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(01/05/1897) 24
 
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Ieilsge M Ailgsömger Weiimg.»

Mlli 1897.

Hansen und der Hypnotismus.

Von Charles Saint-Paul.

Der Vorkämpfer und Wiedererwecker des Magnetis-mus und Hypnotismus, Karl Hansen, ist vor Kurzem inMona gestorben. Seine letzten Lebensjahre haben sichfür ihn zu einer schweren Leidenszeit gestaltet, da bet denvielen Verdächtigungen, die er erfuhr, und bei der oppo-sitionellen .Haltung der Behörden gegen öffentliche hyp-notische Schaustellungen ihm sein früheres Wirken un-möglich gemacht wurde und auch seine Körperkraft unterden drückenden Verhältnissen zu sinken begann. Es tvarihm vor seinem Lebensende durch ein Lnngenleiden auchdie letzte Möglichkeit des Erwerbes, Vortrüge über seineWissensgebiete ohne die üblichen Experimente, noch ge-nommen worden, so daß seine Gesinnungsgenossen einenAufruf zu seiner und seiner Familie Unterstützung ver-öffentlicht haben.

Anderseits hatte er noch die Anerkennung gefunden,daß in letzter Zeit die wissenschaftlichen Kreise Deutsch-lands zugestanden haben, daß er durch sein Auftreten denersten Anstoß zu ernster Beschäftigung mit den hypnot-ischen Fragen gegeben, die Aufmerksamkeit dec Aerzte undLaien auf die bereits fast vergessenen Erscheinungen desMagnetismus und Hypnotismus gelenkt hat.

Während des letzten Aufenthaltes Hansens inMünchen im Jahre 1892 hatte ich Gelegenheit, diesenMann, der so reiche Erfahrungen auf dem Gebiete dermodernen Experimeutalpsychologie in allen Wcltgcgcndengesammelt hat, näher kennen zu lernen und einen ge-nauen Einblick in seine Erfahrungen zu gewinnen. Eswar zu dieser Zeit auch bereits in Süddeutschland seinefrühere Anfeindung als Schwindler und Charlatau derAnerkennung seiner umfassenden praktischen Thätigkeit aufdem neuen experimcntalpsychologischen Gebiete, das aucher nur mehr mit Vorsicht betreten wissen wollte, ge-wichen. Die veränderte Anschauung der gelehrten Kreiseüber die hypnotischen Experimente trat insbesondere auchin München zu Tage. Es hatten sich in dieser Stadthervorragende Fachmänner, wie Or. mecl. ot pfiil.Gcrstcr, Or. Baron von Schrcnck-Notzing, I)r. Baron duPrel sowie die Gesellschaften für psychologische Forschungund wissenschaftliche Psychologie, dem theoretischen undpraktischen Studium des Hypnotismus und der verwandtenGebiete gewidmet.

Hansen hat nicht geglaubt, daß die Bewegung, dieer durch seine populären Schaustellungen in Deutschland einzuleiten bestimmt war, sich in verhältnißmäßig kurzerZeit so gewaltig ausbreiten würde. Er hatte selbst dasGefühl, daß die neuesten Forschungen der psychologischenund medizinischen Fachgelehrten den Hypnotismus undMagnetismus in einer von ihm nicht vorausgesehenenWeise erhellen. Deßhalb bemerkte er auch in seinenVortrügen, daß er die psychologische Fortbildung und Er-klärung andern überlassen müsse, während er selbst fürsich nur das Verdienst in Anspruch nehme, in langenJahren der Kämpfe und Anfeindungen unentwegt zurAnerkennung des Hypnotismus vorgearbeitet zu haben.

Für weitere Kreise dürfte es von Interesse sein,einen Einblick in das Wirken Hansens und in die Er-gebnisse seiner Forschung zu gewinnen, sowie speciell auchdiese in ihrem Verhältnisse zu den sonstigen umfassendenhypnotischen Forschungen der Gegenwart beleuchtet zusehen, und ich versuche deßhalb, in Kürze das mir hier-

über zur Verfügung stehende Material im Folgenden zuverwerthen.

