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Oberst ist ihm „eine lächerliche Ceremonie". „Ein Kind,das man zum Obersten macht! Als wenn ein Kindjemals ein Oberst sein könnte! DaS ist einer jener un-sinnigen Streiche, deren sich die Fürsten sovicle zuSchulden kommen lassen! Man könnte ja diesen Kindernandere Titel geben, die dem Staat nicht angehörten!.."Als einziges Mittel, der Gährnug, die nach NapoleonsSturz die Völker beherrscht, „eine wohlthätige und vor-theilhafte Richtung zu geben", dünkt ihm „eine repräsen-tative Verfassung". Mit beredten Worten tritt er fürdiese Zügelung der monarchischen Willkür ein. Ungernnimmt er Abschied vom Lande seines Ideals, der Schweiz ,mit folgenden (bisher angedruckten) Versen:
„Noch bin ich hier im Schoß des freien Volks;
Doch schon erblickt' ich an den fernen UfernDie Länder, wo das Königsscepter herrscht.
Wo alle sich des Einen Willen fügenUnd alles Glück liegt in dem Worte Gunst.
Hier ist kein Vornehm, kein Gering, hier siehtDem Bürger sich der Bürger gegenüber;
Und keiner steht so hoch, daß er auf andreMit stolzem Blick hinunterschanen rann.
Und wem die Kraft gegeben ward von Gott,
Dem ist kein Weg verschlossen, sie zu zeigen.
Und jeder sucht die Stelle, die ihm ziemt.
Freimüthig darf die Zunge sich bewegen.
Nicht bei der Klugheit fragt sie sorglich an.
Wenn sie die'Schätze der Gesinnung öffnet.
Hier spendet niemand Gnaden aus als Gott,
Und ewig dauert nur die Herrschaft Gottes...
Bewegt ruft er beim Anblick der Tellskapelle' i Vürglen aus: „Wo sind deine Tellskirchen, o Deutsch-land , wo sind deine Denkmale? ... Wo ist der Mann,denn du den Urheber des freien Standes nennenkönntest?" . . .
Es leuchtet ein, daß dieser Zwiespalt zwischen frei-sinniger Ueberzeugung und Drang nach Selbstständigkeitmit all der Rauheit, Eintönigkeit und Unterordnung einesMilitär in Plateus Seele heftige Stürme erregen mußte.„Es koste, was es wolle; ich muß mein Schicksaländern." . . . „Ewig kaun ich nicht in dieser Carrierebleiben. Soviel ist beschlossen," ruft er verzweifelt aus.Die abenteuerlichsten Pläne tauchten in ihm auf. „EinGedanke, der mich seit mehreren Tagen stark beschäftigt,ist die Sehnsucht nach — Amerika . . . . Ich habenichts mehr in meinem Vaterlande zu erwarten, undmein Stand, den ich nicht abschütteln kann, widerstehtmir. . . . Ich möchte so gerne mein Glück mir selbstbauen.... Ich muß meine jetzigen Verhältnisse bis aufden Namen abschwören, wenn ich frei sein soll" . . .Damit im Zusammenhang steht ein weiterer Plan. „Oftschon kam mir der Gedanke, ... an einen fremden Ortzu gehen, eines von den edleren Handwerken zu erlernenund so mein Leben stille hinzubringen und in Stille zubeschließen. . . . Sollte ich nicht Geschicklichkeit genughaben, ein Handwerk vollkommen zu erlernen? Und hab'ich das, dann bin ich einig mit mir selbst." ... Ineiner recht trüben Stunde überfielen ihn sogar Selbst-mordgedanken. „Nur ein Mittel ist noch übrig, mich ausdiesem Drang zu führen, . . — der Tod. Der Tod,sag' ich, sollte heißen, der Selbstmord. Noch schaudertmir vor dieseni Gedanken, der sich heute zuerst in nurgebildet. . . . Mag der Selbstmord die feigste Handlungauf Erden sein, ich gebe meinen guten Ruf verloren unterden Menschen; was liegt mir daran, wenn ich nicht mehrbin?" . . . Aus all dem Drang befreite ihn endlich dereinzig richtige Entschluß, zu dem ihn seine fortgesetztenStudien in Sprachen und Literatur, seine ausgedehnten
Entwürfe, sein augeborner Hang zum Lernen führenmußte, nämlich die Universität zu besuchen. — Mit diesembedeutungsvollen Abschnitt in des Dichters Leben endetder 1. Band der Tagebücher, in denen der Historiker,Pädagog, Psychologe noch genug des Interessantenfinden kann.
