Ausgabe 
(28.4.1897) 23
 
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28. AM 1897.

Christliche Kmrstiuteressen.

Kirchenrestaurirungen in Bayern. *)

H,

I'. I'. Das Beispiel der glücklich durchgeführten Er-neuerung der katholischen Frauenkirche in Nürnberg regtebald auch die Protestanten zur Betreibung der Aus-besserung der noch ruinösem altehrwürdigen St. Sebaldus-kirche dortselbst an. Die vor sieben Jahren begonneneArbeit schreitet unter der Oberleitung des berühmtenGothikers Pros. Gg. Hauberrisser in München und derBallführung des gründlich gebildeten und energievollenArchitekten Jos. Schmitz in Nürnberg ihrer Vollendungentgegen. Und wenn die von Essenwein vollzogene Reno-vation der Frauenkirche im Ganzen als eine Achtung ge-bietende künstlerische Leistung anerkannt werden muß, sostellt sich auch die von Hauberrisser fast vollendete Er-neuerung der Sebalduskirche, besonders in architektonischerÄeziehung, als ein mustergiltiges Nestaurattonswerk dar.

Der Ostchor war der am meisten ruinöse von allen.äußern Bauthcilcn. Dieser wurde kurz nach Erbauungder Frauenkirche zwischen 13611377 dem ältern ro-manischen bezw. frühgothischen Schiffe, von der gleichenLänge mit diesem und seinem Westchor, angebaut. Erliegt aber mit dem Schiff nicht in einer geraden Achse,sondern biegt merkwürdiger Weise stark nach Norden ab.Zehn Pfeiler tragen die Kreuzgewölbe des Chores, dergleich einer eigenen dreischiffigcn Hallenkirche sich prä-fentirt. Während die Breite des Mittelschiffes im älternTheile regelmäßig 23 Fuß und die Arkadenweite derPfeiler etwa 17 Fuß beträgt, dehnt sich die Breitedes Chormittclschiffcs durch Abweichung der nördlichenPfeilerrcihe von 23 bis zu 28 Fuß aus, indessen derAbstand der Pfeiler von einander (Arkadenweite) sich mehrund mehr von 32 Fuß bis auf 21 Fuß im Chorabschlusseverringert. Um den offenen Chor des Mittelschiffes mitdreiseitigem Abschluß bildet der äußere mit seinen 14Mauerpfeffer» einen Umgang mit den sieben Seiten desScchzehnecks abschließend.

Den Grund der nördlichen Abweichung wollenmanche im Erdreich, andere in der Absicht des Bau-meisters, bannt anzudeuten, daß Christus am Kreuze seinHaupt zur Rechten geneigt habe, finden. (?) Die Er-weiterung gegen das Oktogon dürfte aber wohl Effekt-berechnung sein. Denn dadurch wird die Perspektivegrößer (während sie sonst sich verjüngt), und die Chor-halle» vom Schiffe aus gesehen, domiuirt.

Die zwei ersten der Strebepfeiler sowohl an derNord- wie Südseite verstärken sich zu den Seitenwändenje einer Portalvorhalle, die an der Grenze zwischen Chorund Langschiff in das Innere führen.

Zu den interessantesten und prachtvollsten Stellendes äußern Baues zählt ohne Zweifel das nördliche vondiesen, der Spätzeit des XIV. Jahrhunderts angehörendePortal, dieschöne Brautthüre", so genannt, weil unterihr die Brautleute gesegnet wurden, bevor sie zur Trau-ung in die Kirche traten. In den rechtwinkeligen Rahmendes offenen Manerthores ist oben ein mit Krabben be-setzter Spitzbogen und unter demselben ein Rundbogengespannt, deren Zwischcnräume mit Maßwerk und durch-brochenen Rosetten filigranartig ausgefüllt sind, während

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der Rundbogen noch unten mit einem Kamme reichver-zierter Spitzbögen besetzt ist. An der äußern Seite desPortals stehen die schönen statuarischen Figuren einerMadonna und des hl. Sebald; an den innern Eiugangs-seiten Adam und Eva und über ihnen Christus im Brust-bild. An den geschmackvoll gestellten Säulen der Laib-ungen lehnen beiderseits, auf zierlichen Sittlichen stehend,die Statuen der klugen und thörichten Jungfrauen.

Diese Figuren, fern von allem Naturalismus undnoch ganz auf idealer Grundlage ruhend, streben mehrnach Schönheit als nach Wahrheit. Der Ausdruck derfast gleichen Köpfe ist mir wie schwach skizzirt. Klugheitund Thorheit und in Folge davon stillselige und erhabeneRuhe der Haltung auf der einen, Neue und Betrübnißin der Bewegung auf der andern Seite: das ist diestille Predigt, die hier der Künstler den Brautleuten inunübertrefflich anmuthiger Weise hält. Er hält sich Hiebeistrenge in der Grenze, welche die noch herrschende Ob-macht der Architektur über die Sculptur ihm zieht.Nicht auf dem Verschiedenen, sondern aus dem Gleich-mäßigen liegt hier der Nachdruck, wodurch das archi-tektonische Interesse, das einer ruhigen Gesammtwirkung,befriedigt wird. Dabei weiß er in klassischer Manierdie gleichen Formen seiner in feinster Nuance bewegtenund eingebogenen schlanken Gestalten durch einen wiederganz frühgothisch fließenden, uobeln Faltenwurf zubeleben.

Diese, sowie die andern gleichzeitigen Bildnisse in Nürn-berg verrathen einen Geschmack in der Bekleidung und An-ordnung der Gewänder und Bildung der Formen, und zeigenbesonders die langgezogenen, weichen und geschwungenenFalten einen Stil, welche, gewiß ursprünglich von derrömischen Antike beeinflußt, mit der Entwicklung derGothik von Frankreich durch Deutschland nach Italien zurückwanderten. Dieser Stil findet sich in diesen dreiLändern gleichzeitig. In Deutschland kann man seineEntwicklung an einer Reihe von Denkmalen der Bam-berger, sächsischen und Kölnerschule, und unter derenEinfluß an den Domen zu Mainz, Negensburg, sowiebesonders ausfallend in Nürnberg, außer bei unsern 10Jungfrauen, an den sogen. Schonhofer'schen Figuren desschönen Brunnens*) und des Portales der Frauenkirche studiren.

Auch diese Brunnen-Statuen, die sich gleichsam mitder Architektur in den Ruhm der Vortrefflichkeit desMonumentes theilen, zeichnen sich durch schöne Linien-führung, naturwahre Durchführung und gute portraitirendeCharakteristik aus, sind aber nicht so meisterhaft ausgeführtwie die besseren alten Arbeiten der Sebalduskirche. Diejetzigen untern Hauptfiguren sind übrigens minderwerthigeCopien! Das andere südliche Portal des Chores zeigtaus derselben Zeit die Darstellung der hl. drei Königein vier Rundbildern und außen an der Mauer dasBilduiß eines Bischofs.

Von den roh ausgeführten Reliefbildern an denStrebepfeilern zeigt der am ersten nördlichen dargestellteEinzug Jesu in Jerusalem" ein feines künstlerischesVerständniß. Das Original des weniger guten Nach-bildes befindet sich im Germanischen Museum.

Der zwischen den zwei genannten Portalen sich be-wegende Chorumgang gehört noch zu jenen durch den

') Nach neuern Forschungen wurde das Monumentvon Heinrich dem Balier von 138 b96 ausgeführt.