Ausgabe 
(28.4.1897) 23
 
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Reichthum ihrer Formen und Ornamente sich auszeich-nenden gothischen Baudcnkmalcn. Gleichwohl weist erauch schon deutliche Spuren des Verfalles der Gothikauf. Wie an den langweiligen Pfeilern im Innern derMangel der Capitale und Gesimse auffällt, so springthier am Aenßern das Zusammendrängen des plastischenSchmuckes in die Mitte der Mauern, resp. Streben, gegen-über der mehr nüchternen Behandlung der hoher» Theilein die Augen.

Da Mauer und Strebepfeiler ohne Unterbrechungbis zum Dache hinaufreichen- so bekommt die Kirche indiesem ihrem östlichen Theile das Aussehen eines ein-schiffigen Baues. Mauer und Streben sind bis zurFensterbrüstung schmucklos und bilden dadurch einenmassiv-kräftig erscheinenden Unterbau. Ueber dem unternHauptgesims beginnt der reiche plastische Schmuck dermittleren Mauerpartie. Er besteht au den Pfeilern vor-nehmlich aus nischenartigcu, von Säulen getragenen undFialen gekrönten dekorativen Giebeln, die zur Aufnahmevon Heiligenfiguren auf Postamenten und unter Baldachinenbestimmt sind. Diese Figuren waren fast sämmtlich n i ch tmehr vorhanden. Die hohen Fenster, die schon theilweisesischblasenartiges Maßwerk enthalten, verdrängen nicht voll-ständig das Manerwerk zwischen den Streben (wie z. B.bei der Lorenzksrche in Nürnberg ) und über letzteres breitetsich bis zu °/z Höhe die reiche plastische Dekoration aus.Auf einem feinen Gesimse oberhalb dieses Fialenschmuckeserheben sich schlanke Säulchcn, welche den obern Theil derFensterlaibung einrahmen und den mit Krabbenyrnamentund Kreuzblume versehenen Wimperg tragen. Die denAbschluß bildende Gallerie, sowie jene vor und über der-selben emporragenden Fenstergiebel (Wimperge) undFialenpyramiden wurden schon im Jahre 1561 bei ein-tretender Banfälligkeit abgebrochen, so daß seitdem dasDach ohne jede Vermittlung der Mauer wie in plumperWeise aufgestülpt erschien.

Diesem ruinösen Ostchor, der die größere Raum-hälfte der ganzen Kirche umfaßt, galt der erste Angriffder Ernencrungsarbeiten. Den Fuß des Daches umgibtwieder eine neue Gallerie, schön und maßvoll in ihremVerhältniß zum Ganzen. Und diese wie die wieder her-gestellten hohen Wimperge und Fialenpyramiden bildenden neuen belebenden Bekrönnngsabschluß der Chormauer.Diese Schlußpyramiden der Pfeiler könnten vielleichtManchem im Verhältniß zu der Masse der Pfeiler etwaswinzig erscheinen. Die untern Phramidenauslänser sindbedeutend kräftiger. Doch diese Anlagen beruhen aufindividueller Anschauung und weisen auch die bewundertenBauten des Mittelalters in dieser Beziehung verschiedeneStil- und Geschmacksrichtungen der alten Baumeister auf.Während man in Straßbnrg dieselben zarten Auslänfe^der Pyramiden sieht, zeigen andere Bauten die charakterist-ischen schlanken und hochstrcbenden Glieder der Gothik.Die ganze Steindckoration, Wasserspeier, Krabben, Blumenund> andere Ornamente sind sauber und charakteristischgearbeitet.

