Ausgabe 
(24.4.1897) 22
 
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Seite 65 findet sich folgende Ausführung:Lutherhat allerdings bezeugt, daß er denVorbehalt des Evau-gelii" zur Täuschung der Katholiken gebrauche. Er wollteGleiches mit Gleichem vergelten, denn er sah auf ka-tholischer Seite nichts als Täuscherei. Der Politik einesClemens VII. und Paul III. wird auch wohl mir jeneArt von Geschichtsdarsiellnug Ehrlichkeit und Treue zu-sprechen, die um jeden Preis alles, was von den Päpstengeschehen ist, vertheidigen zu müssen glaubt oder zu ver-tuschen, wegen der bekannten Empfindlichkeit gewisserKreise. Wenn also die Protestircnden den PäpstlichenUnehrlichkeit vorwarfen, so hatten sie, was die Politikder Mediceer und Farnese betrifft, theilweise recht."

Welch ein Widerspruch! Zuerst wird die Politikeines Clemens VII. und Paul III. der Unehrlichkeitsammt und sonders bezichtiget, im Nachsätze sodann wirdnur eine theilweise Unehrlichkeit behauptet! Das ganzeEchanffement über die beschönigende Darstellung derPapstgeschichte im Hinblick auf die Empfindlichkeit gewisserKreise erscheint uns dunkel und gewaltsam herbeigezogen.Denn gerade Janssen, der einflußreichste Historiker derJetztzeit, hat die verhängnihvolle Politik Clemens' VII. gebührend gezeichnet (Gesch. des deutschen Volkes III, 7,12. Aufl.; An meine Kritiker S. 19; Ein zweites WortS. 8); auch Hergenröther kam es nicht in den Sinn,den Nepotismus des Papstes Paul III. und überhauptalle seine Schritte zu rechtfertigen (Kath. Kirche u. christl.Staat, abgekürzte Ausgabe S. 294); aber wenn selbstLeo X., Clemens VII. und Paul III. auf der Höheeines Alexander III. oder eines Jnnocenz III. gestandenwären, hätte die kirchlich-sociale Empörung des 16. Jahr-hunderts unterdrückt oder wenigstens in friedliche Babneneingelenkt werden können? Wir glauben nicht. Oderwar vielleicht Papst Pius IX. schuld an der Unbot-mäßigkeit der sogen. Altkatholikcn nach dem 18. Juli1870? Auch ohne das Concil wäre der Krankheitsstoffdes liberalen Katholicismus vom Leibe der Kirche aus-geschieden worden. Solche Hcilungsprozesse sind jedochimmer mit tiefgehenden Krisen verbunden.

Welche Freiheit des Urtheils und der Darstellung,wenn die geschichtliche Wahrheit es erheischt, geradekatholischen Historikern ermöglichet ist, dafür liefert Pastorsmonumentales Werk über die Geschichte der Päpste seitAusgang des Mittclaltcrs den schlagendsten Beweis.Welcher protestantische Forscher hat je so vornrtheilssreiüber Luther sich ausgesprochen, wie der Katholik Pastorüber Alexander VI. ?

Leo XI il. , unter dessen Augen der große SchülerJausscnS gearbeitet hat, war weit entfernt, seinen Quellen-studien in den vatikanischen Archiven Einhalt zu gebieten.Wenn manchesmal kleinliche Geister glauben, der Kircheeinen Dienst zu erweisen durch Verschleierung geschicht-licher Vorkommnisse im Leben der Päpste, der Bischöfe,der Priester, so zeigt ein solches Vorgehen wenig dog-matisches Verständnis; für das Wesen der Kirme. Denngerade der Fortbestand derselben bei allen menschlichenFehlern und Gebrechen in Haupt und Gliedern seit 18Jahrhunderten ist für den denkenden Historiker der offen-kundigste Erweis, daß die kmhol. Kirche nicht das Werkder Politik oder psäsfischer Verschmitztheit sei, sondernGottes Werk.

