Ausgabe 
(1.5.1897) 24
 
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spricht. Von dcr Antonio steht noch «in Thnrm mitNaudfttgenguadcrn aus ältester Zeit, sie wurde nicht unter-graben. Unter Karl dem Grasten ist von einem Kirchleinam Platz des Prätorinms auf dem Sionhügcl die Rede,auch fanden die Kreuzritter sich wohl Anrechte und tratenden Kreuzweg von da durch die nun tief in die ErdegesunkeneGartenpforte" Gen noth, den heute fogenannten Pctersbogcn nach der heiligen Grabkirchc an,obwohl das Richthaus des PilatuS als eigentlicher Aus-gangspunkt nicht mehr cxistirte.

Wann und wie konnte aber die Tradition, sich nachder Tcmpclkaserne verirren, welche, obwohl wir denSachverhalt schon seit 50 Jahren wiederholt klar gelegt,noch heute so lebhafte Vertheidiger findet. Dieser Wechselder Ueberlieferung am Ende der Krenzzüge hängt mitder Verlegnng der Statthalterei zusammen. Die BurgAntonio wurde zum Serail erhoben, und dersogenannte Teich Bethesda davor hcistt hievon Wirket esSerail (nicht Israel!). Der kicas Iiomo - Bogen stehtan.,der. Stelle der Pforte Benjamin, und die Gerichts-verhandlung gegen Jesus mutzte außerhalb der Stadt-mauern stattgefunden haben, wo nicht unten auf demTcmpclplatze, wo auch das Pflaster Lithostratos hieß,wie in dcr Oberstadt vor dem Prätorium. Die An-nahme scheint absurd, aber steht es besser mit.dem Vor-geben, der Stellvertreter des Kaisers, dcr ge-wöhnlich nur zur Ostcrzcit nach Jerusalem kam, habenicht im königlichen Palastc auf Sio» mit seiner GemahlinWohnung genommen, sondern ihn das ganze Jahr überleer stehen lassen und sich in dcr am Paschafestc voll-gepfropften Kaserne einquartiert, wo regelmäßig eineEohorte lag, die aber auf das Fest durch Herbei-.ziehen des Hauptcorps von Cäsarea unter ihrem Chiliarcheuoder Oberst verstärkt ivurdc (Jos. ^.ntig. XVIII, 0, 1),um die der Stadtbcvölkcrnng gleichkommenden Pilger-massen in Ordnung zu halten. Mau denke: Pilatus'Gemahlin Claudia Pcrcula, aus deren Geschlechteder nächste Kaiser hervorging, soll mit den Marktfrauen undSoldatenweibern zusammengewohnt, den Wäscherinnenguten Morgen gesagt und den Geruch der Garkücheneingeathmet haben, statt im Lustgarten auf Sion Hofzu halten und die vornehmen Besuche in Empfang zunehmen! Denn in der unruhigen Kaserne Antonia wurdenach Josephus offener Markt gehalten.

Gegen diesen Thatbestand kommen alle späterenPilgcrangabcn und die allmählichen Sanctuaricn an dersogenannten Via. ckolorcwu nicht auf, wo immerhin KaiserHcraklius, aber nicht Christus das Kreuz nach Golgathageschleppt hat. Bewiesen ist nur, daß nicht zuerst dieFranziskaner als Hüter des heiligen Grabes von derauf unbestreitbaren Urkunden beruhenden Ueberlieferungabgewichen sind, sondern schon Federn von Zeitgenossender Zurück-Eroberung Jerusalems für den Islam durchSultan Saladin. Der gewissenhafte Historiker hat Nie-mand zu lieb die Wahrheit zu verhehlen und durchNichtbeachtung der den Gegenstand erledigendenWerke unwillkürlich die Leser irre zu führen.

Damit genug, hoffentlich für immer! Toblerhatsich übrigens mit dcr Frage gar nicht befaßt.

Die Vorbildung des Clerus zunächst in Bayern .

6 Die Studienordnung für die Gymnasien in Bayern hat unter den Ministerien Lutz, Müller und Landmannverschiedene, zum Theile ziemlich weittragende Abänder-ungen erfahren. Die bedeutendste Neuerung, welche tief

