Dichter-Eitelkeit,verband man bisher schon mit dem bloßen NamenPlaten. Die Tagebücher lehren uns das Gegentheil.Wenn ich gewiß wüßte, daß ich keineswegs zum Dichtergeboren ward, würde ich sogleich alle meine Versuche insFeuer werfen, und weiß ich das nicht fast gewiß? MeineGedichte gefallen mir selbst nicht, und das ist allesgesagt.Vielleicht könnte noch etwas aus mirwerden, wenn ich mir nicht vorgesetzt hätte, ein Dichterzu werden. Aber dazu werbe ich es nie bringen." . . .Pont eo gno f'öcrio, vs sollt (zna äss rimos, äosimitations, äos tatnitös amouronsoo sa.v8 vnlour niesxrlt. Präs raremerit z'z? rainai-tzuo nno xonsasxoetiyuo, cowmo nno ötoilo cle taiblo Ineur, gnixores los nnas."Ich fürchte, daß ich weder Verstand,noch Geist, noch Talent, noch überhaupt irgend etwasbesitze, das über die gemeinsten Menschen erhebt."DerEntschluß, nichts mehr zu schreiben, und besonders keineVerse mehr, wird immer fester in mir. Ich gewinnedadurch Zeit und Zufriedenheit. Ein großer Dichter-würde ich ja doch nicht geworden sein, und ein mittel-mäßiger zu werden, wer wollte diesen Ruhm haben?"Ist das noch der Dichter jener stolzen Grabschrift??

Platen ist überhaupt nicht gegen seine Fehler undSchwächen blind: treue Selbsterkenntnis; schützt ihn davor.Ich bin stolz, empfindlich, launisch, ich, der ich mich inaller Menschen Stolz, Launen, Empfindungen schmiegensollte, um nur gelitten zn werden."Es widerstrebtmeiner Natur, ich bin nicht für die Gesellschaft geschaffen.Wo andere sich unterhalten, verzehrt mich eine Lange-weile. .. . Was soll aus mir werden, da ich alle Leutevor den Kopf stoße?".. . .Vielleicht hält mancher meineVerschlossenheit, meine Neigung znr Einsamkeit für Egois-mus. . . Sehnsucht nach Liebe erfüllt mein Innerstes. . ."PlatenS unglückliches Naturell ließ ihn auch nicht Freunde

erwerben. In der Regel hielt ihn schon vor der erstenAnnäherung der Gedanke zurück, dem Freundenichts seinzn können"und endlich ein gewisser Eigensinn, der mir seitmeiner Jugend . . . unzertrennlich anhängt und der allementgegsnstrebt, was meinem Herzen angenehm ist, um sichgleichsam das Recht zu erkaufen, mißmnthig zu sein undzu klagen". Oft auch befriedigte der eine oder anderenicht seine hochgespanntem- Ansprüche.Ich begegneteihm . . . sehr kalt und launisch, weil er einige seichteDinge sagte und mir manches nicht au ihm gefiel". . .Eigenthümlich zeigte er sich auch im Umgang mit Frauen.Mit Frauen bin ich nur dann gesprächig, wenn ich dereinzige Mann unter ihnen bin, vorausgesetzt, daß sie mirnicht ganz fremd sind." Die gelehrten Weiber warenihm ein Greuel.Ich für meinen Theil kann nun ein-mal den gelehrten Weibern nichts abgewinnen, obgleichsie gewöhnlich ihre Gelehrsamkeit in ein angenehmeresGewand als die Männer zu hüllen wissen, und mancheAnlagen sich bei ihnen besser ausbilden als bei uns. Esgibt viele Frauen von ausgebreiteten Kenntnissen, abergewiß äußerst wenige von tiefen. Die schöne Weiblichkeitgeht bei ihnen verloren, sie sind alle gewissermaßen Halb-männer." Im übrigen war er kein Ehefcind:Ich schätzedie Weiber, ich würde mich je eher, je lieber verhciratheu,wenn es mir nur vergönnt wäre.". . .

Indeß der Hauptgrund seiner trüben Stimmung lagin dem verfehlten Berufe. Keineswegs wirkliche Neigungzum Soldatcnstaud, sondern rein äußerliche Gründe be-stimmten ihn znr militärischen Laufbahn.Die vieleMuße, die Hoffnung, die Welt zu sehen, der Aufenthaltin der Hauptstadt, die mir außer vielen Vortheilen auchnoch den einer großen Bibliothek darbietet, alles dies sindDinge, die meine Neigung bestimmen, Offizier zu werden.Hierzu kommen noch die schlechten Aussichten beim Civil-stande, das mir verhaßte Leben auf Universitäten ....die Furcht vor Provinzstädten und manches andere."Aber schon die militärische Erziehung im Kadcttcuhauswar ihm verhaßt.Es war uns, wie den Soldaten,Erlaubniß ertheilt, uns über ein Unrecht zu beklagen,aber erst, wenn wir dafür gebüßt hatten. Man wollteuns zeigen, daß die Gewalt herrsche, nicht die Vernunft."Mit der Zeit wurden ihmdie Paraden, die Wachen,der steife Dienst, die steifen Worte, die steife Kleidungzu einer unerträglichen Last:Die Eigenheit und Indi-vidualität wird ohnehin beim Soldatenstande erstickt, unddaher kömmt es, daß man auf sovicle gewöhnliche undgcistesnrme Menschen stößt. Sehr oft findet man auch inunserm Stande Leute, die mit imponirenden äußerlichenEigenschaften ein gemüthloscs Wesen und Mangel antieferer Bildung vereinigen." Uebcrdics fehlte ihm jedermilitärische Geist, wie ihm sein Oberst öfters ins Gesichtschlenderte. So war ihm das Duellein rohes Spiel",als wenn angegriffene Ehre durch Pistolen wieder her-gestellt werden könnte".

Der demokratische Zug damaliger Zeit hatte auchPlaten stark ergriffen.Wohl uns, daß wenigstens nnserJahrhnndert mit dem Haß tyrannischer Willkür mehr alseines bezeichnet ist. . . . Die Besseren, die Aufgeklärtenim Volke, diese sollten sich zn Schutz und Trutz ver-binden. . . . Verschwörung ist das Wort, das uns helfenkann." Er haßt Bonaparte alseinen Verräther, einenVerbrecher, einen Eidbrüchigen, einen Henker der Völker",den Tyrannen Europas , den Unterdrücker der deutschenNation". Andcrntheils liebt er die Fürsten überhauptnicht. Die Ernennung des Kronprinzen Ludwig (I .) zum