Ausgabe 
(1.5.1897) 24
 
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Principielle Gründe aber für rein typisch-dekorativeBehandlung historischer Bildnisse, und seien es auchkirchlich-religiöse, wenn diese als Statuen und Stand-bilder gleichsam auf sich selbst gestellt und dem Auge sonahe gerückt sind, können wir keine entdecken, und zwarWeber in allgemein künstlerischer Hinsicht, noch im Hin-blick auf die Aufgaben einer speciell zeitgemäßenkirchlichen Kunst. Daß sich das Bilduiß durch statuarischeGeschlossenheit und stilvolle Zeichnung der Architektur an-schließe, resp. unterordnen müsse, versteht sich von selbst.Als Kunstwerk hat es doch auch in sich selbst einen Zweck,und hat nicht einzig und allein rein äußerlichen ästhet-ischen Abstehlen, wie Belebung, Unterbrechung und Ab-rundung der Architektur, zu dienen. Es soll sich viel-mehr auch an Geist und Gemüth des Beschauers wenden,um ihn durch die charakteristische Darstellung einer indi-viduell ganz bestimmten geschichtlichen, d. i. wahrhaftlebensvollen, Persönlichkeit wenigstens einigermaßen Ver-ständniß- und wirkungsvoll anzusprechen. Ferner hat esin unserer Zeit nicht mehr die vornchmliche Aufgabe, sichin rein symbolischer Absicht, als bloßes Wortzeichen oderkunstsprachlicher Begriff au unser Gedächtniß zu wenden,um uns zu erinnern, daß es einen St. Petrus undPaulus , einen hl. Laurentius, Sebaldns, Frauziskus ge-geben, oder daß diese und jene religiöse Wahrheit alsDogma und Glanbensinhalt festzuhalten sei. Das alleslernt und liest heutigen Tages bereits das Kind inseinem Katechismus, biblischer Geschichte und seinemGcbetbuche.

Vollendet ist ferner die architektonische Erneuerungdes nördlichen Schiffes der Kirche. Das in spätererZeit eingefügte Pultdach wurde entfernt, die Fenster desMittelschiffes sind dadurch freigelegt und wurde demSeitenschiffe seine alte Gestalt mit der Maßwerkgalleriein einfachen schönen Motiven zurückgegeben. Fertig isthier der neue Logenaufgang neben der Brautportalhalle.Es ist dies ein alter Einbau zwischen zwei Pfeilern mitzwei großen Fenstern, die mit Wimpergen bekrönt sind.Auch hier waren in späterer Zeit die obern Theile ab-gehauen und mit einem Pnltdache alle Schäden über-brückt worden. Dieses Dach ist nun glücklich entferntund der Einbau in Conscqucnz mit dem klebrigen hori-zontal mit Maßwerk nnd Zinnengallerie abgeschlossen.Dieser kleine Ban trägt nun hier viel zur ganzen Stim-mung bei, denn es ist alles so einheitlich und doch zu-gleich sehr mannigfaltig. Dieser äußere Aufgang an derFrauenseite führt in ein inneres nettes Chörlein. Das-selbe hat fünf einfache Wandflächen mit drei vergittertenSpitzbogenfcnstern, zierlicher Zinuenbekrönung und birncu-förmigem Dache. Nach unten wird es von einem reichen,mit Blnmenbändern umgürteten Korbe getragen, der aufeinem Mauerknäuflein aufsitzt.

Das nordwestliche Marienportal hatte vordem eben-falls ein Pultdach, welches nun entfernt ist; es erhieltauch einen horizontalen Abschluß mit Maßwerkgallerieund macht nunmehr wieder einen intimen architektonisch-interessanten Eindruck. Dieses Portal hieß eigentlich dieAnschreibthüre", weil an ihr die mit den Namen derVerstorbenen beschriebene Tafel aufgehängt wurde. NachRettberg wurde es zur Zeit des nördlichen Thurmbanes,um 1345, erneuert. Es ist durch ein guterhaltenesSpitzbogentympanon von hoher künstlerischer Feinheit aus-gezeichnet, das oben die Darstellung der Krönung Mariens,darunter die ihres Todes und Begräbnisses darstellt. Esist ein Bildwerk veredelter Gothik, spätestens vom ersten