in die Entwicklung des gesummten Bildnngswesens ein-gegriffen hat, war ohne Zweifel die Einführung einerVorbereitungsklasse mit Latcinunterricht. Man bezeichnetediese Klasse, da sie zu unterft angefügt wurde und denbis dahin nothwendigenVornntcrricht" entbehrlich machensollte, eine Zeit lang alserste Latcinklasse", wozu nochvier weitere Lateinklassen kamen. Heutzutage bildet dieseunterste Klasse die erste Klasse des Gmnnasiums, dieerste Gymuasialklasse", denn das bayerische Gymnasiumsetzt sich nicht mehr aus vier, beziehungsweise fünf Latciu-und vier Gymnasialklasscn zusammen, sondern aus nenn(Gymnasial-) Klassen bis auf Weiteres. Im Grundestand, wie manch andere Verordnung des MinisteriumsLutz, vielleicht auch dieseorganisatorische Veränderung"des bayerischen Gymnasiums nicht ganz außer Zusammen-hang mit demstillen Kulturkampf". DieHöschen-Studenten", wie die Schüler dieser ersten Klasse nichtganz unzutreffend genannt wurden, dieErstgymnasiastcn".wie sie sich selbst im Bewußtsein ihrer socialen Stellungzuweilen nennen, sollten dem Einfluß des Geistlichenentzogen werden, der, auf dem Lande wenigstens, denVorunterricht meistens um Gotteslohn ertheilt hat.

Auch in anderer Beziehung wurde durch die Einführ-ung einer Vorbcrcitungsklassc mit Lateinuutcrricht dieKirche getroffen. Der Klerus rekrutirte sich bis dahinzum größten Theil bekanntlich aus den Söhnen derBauern, welche, von ihrem geistlichen Jnstructor tüchtigin den Anfangsgründeu der lateinischen Grammatik ge-schult, an das Gymnasium kamen und mit den aus denStadtschulen hervorgegangen«» Knaben meist in erfolg-reiche Concurrenz traten, ja diese oft weit überflügelten.Wurden nun letztere bereits in einer Vorbereitungsklassevon einem Fachlehrer, einen, Philologen unterrichtet, sokonnten sie nicht nur den Kampf mit den ländlichen Ele-menten aufnehmen, sondern diese zum Theil auch ausdem Felde schlagen, denn es läßt sich nicht bestreiten, daßdie städtischen Schulen infolge einer Reihe für sie günstigerUmstände (erste Lehrkräfte, geweckteres Schülermaterial.nur einklassige Schulen, entsprechende häusliche Nachhilfe)namentlich im Teutschen bessere Resultate erzielen könnenals die ländlichen. Das frühere Nebergewicht der Bauern-knaben war durch die Einführung der Vorbcreitungs-klasse beseitigt; die Waage neigte sich sogar auf die Seiteder städtischen Knaben infolge der größeren Fertigkeit inder deutschen Sprache, dcr man fortan erhöhte Bedeutungzumaß.

Es ist anch kein Zweifel, daß so mancher Banernsobn,der sich für den geistlichen Stand berufen glaubte, infolgedieser Umstände sein Ziel nicht erreichte; er mußte, nach-dem er vielleicht schon einen Theil dcr Stndienlaufbahnzurückgelegt hatte, den Humaniora Lebewohl sagen: dasDeutsch , die eigene Muttersprache, oder vielmehr die Vor-bereitnngsklasse mit Lateinunterricht, hat es ihm angethan.Anderseits führte diese Vorbereitungsklassc den bayerischenGymnasien riesige Mengen von Schülern zu. Geiviß istdas große Wachsthum der Gymnasien und Universitätenauch der Zunahme der Bevölkerung zuzuschreiben, aberdoch nur zum geringen Theil. Bald waren die Lehrsälezu klein, es wurden Vergrößerungen vorgenommen undmehrere neue Gymnasien errichtet, so zu Würzburg , Bam'bcrg und Regcusbnrg; in München entstanden sogar zweineue Gymnasien. Es folgten Entschließungen, mit Strengebei Aufnahme- und sonstigen Prüfungen zu verfahren;seitdem ist bei mehreren Gymnasien eine gewisse Stabilität,bei einigen sogar ein kleiner Rückgang, was die Schüler-zahl betrifft, zu constatircn, während bei andern der Zu-gang sich gleichwohl noch steigerte. Aus den Gymnasiengingen soviele Abiturienten hervor, daß der Staat, umnicht ein gelehrtes Proletariat heranwachsen zu sehen,auch für dre Universitäten neue, strengere Prüsungs-Ord-nnngen schaffen mußte.

Nur ein einziger Stand zog in dcr Folge aus derEinführung dcr ersten Lateinklassc Nutzen, jener Stand,den, diese Neuerung Verderben bringen sollte : der klerikaleStand. Die Bischöfe sorgten für Errichtung, beziehungs-weise Vergrößerung von Kuabenseminaricn, wozu opfer-willige Laien und Geistliche nach Kräften beisteuerten.Dank dcr trefflichen Leitung dieser Seminarien wandtensich allenthalben zahlreiche Studirende und nun auchbei Weitem mehr als früher solche aus der Stadt demStudium dcr Theologie zu. Zwar ist uoch kein Ueberllnß