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statv). Diese Schrift ist direkt gegen die macchiaveüistischeStaatslehre gerichtet") und weist der Religion die ihrgebührende fundamentale Bedeutung im Staats- undGesellschaftslebcn zu. Sie ist mit Geist, tiefer histor-ischer Erudition und Weltteiintniß abgefaßt und willzeigen, wie das Nützliche nie vom Sittlichen getrenntwerden und das Ungerechte nie nützlich sein kann.Weniger berühmt ist sein Werk: cie vitn xrinoixiooürimiani; dagegen wurde Botero einer der Gründerder statistischen Wissenschaften durch sein Werk von denStaatskräften der europäischen Reiche.
In einem neuen Gewände tritt der absolutistischeGedanke hervor in der Satire Llanippös unmittel-bar nach dem Einzug Heinrichs IV. in Paris 1594 er-schienen. Diese Satire hat zum Gegenstand die Tagungder Generalstände von 1593, und es ist besonders dieRede des Vertreters des dritten Standes, die unsdeutlich genug die politischen Ansichten des Verfassers,wahrscheinlich Pithon's, erkennen läßt. Hier quellen dieEmpfindungen so stark aus der Seele des Verfassers,daß sie die Form der Satire sprengen und uns die auf-richtigen Worte des Herzens vernehmen lasseim Wirvernehmen Worte feuriger Begeisterung für die absoluteMonarchie und eines tiefen Nationalgesühls, das wir, mitsolcher Energie vorgetragen, nur selten in der Literatureiner Zeit finden, der der Begriff der Nationalität nochnicht allzulange aufgegangen war. Indeß eine allgemeineBedeutung hat die Satire nicht erlangt: sie ist nur einMittel gewesen zur moralischen Eroberung der öffentlichenMeinung für die Herrschaft Heinrichs IV., und diesenZweck hat sie vollauf erreicht, indem sie mehr als dasSchwert diesem König den Weg ebnete.
Erwähnung verdient an dieser Stelle auch jenerMann, von dem Ranke") schreibt: „Den eigenthümlichenInhalt seiner Gedichte aber schöpft er aus der Weltstcllungder emporkommenden Monarchie und den HandlungenHeinrich's IV." Es ist Frangois de Malherbe(1555 — 1627). Wenn wir ihm auch keine so hohe,selbstbewußte Auffassung seiner dichterischen Produktionzuschreiben, wie Ranke, so ist doch wichtig, daß ein Mannvon seinem Einfluß sich so rückhaltslos zu den Grund-sätzen der absoluten Monarchie bekennt und, was ihm nieabzusprechen ist, von tiefstem patriotischem Gefühle be-seelt ist. In der Glorifizirung der Herrscher seinesLandes übertrifft er fast noch den Ronsard; auch ist erwie dieser von der künftigen Weltherrschaft seines Volkesfest überzeugt. Ganz charakteristisch aber ist bei ihm dieJdentifizirung von Staat und Monarch.")
So wären wir am Ende unserer „Streifzüge" an-gekommen. Wollen wir unsere Beobachtungen kurz re-gistriren, so müssen wir sagen: in der Renaissance-Periodemacht sich das lebhafteste Bestreben geltend, auch auf demGebiete der Rechts- und Gesellschaftswissenschaft mit derchristlich-conservativen Vergangenheit zu brechen. Planversucht in dieser Zeit des Ucbergangs das Staatsrechtvollständig umzubilden, und zwar im Gegensatz zu deraltchristlichen Rechtsanschauung und zu den altchristlichensocialen Principien, lind der Boden, auf dem man dasneue Gesellschaftsidcal aufbauen will, ist ein ganz ma-terialistischer. Aber die Konsequenzen, zu denen man ge-trieben wurde, stehen zu einander im Gegensatz. Dieser
") Walter. Naturrccht und Politik S. 539. 648.
") Ranke, ebdas. Bd. III S. 394.
") Band I. Nr. XIX V. 57. ct'. das spätere Wort:»llütai v'est mvi."