Ehe ich in die Resultate der Beobachtungen Hausensnäher eingehe, möchte ich seinen humoristischen Berichtüber seine ersten hypnotischen Versuche und die Veran-lassung seines ersten Auftretens in der Oeffeutlichkeitwiedergeben.

Als er ein junger Mensch von etwa 15 Jahrenwar,') kam in seine Familie häufig ein Onkel, Justiz-rath Jakobsen, der hypnotische oder magnetische Versuche damals unterschied man ja noch nicht genau zwischenHypnotismus und Magnetismus, und der Experimentireudeerzeugte den Schlafzustand durch das Streichverfahren derMagnetiscnre machte und speciell auf ein Mädcheneinzuwirken suchte, welches sehr leidend war und wirklichdurch die magnetische Behandlung bald besser wurde. Derjunge Hansen verfolgte nun diese magnetischen Experimentemit großem Interesse, und als der Onkel eines Tagesausblieb, beschloß er, selbst einmal den Hypnotiseur znspielen. Es gelang vortrefflich; auch die Wiedererweckungdes Mädchens machte keine Schwierigkeiten.Papa",meinte der Junge, als sein Vater Abends nach Hausekam,soeben machte ich Onkel das Magnetismen nach;frage nur Aunie, wie gut es ging!",.So", sagte derentrüstete Vater,Du hast magnetisirt! Dann kannstDn auf Dein Zimmer gehen und oben bleiben, bis Duwieder gerufen wirst." Der junge Hansen wäre hierüberbeinahe vor Schreck selbst in .Hypnose gerathen. Wußteer ja, was diese Worte zu bedeuten hatten. Mindestens24 Stunden Stubenarrest! Schweigend und tiefbetcübtfügte er sich dem Befehle, innerlich gelobend, nie wiederzu experimcntircn. Doch derartige Gelübde werden oftgebrochen, und auch Hansen brach das seine, als er mit19 Jahren auf die Akademie kam. Er fand daselbsteinen Collcgen, von dem er wußte, daß er schon mehr-mals magnetisirt worden war. Derselbe tvar sehr sug-gestibel und wurde deßhalb zum Opfer auserlestii,

Bald darauf magnctisirte er schon vielfach zn Heil-zwecken. Er ließ sogar die Patienten selbst im Schlafedie Heilmittel finden, ein Bestreben, das häufig,: wie erbehauptet, mit Erfolg gekrönt werden soll. Bekanntlichhaben auch Dr. Baron du Prel und Dr. Gerster ähn-liche Experimente mit einem ihnen.befreundeten höherenOffizier, der im Feldzuge von 1870 schwer verwundetwurde und in Folge dessen sehr leidend war, angeblichmit Erfolg angestellt, du Prel berichtete hierüber inseiner BroschüreModerner Tempelschlaf" und in mehrerenZeitschriften.")

') Nach seiner Autobiographie (Zöllner, Wissenschaftl.Abhandlungen III. 556) wurde er in Odense in Dänemark im Jahre 1833 geboren.

") Wie Hansen behauptet, kam er durch eigene Er-fahrung auf die Idee, das Suchen nach Heilmitteln in derHypnose anzuordnen. Er hielt sich. ehe er seine großenReuen machte, eine Zeit lang auf der Insel Aeroe beiDanemark auf. Daselbst lernte er eine Somnambulekennen, welche häufig, wie man sagte, hellsehend wurdeund dann Heilmittel sowohl für sich wie für andere fand.Dieselbe soll nun einmal, als Hansen wegen einer Er-krankung sie besuchte, ihm den Rath ertheilt haben, einigeSchritte von der Thüre des Gartens aus ins Feld hinauszu gehen, wo .er dann ein Zwiebelgewächs finden werde,von dem er sich einen Trank bereiten und in bestimmtenkleinen Dosen nehmen müsse. Anfangs will er über diesenRath gelacht, spater aber gedacht haben, daß man es jaeinmal versuchen köynte. woraus er aufs Feld ging. die.