Ausgabe 
(1.5.1897) 24
 
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^on Geistlichen vorhanden, in der Diocese Speyer machtsich ncnestens der Mangel an Priestern wieder stärker.leitend, m andern Diöccsen ist noch da und dort eineCoadjutorenstelle unbesetzt, auch wird in München undin Nürnberg , ferner auch in der Diaspora in Zukunftmanch neuer Katecheten- und Scelsorgeposten zu besetzensein; aber der ärgsten Noth ist wohl überall so ziemlich ge-steuert, was schon daraus hervorgeht, das? man in jüngsterZeit ernstlich an die allgemeine Einführung einesvierten theologischen Curses gedacht hat, eineFrage, welche freilich auch eine nicht zu unterschätzendematerielle Seite hat.

Ehe die Einführung eines vierten theologischen Jahresallgemein angeordnet wird, dürfte es sich empfehlen, dieBedingungen, unter denen eine solche Neuerung nachLage der Verhältnisse sich am zweckmäßigsten erweist, jasich allein segcnsvoll gestalten kann. auch öffentlich zu er-örtern. Jegliche Neuerung, welche an sich eine Verbesser-ung ist, kaun unter Umständen nicht erwartete schlimmeFolgen haben. So muß auch dieses Falls mit der Möglichkeitgerechnet werden, daß die allgemeine Einführung eines viertentheologischen Curses entweder nicht den gewünschten Er-folg in wissenschaftlicher und asketischer Hinsicht nach sichzieht, oder aber, was namentlich für kleine Diöcesenschwer ins Gewicht fällt, dem Zugang zum geistlichenStande selbst nicht unerheblichen Abbruch thut. Euregerechte, nach allen Seiten erschöpfende Würdigung dieserFrage dürste indeß unmöglich sein, ohne aus die ganzephilosophische und theologische Vorbildung des Kleruswenigstens in der Hculptsache einzugehen, um daraus dienothwendigen Voraussetzungen für eine objective Be-urtheilung jener Frage zu gewinnen und zugleich die Be-dingungen für eine Möglichst ersprießliche Durchführungder Sache selbst abzuleiten.

Daß eine gediegene theologische Bildung eine gründ-liche philosophische zur Voraussetzung hat, ist nochniemals bestricken worden. Wenn irgend eine Aussichtanf Erfolg vorhanden wäre, würde ich geradezu der Ein-führung eines zweiten philosophischen Jahres das Wortreden; nach der Studieuordnung der Gesellschaft Jesu geht dem vierjährigen theologischen Cursus sogar ein drei-jähriger philosophischer voraus; so hoch wird seitens diesesOrdens die philosophische Bildung angeschlagen. InBayern ist für den Candidaten der Theologie ein ein-jähriger philosophischer Cursus vorgeschrieben; wer Theo-logie studiren will, hat meines Wissens sowohl am Schlüssedes Winter- als des Sommer-Semester wenigstens invier ordentlichen philosophischen Fächern ein Examen zubestehen. Neben der Philosophie hat der Candidat nochPhilologie und Geschichte, Physik, Chemie und Natur-geschichte zu hören. Es wäre gewiß zu beklagen, wenneine einzige dieser Disciplinen aus dem Verzeichniß derVorlesungen gestrichen würde, welche jeder Candidat derPhilosophie zu besuchen hat; jede rst wichtig und inter-essant, und wer zu den Gebildeten zählen will, muß sichin all diesen Fächern, wenigstens bis zu einem gewissenGrade, unterrichtet zeigen. Aber es ist nicht recht begreif-lich, warum der Candidat in all diesen Fächern oder infast allen auch eine Prüfung ablegen soll, eine Prüfung,nachdem er eine solche in Philologie und Mathematik, inGeschichte und Naturgeschichte schon am Gymnasium be-standen hat? Dazu kommt, daß den meisten Candidaten.soweit sie sich nicht mit Vorliebe für eines dieser nichtrein philosophischen Fächer interessiren, doch später einzelnedieser Disciplinen, besonders die Chemie, ziemlich fern-liegen werden. Candidaten. welche Theologie nicht stu-diren, haben überhaupt kein Examen zu machen. Diesist zu beklageii, sie sollten wenigstens in der Philosophiegeprüft werden, welche für jeden Gebildeten von höchsterBedeutung ist. Um so mehr muß die Philosophie, welchedie Basis für ein richtiges Verständniß der Theologiebildet, für den angehenden Candidaten der Theologie be-tont werden. In ihr muß die Stärke des Candidatenliegen, in ihr muß er zunächst (am besten schriftlich undnündtich) geprüft werden; die übrigen bisher vor-geschriebenen Examina aus den nicht streng philosophischenDisciplinen beschränke man wenigstens auf das eine oderrudere Fach, etwa in der Weise, daß der Candidat inzedem Semester, außer den rein philosophischen Examina,noch ein weiteres Examen aus einer anderen Disciplin,nn besten nach freier Wahl, zu bestehen hat.