Anfange des XIV. Jahrhunderts, verständnißvoll com«ponirt, geschmeidig in der Behandlung der Form. Wielebendig und poetisch fein empfunden ist nicht der TodMariens, wie dramatisch-effektvoll ihr Begräbniß darge-stellt: Apostel tragen den Sarg, über ihnen schweben dieRauchfaß schwingenden Engel, und neben ihm stürzen dieungläubigen spottenden Juden zu Boden. Die Figurender Verkündigung zu beiden Seiten sind aus derselbenZelt, ebenso die netten Sibyllen an den Kapitellen. Schondiesen ältern Arbeiten gegenüber stehen die neuen Sculp-turcn sehr ab. Die Südseite des alten Schiffes sammtThürmen harrt noch der Ausbesserung. Der noch ro-manische Wcstchor (Löffelholz-Kapelle), zum Theil imXIV. Jahrhundert umgebaut, ist intakt.

So gewährt denn die bereits vollendete und frei-gelegte Partie (Nord-, Ost- und halbe Südseite) des alt-ehrwürdigen und auch kunstgeschichtlich instrnctivcn christ-lichen Cultusbaues wieder den ächten architektonisch-origi-nellen und malerischen Anblick zur Erhöhung des sohistorisch-stimmungsvollen Eindruckes der ganzen benach-barten Oertlichkeit. Diese erstreckt sich von der in feineritalienischer Renaissance sich prüscutireuden Langseite desNathhauscs. zwischen Sebalduskirche und Morizkapclle(mit angehängtemBratwurstglöckle"), über den maler-ischen Albrecht-Dürer-Platz mit seinem ausdrucksvollenStandbilde des größten deutschen Malers (vom -st Pros.Rauch in Berlin ), sowie dem Scbalder Pfarrhofe mitreizend gegliederten und reich gezierten Chörlein vomJahre 1318.

Als beachtenswerthestcs Kunstwerk des ganzenAeußern der Sebalduskirche soll hier das am Ostchorhinter einem Eisengitter befindlicheSeünld SchreiersBegräbniß", eines edlen, durch manche KunstfördernngverdientenKirchcnmeistcrs" (Vorstandes) Grabdenkmal,erwähnt werden. Dieses steinerne Hochbild mit etwavier Fuß hohen Figuren hat eine Länge von 34 Fußund Höhe von 9 Fuß, nnd wurde im Jahre 1492 2)vom Steinmetz Adam Krafft als eines seiner besten Werkeausgeführt. Das Bild auf dem Pfeiler rechts stellt dieKrcuztragung, daneben links auf der Zwischenmauer dieKreuzigung Christi dar. Dann folgt die Grablegung,das künstlerisch werthvollste, weßhalb man das Ganzevielleicht mit diesem Namen gewöhnlich zu benennenpflegt. Es ist noch mit tieferer Empfindung und größererdramatischer Kraft des Ausdrucks ausgestattet, als dieGrablegung unter Krafft's weltberühmtenStationen". Joseph von Ariamathia und Nikodemus halten denLeichnam Jesu über dem Grabe, im Begriffe, ihn indessen Tiefe zu betten; der wahrhaft rührende Schmerzder verlassenen Getreuen, von einigen mit erhabenerKraft bcmcistert, bricht in andern mit unaufhaltsamerGewalt hervor, am leidenschaftlichsten in Magdalena, diemit gerungenen Händen am Fuße des Grabes uiedcr-kniet, am tiefsten in der hl. Mutter, die, in unnachahm-lich inniger Auffassung in die Knie gesunken und ihrenArm unter den des Sohnes gelegt, mit erhobenem nndzurückgebeugtem Haupte ihre Lippen auf die todcskalteWange des geliebten Sohnes drückt. Auf dem links-seitigen Pfeiler sehen wir den aus dem Grabe steigendenHeiland von anmuthig edler Erhabenheit des Ausdrucks.Das Grabmal, wenn auch grauschwarz gedunkelt, ist sehrgut erhalten und zeigt Spuren früherer Polychromirung.'

Das Relief über der südlichenSchauthüre", das

2) Joh. Nendörsfer, Nachrichten von den Künstlern rc.in Nürnberg 1546 u. 1828.