Esters, Einige Kapitel aus dem Lebe» PhilippMelanchthons. *)
H. 8. Auf katholischer Seite sind zu der viertenSäkularfeicr des Geburtstages von Philipp Melanchthon nur einzelne Schriften erschienen, welche naturgemäß mehreine defensive Stellung einnehmen. Auch Georg Evers ,der bekannte Lutherbiograph, hat einen kleinen Beitraggeliefert, der sich mit der Aufgabe befaßt, Melanchthonals Schulmann und Theologen zu zeichnen. Evers ver-kennt die schwachen Seiten des wetterwendischen Humanistennicht, aber er bemüht sich, die Ehrlichkeit und Redlichkeitdes offiziellen Verfechters des Protestantismus, mehr alshistorisch zulässig erscheint, zu vertheidigen. (Vergl. S. 60.)Doch weniger dieser Umstand als einzelne Raisonnementsdes Verfassers gegen das Papstthum drückten uns dieFeder in die Hand. So sagt Evers S. 52: „WennMelanchthon in Clemens VII. „einen Antichrist" erblickt,so läßt sich das entschuldigen (!?); damit ist nicht gesagt,daß er mit Luther die Institution des Papstthums alsdie des Antichrists angesehen hätte." Diese Entschuldigungwird jedoch hinfällig durch den richtigen Satz S. 77:„Mochten die derzeitigen Päpste so schlecht und verwelt-licht sein, wie sie wollten, das Papstthum war die ge-ordnete kirchliche Obrigkeit."
Hinsichtlich des Papstes Clemens VII . (1523 bis1534)**) äußert sich Evers S. 52 weiterhin: „Was aberClemens VII. betrifft, so wollte derselbe so wenig alsLeo X . eine Reformation der Kirche; sein einziges Be-streben war seine irdische Machtstellung und das Interessedes Hauses Medici . Ich muß bei dem bleiben, was ichhierüber in meinem Luther (6, 106) geäußert habe. Willman gerecht und der Wahrheit gemäß urtheilen, so ver-gesse man nicht, daß in Rom alles käuflich war." Aberwenn Leo X . eine Reform der Kirche nicht gewollt hat,warum hat er denn sofort nach seiner Thronbesteigungdas V. Lateranconcil seines Vorgängers im April 1513fortgesetzt? Oder war ihm die Reformbulle Lupörnnsäisxositionm aräitrio nur eitles Blendwerk für einigefromme Seelen? Hefele sagt über die Wirkungen desV. Lateranconcils: „Ueberhaupt konnte das Concil ebennur Gesetze geben, und es gab deren viele, sehr heil-same; auf seinen Bestimmungen über das Predigtamtund über das Verhältniß der Regulären zu den Bischöfenhat nachher das Concil von Trient weitergebaut; esfehlte aber überhaupt nicht an guten Kirchengesctzen, esfehlte an ihrer Beobachtung und am Vollzug. Die De-krete unserer Synode stärkten die päpstliche Gewalt undhatten in vielen, zumal in den südlichen Ländern ihreheilsame Wirkung. Freilich vermochten sie die vor-handene revolutionäre Strömung nicht zu beseitigen, die ihreFrüchte noch zeitigen sollte. Eine gewaltige Erschütterungmußte die Gemüther erst für eine sittliche Reform reifenmachen." (Conciliengesch. 8, 733.)
*) Regensburg, Nationale Verlagsanstalt 1697. 86 S
*' ) Ueber die Politik dieses Papstes s. Ehses im Hist.Jahrb. der Görresgesellschaft 1W5 u. 1886.