Gegensatz läßt sich in den zwei Schlagwörtern ausdrücken'dynastischer Absolutismus und demokratischer Liberalismus.Aber bei der Gleichheit des principiellen Programms istdieser Gegensatz nur ein äußerer, auf den Gegensatz deregoistischen Interessen gegründeter, kein innerer und prin-cipieller; denn beide extremen Richtungen involviren denWiderspruch gegen die christlich-conservative Idee.
Indeß darf man nicht glauben, daß diese Zeit eineAusnahme gemacht hätte von den Eigenthümlichkeiten derUebergangszeiten. Das Charakteristicnm der Uebergangs-zeiten ist, daß sie nur ephemere Erscheinungen liefern,die bald wieder der Geschichte anheimfallen. Und sokommt auch die Periode der Renaissance nie über denAnlauf, den Versuch hinaus. Keines ihrer socialpolit-ischen Systeme ist in den Fluß einer geschichtlichen Ent-wicklung eingetreten, sie treiben nur wie Schaumblasenaus der allgemeinen Gährung der Geister hervor, umbald wieder zu verschwinden. Und was sie eine Zeitlang lebebensfähig an der Oberfläche erhielt, war dasreligiöse Ferment, das gerade damals zu einer radikalenUmgestaltung des kirchlichen Lebens trieb. Darum findenwir auch beide politische Richtungen dieser Periode untereiner religiösen Maske. Das „Wort Gottes" war dasreligiöse Schlagwort für die egoistische Erweiterung derFürstenmacht; „evangelische Freiheit" war die Parole fürdie liberale Revolution von unten. Erst nachdem die.religiöse Aufregung sich gelegt, war auch dieses Schlag-wort unbrauchbar geworden.
Und jetzt war die Zeit gekommen, in der man mitder radikalen Umgestaltung der Rechts- und Gesellschafts-theorie Ernst machte. Die Parole hieß „Naturrecht".
Schon Hugo Grotius, Bcllarmin, Suarez, Puffen-dorf, Thomasius haben auf diesem neuen Boden ihrepolitische Doktrin aufgebaut. Aber namentlich waren esHobbes und Locke, die sich für berufen hielten, die philo-sophische Basis zu gründen für die in der Renaissanceausgestreuten Ideen. Und es ist eine merkwürdige Er-scheinung, daß gerade zu einer Zeit, in welcher derAbsolutismus in der französischen und englischen Politikseine conkrete, praktische Ausgestaltung erhielt, Ideen amWebstuhl der Zeit ausgebrütet werden konnten, diespäter eine so blutige Katastrophe heraufbeschworenhaben.
Hobbes und Locke waren diejenigen, welche die schonin der Renaissance deutlich genng erkennbare demokratischeStrömung in ein konsequent ausgebautes, fertiges Systembrachten. Sie gehen beide von der Idee des Social-contraktes aus und nehmen demnach einen sogenanntenNaturzustand an, formell ziehen sie aber die entgegen-gesetzten Konsequenzen. Hobbes huldigt dem monarch-ischen Absolutismus, Locke dem demokratischen Abso-lutismus. Zu diesem Gegensatz mochten die äußerenVerhältnisse beider Männer viel beigetragen haben:Hobbes war entschiedener Anhänger von König Karl II.von England und mochte in den religiös-politischenWirren seiner Zeit eine eiserne Faust wünschen, diewieder Ordnung in das Chaos bringt; Locke dagegenist in der republikanischen Gährung unter Karl I. auf-gewachsen und war Anhänger der Parlamentspartei.
Selbstverständlich hatte Locke's Auffassung mehrChancen für sich, weil ein viel allgemeineres Interesse.So hat das Locke'sche sogenannte Naturrecht unter demEinfluß der durch Baco von Verulam und Cartesiusemancipirten Wissenschaft vorzugsweise dem demokratischenund rcvolntionär-repMkamschen Princip Bahn gebrachen.