Die etwa sechzig Statuen am Aenßern des Ost-chores, aus Kalkstein gemeißelt, sind von dem tüchtigenund leistungsfähigen Bildhauer Lcistner, Lehrer ander Knnstgewerbeschnle in Nürnberg , gewandt und stilistischgut modcllirt und ausgeführt. Sie sind nach dem vomehemaligen alten Bildschmuck noch vorhandenen reichenVorbildermatcrial unter Benutzung ganzer Stellungen,Gcwandparticn, Köpfe rc. im alten Charakter gearbeitet.Man sieht es denn auch den pei nlichen Nach ahmungen

der alten Bildwerke gleich an, daß sie nur dekorativwirken undsich ganz der Architektur unterordnen" sollen.Von moderner Empfindung braucht, ja soll nichts vor-handen sein und hat die Herstellung des Neuen in derAbsicht der reinen Täuschung stattgefunden. Und nunwird auch wohl mancher Betrachter die Figuren für altehalten, besonders da sie gleich gedunkelt sind.

Dem Kenner wird aber der Unterschied nicht ent-gehen. Denn in Wirklichkeit stehen sie im Detail hinterden bessern alten Meisterarbeiten entschieden zurück. Manvermißt nicht nur jene feine weiche Modcllirnng undKraft des Ausdrucks der Köpfe (bei solchen exponirten,auf sich selbst gestellten Statuen), sondern auch den zartenZug der Draperie, jene sich so weich und leicht an-schmiegende Gewandung, in welche die alten Meister mitso viel Empfindung den Körper ihrer Figuren zu kleidenwußten. Dann erscheinen diese vielen Statuen doch auchgar zueinheitlich".

Interessanter wäre jedenfalls der ganze Fignren-schmnck ausgefallen, wenn mehrere so gewandte Bild-hauer, wie Leistner einer ist, die Modelle gefertigt hätten.Gerade bei der Sebaldnskirche, die so viele Stilrichtungenausweist, wäre eine gewisse individuelle Verschiedenheitder massenhaften Sculptnren am Platze gewesen. Sorührt auch, wie bei der Nürnberger Frauenkirche, so beiandern reicher ausgestatteten Fagaden, Portalen undAußenwänden der alten gothischen Kathedralen der plast-ische Bildschmnck in der Regel von mehreren, oft sogarin Auffassung und Technik sehr verschiedengeartetenMeistern her. Daß die neue Bildnerei so monotonausgefallen ist, dafür kann aber der beauftragte Künstlernicht. Das wäre jeden: Andern bei der Masse von Fi-guren, die ja vorgeschricbenermaßen nur dekorativ seinsollten, auch passtrt.

Der reiche Figurenschmuck im Innern ist sehr viel-seitig. Die Sculptnren vertreten mehrere Jahrhunderte,und eine ist schöner wie die andere. Keine ist verwittert,und alle sind noch gut erhalten. Es gibt darunter vor-zügliche Statuen, die sehr nachahmnngswcrth sind. Diesehätten zur Richtschnur dienen sollen.

, (Schluß folgt.)

Streifzüge durch die socialpolitische Literaturder Renaissance.

Von Frz. Jos. Stroh meyer, Benefiziat in Oberstdorf.

(Schluß.)

Mit Recht hat man Bodin als denjenigen bezeichnet,welcher zuerst im 16. Jahrhundert wieder den Anlaufunternommen hat, die christlichen Grundsätze auf socialemund politischem Gebiete zu vertreten, und ganz in seineFußstapfen trat Gregor von Toulouse (1570 bis1617) in seinem Werkecks ropudlion iiöri 26". Aber,wie gesagt, die literarischen Produkte beider bedeuten nureinen Anlauf zum christlichen Princip: wir finden beikeinen: von beiden die nöthige Klarheit und Sicherheitund Konsequenz.

Dagegen hat Giovanni Botero (1540 1617)wieder die goldene Mittelstraßc gefunden. Er ist wohlder einzige in dieser Periode, der wieder ganz auf diesittlich-religiöse Grundlage des positiven Christenthumszurückging und darum die richtigen Fundamente einerGesellschaftsordnung gefunden hat; aber er wurde in demSturme nicht gehört. Berühmt ist er geworden durchsein Buch von der Ncgicrnngskunst (äells rnZivns äi