Welch eine Wichtigkeit hat für den Priester als Lehrerdes Volkes und Richter desselben imRichterstuhleGottes" nicht schon die Logik, dieses Fundament derPhilosophie und aller Wissenschaft, dieses Organon derPhilosophie, wie Aristoteles sagt; welch eine Bedeutungsodann die Erkenntnißlehre, nicht zu reden vom wichtigstenTheile der Philosophie, der Metaphysik, welche sich auchmit dem erhabenen Gebiet der Gotteserkenntniß selbst be-faßt! Nicht zu unterschätzen, namentlich für die heutigenZeitbedürfnisie, ist auch die Ethik, die Social- und dieRechtsphilosophie, welche man, freilich (ivie mir scheint)nicht ganz zutreffend, diepraktische Philosophie" genannthat. Soviel ist unbestritten, daß der Candidat der Theo-logie in all diesen Theilen der Philosophie einen gründ-lichen und gediegenen Unterricht erhalten muß, einenUnterricht, der jedem dieser Theile den ihm an sich ge-bührenden Raum zuweist. M. a. W., der Unterricht inder Philosophie darf nicht hauptsächlich oder ausschließ-lich eine Unterweisung etwa in der Logik sein, er mußvielmehr die meiste Zeit jenem Theile der Philosophiewidmen und das Hauptgewicht auf jenen Theil legen, derden Mittel- und Höhepunkt der Philosophie bildet, dieMetaphysik. Zum Vortrage der Philosophie wird derLehrer mindestens 160 Stunden benöthigen, so daß etwaauf jede Woche des Wintersemesters fünf, des Sommer-semesters sechs Stunden treffen würden.

(Fortsetzung folgt.)

Recensionen und Notizen.

Michelitsch Anton, Atomismus, Hylemorphismus uudNaturwissenschaft: Naturwissenschaftlich -philosoph-ische Untersuchungen über das Wesen der Körper.8°. VIII -st 104 Seiten. Graz , Selbstverlag 1897.Preis 1 M- 40 Pf.

-> Unter allen Zweigen der Philosophie übt auf dendenkenden Menschen keiner einen solch unwiderstehlichenReiz aus, als die Naturphilosophie, welche die letztenund höchsten Gründe des physischen Daseins ergründenwill und zur Genossin die Naturwissenschaft hat, unterderen Zauberbann das moderne wissenschaftliche Strebenin hervorragender Weise sich äußert. Hat uns doch diejüngste Zeit auf dem Gebiete der Physik, die keine neuenErscheinungen zu bieten schien, mit den weittragendsten,ganz neue Bahnen eröffnenden Entdeckungen überrascht.Leider hält die Vertiefung unserer Kenntniß e nicht gleichenSchritt mit der Erweiterung des Wissens. Die Fragenach dem Wesen der Körper und der physikalischen Grund-begriffe finden wir selbst in den besten Lehrbüchern derPhysik und Chemie oberflächlich behandelt, oft genugwidersprrchsvoll, für den logisch denkenden Leser ganzund gar unbefriedigend erörtert; es zeigt sich da eine Un-beholfenheit und Verworrenheit, daß wir gerne die erstenBlätter überschlagen. Anderseits bekunden die Lehrbücherder Philosophie vielfach allzuwenig Vertrautheit mit denResultaten der Chemie und Physik, als daß man es denVertretern dieser Wissenschaften zu hoch anrechnen dürfte,wenn sie in vornehmer Geringschätzung dem Philosophendas Recht mitzusprechen versagen. Eine glückliche Ver-einigung philosophischer Durchbildung mit physikalisch-chemischen Kenntnissen hat den Verfasser obigen Buchesin den Stand gesetzt, die uns bekannten Schriften ähn-lichen Inhaltes von Schneid, Hertling n. s. w. bedeutendzu übertreffen. Die Frage nach der Konstitution derKörper, eine der interessantesten und schwierigsten, thutdie moderne Naturwissenschaft im Sinn des Ätomismusab; derselbe ist ein Beispiel, wie eine Hypothese, die zurVereinfachung der Erklärung von Naturerscheinungenangenommen wurde, allgemach eine Theorie, ja sozusagenein Dogma des Physikers werden konnte. Es kann inder That nicht geleugnet werden, daß die moderne Atomen-lehre etwas Blendendes und Bestechendes hat, so daßauch der Philosoph sie nicht lassen will und muthlos(wie Tongiorgi) ausruft: ,,^-etum S8t äs obimioa soioutia,si peripsiotieam tlisorirnn eseipsrs eoKamur". AndersMichelitsch. Er zeigt in überaus klarer und überzeugenderDarlegung, daß die Chemie selbst trotz ihrer Atomenlehregewisse unerklärliche Reste bestehen lassen mich, die demtiefer Blickenden nicht entgehen, und daß gerade diese fürden Hylemorphismus sprechen, für die Aristotelische Lehrevon Materie und Form, die auch sonst nirgends den ge-