Wenn sich jedoch EverS S. 67 aus Janssen beruft,um die feindselige Stellung des Papstes'Paul III. gegenden Kaiser Karl V. und die Hinneigung des päpstlichenStuhles zu den Protestanten zu erweisen, so hat er einen

entscheidenden Zwischensatz des Frankfurter Historikers über-sehen. Wenigstens nach der mir vorliegenden 12. Aufl.Bd. III, S. 613 (bei Evers ist citirt III, 600, 601)lautet die fragliche Stelle folgendermaßen:Der Papstwar viel zu sehr auf die Erhöhung seiner Familie be-dacht; seine Unzufriedenheit über die Dinge in Italien und die Führung des Krieges in Deutschland (1547)wurde so groß, daß er, wenn man den Berichten desfranzösischen Gesandten Du Morticr trauen darf,über den Widerstand sich freute, den der Kaiser vonSeite der Protestircnden fand, selbst sogar für eineUnterstützung der letzteren sich anssprach."

Aber hätte Paul III. gar kein Verständniß für dieNothwendigkeit der kirchlichen Reform besessen, so hätteer wohl leichthin Gründe finden können, die Eröffnung desConcils zu Trient im Dezember 1545 zu vertagen.Dogmatisch unzulässig erscheint S. 68 die Auslassung,daß die Lehre von der Wandlung im Abendmahle ver-hältnißmäßig jungen Datums sei, während bei denAlexandrinern sich der zwinglischen Lehre ähnliche Auf-fassungen finden. Denn das Concil von Trient sprichtin klaren und unzweideutigen Worten die Ueberzeugungaller Jahrhunderte aus, daß Christus selbst dieses er-habene Geheimniß seiner wirklichen Gegenwart in denGestalten von Brod und Wein beim letzten Abendmahleeingesetzt habe, als er seinen Aposteln seinen eigenenLeib und sein kostbares Blut darreichte. Mag auch derName Transsubstantiation sich in den inspirirten Büchernnicht vorfinden, die Sache selbst ist in den Einsetznngs-worten klar gegeben (Loss. XIII, oax. 1, 4 orm. 1, 4).

Recensionen und Notizen.

Ausgewählte pädagogischeSchriften desDefi-der ins Erasmus. Herausgegeben von Dr. D.Neichling. Johannes Ludovikus Vives.pädagogische Schriften. Herausgegeben vonDr. Fr. Kapser. Freiburg . Herder 1896. XXXVI.436. (Bibliothek der katholischen Pädagogik. VIII.)5 M.; gebd. 6 M. 80 Pfg.

Dieser inhaltreiche VIII. Band der Bibliothek fürkatholische Pädagogik bringt das Lebensbild und die be-deutsamsten pädagogischen Schriften der zwei hervor-ragendsten Geister und Bahnbrecher im Zeitalter desHumanismus: Erasmus und Vives. Gleich von vorn-herein sei es gesagt: Das ganze Werk ist eine nicht mehrzu übersehende Arbeit für die Werthschätzung der beidenMänner und in Bezug auf Vives geradezu die Abtrag-ung einer Ehrenschuld. Es ist Thatsache , daß der Zauberder Person wie das Parteileben der Zeit gar oft daskritische Auge für die Bedeutung großer Männer trübt.Auch Erasmus und Vives weisen diese Erscheinung auf,allerdinas in sehr entgegengesetzter Richtung. Während vorErasmus als demunsterblichen Genie", als demLicht derWelt" die Mit- und Rammelt lauge Zeit förmlich in Än-derung niedersank, blieb Vives, obwohl er au wissenschaft-licher Erudition einem Erasmus nur wenig nachstand, an! grundlegender Bedeutung aber für einen methodischeni Betrieb der Wissenschaften und für die Jndicnst-! stellung des Unterrichtes zu den Aufgaben der! Erziehung ihn zweifellos übertrifft,bis in die letzteni Jahre hinein speciell im katholischen Deutschland j fast gänzlich unbekannt". Wir dürfen darum das Werk> einen Act der ausgleichenden Gerechtigkeit nennen.s Was nun speciell die Schrift über Erasmus betrifft, sogeht der Verfasser Schritt für Schritt dem unsteten Wander-leben des großen Gelehrten nach, wobei er Zug um Zugaus seinen Schriften fein Charakterbild aushebt. Erkommt dabei, vielfach gestützt auf Janssen 2. Band, zueinem Ergebniß, das der durch die Jahrhunderte traditio-nellen Anschauung freilich nur zum Theil entspricht:Erasmus istnichts weniger als ein großartig angelegterCharakter",auf keinem Gebiet ein bahnbrechendes