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Beata Stilln, Gräfin von Abcnberg.
Von I. N. Seefried.
Aus dem erlauchten Hause der Grafen von Aben-berg im einstigen schwäbischen Sualafeldgau (jetzt Reg.-Bez. von Mittelfrankeu) glänzen am Himmel der Kirchedes Bayerlandes zwei liebliche Sterne aus dem angeblichsehr finstern Mittelalter in die überaus helle Gegenwartherein: Konrad I., Erzbischof von Salzburg (1106 — 1147),und die gleichzeitige selige Gräfin Stilla von Abcnberg.
Gegen die letztere ist neuerlich in diesen Blättern(5 — 12) Herr Pfarrer Hirschmann in Schönfeld aufge-treten. Derselbe stellt unter Aufwand eines großen krit-ischen Apparats Stilla's Abstammung von den Grafenvon Abcnberg geradezu in Abrede und fordert sämmtlicheVertheidiger dieser Abstammung vor seinen historisch-kritischen Nichterstuhl.
Ich halte mich nun nicht bloß für berechtigt, meine1869 ausgesprochene Ansicht über die Gräfin Stilla gegendie negative Kritik Hirschmanns aufrecht zu erhalten, son-dern hiezu um so mehr verpflichtet, weil der Gegner ausmeinen Grafen von Abcnberg *) Sätze herausgenommenund verwendet hat, welche ich entweder sofort berichtigtoder später (1881) modifizirt habe, und aus meinem Bucheaus dem Jahre 1869 Schlüsse zieht, die ich schon 1881und 1890 nicht mehr anerkannte und 1896/9? nochweniger anerkennen kann. Ich erlaube mir deßhalb einigeBehauptungen Hirschmanns bezüglich der Grafen vonAbcnberg im Allgemeinen und der seligen Gräfin Stillaim Besonderen zu beleuchten, auf ihren Werth zu prüfenund, wo es geboten erscheint, auch zu berichtigen.
I.
Die Genealogie der Grafen von Abcnberg imAllgemeinen.
Hirschmann hat 1897 Nr. VI, 45 der Postzeitnngs-Beilage den Stammbaum der Grafen von Abcnberg, wieich ihn vor fast 30 Jahren aufgestellt und veröffentlichthabe, im Allgemeinen zwar richtig, jedoch nicht ganzgenau reprodnzirt und dazu bemerkt, daß ich denselbenim Jahre 1895 berichtigt habe. Warum ich diese Be-richtigung vornehmen und die Reihenfolge in den be-kannten zwei Linien umstellen mußte, das hat er ver-schwiegen und nur angeführt, daß ich Stilla's Ge-schlechtsabfolge durch Konrad I. und Napoto I.(ca. 1122-1127) von Wolfram II. (1071-1108) ab-geleitet habe.
Meine Untersuchungen, sagte ich ain 15. Februar1894 (B. 24, 187)-), h^ten mich schon 1879/80 zuder Ueberzeugung geführt, daß Gräfin Gerhilde (dieGemahlin nicht Wolframs I., sondern Wolframs II.,ch am 22. Juli nach 1108) die Mutter des Bamberger Domherrn Adalbert gewesen, welcher nicht schon 1108oder bald darauf mit Tod abging, sondern damals nochin dem besten Lebensalter stand. War nun aber dievon Hirschmann weggelassene Gerhilde dieGemahlin Wolframs II. und der KanonikusAdalbert an der Kathedralkirche bei 8. Georgzu Bamberg beider Sohn, so konnte Wolfram II.
') Die Grafen von Abcnberg fürstl. baper.-welf. Ab-kunft die Ahnen des preußischen KönigZhanses und derFürsten von Hohenzollern. München 1869. G. Franz'fcheBuch- und Kunsthandlung (Ed. Lotzbeck).
2) Die Könige von Preußen und die Fürsten vonHohenzollern sind Abenberg -Zollern, nicht Zollern-Aben-berg. Separatabdruck. Augsburg bei Haas u. Grabherr1894 S. 3.
nicht mehr als Vater Otto's II., Wolframs III. undErzbischofs Kourad I. von Salzburg bezeichnet werden.Die clarissiwi viri Otto (II.) und Wolfram (III.), desErzbischofs Brüder, mußten schon aus diesem Grundeals Söhne Otto's I. erklärt und die Reihen-folge verändert und umgestellt werden, nochmehr aber im Hinblick darauf, daß Bischof Otto I. vonBamberg , der Pommeruapostel und Hauptgriinder desCisterzienserklosters Heilsbronn (1132), und seinBruder Friedrich nicht der hochgräflich abcnbcrgischcnFamilie (wie man früher angenommen hatte), sondernden Edelherren von Mistelbach bei Pleinfeld , k. bayer.Bezirksamts Weißenburg a./S., angehört haben und vonmir längst aus der Genealogie der Grafen von Abcn-berg entfernt worden find. (Belege siehe Beilage 1894,24. 187). 3)
Nach dem gleichzeitigen Biographen des ErzbischofSKonrad I. von Salzburg war Napoto I., welcher ur-kundlich zwischen 1122—1127 öfter erscheint, kein BruderKonrads, er muß deßhalb ein Sohn Wolframs II.und Bruder des Domherrn Adalbert gewesensein, weil ein anderer Graf von Abcnberg, der seinVater sein könnte, z. Z. weder mir bekannt ist, nochjemand Anderem bekannt sein dürfte.*)
Wenn Wattenbach nach Hirschmann (6, 46 A. 10,in Deutschlands Geschichtsqnellen (II, 5, 269) den Erz-bischof Konrad „aus der vornehmen bairischen Familieder Grafen von Abensberg " abstammen läßt, so be-findet er sich in dieser Beziehung noch immer in dem fastvierhnndertjährigen Irrthum, in welchen HansTnrmair von Abensberg uns hineingeführt hat?)
„Der Patriarch der älteren bayerischen Geschichtehat in seinen Jahrbüchern, sagt Westenrieder?) sich keines-wegs ftei von häßlichen Irrthümern, Lücken und Miß-verständnissen gezeigt," was auch seine Biographen, dievvr. Theodor Wiedemann und Wilhelm Dittmar (1858und 1862) zugestanden haben und jeder zugestehen muß,welcher die Werke dieses überaus belesenen und viel-sammelnden Mannes und Meisters nicht bloß dem Namennach kennt, sondern nachgelesen und nachgeprüft hat.
Eines sehr argen Mißgriffes und Mißverständnisseshat sich derselbe aber mit seinen Babonen schuldig ge-macht, wenn er den angeblichen Dynasten Babo II. vonAbensberg und Rohr (Ror) für einen Sohn des Schiren-fürsteu Babo und Bruder Otto's I. aus dem Hause derGrafen von Scheyern , dann als Haushofmeister der hl.Kaiserin Knnigunde und als Burggrafen der StadtRegensbnrg ausgegeben und schließlich mit den Grafenvon Abensberg in eine Verbindung gebracht hat, welchegeradezu als geschlechts- und geschichtswidrig bezeichnetwerden muß.
So soll der vielkinderreiche Babo den GrafenWolfram von Abensberg (einen solchen hat es niegegeben) neben 29 bezw. 31 Söhnen und 8 Töchtern
2) Separatabdruck 1. o. S. 5; insbesondere Familiedes heiligen Otto und die Edelherren von Mistelbach im54. Jahresberichte (1892) des historischen Vereins vonBamberg .
") Vita Olluvracki eap. 1. dl. E. 88. XI, paZ. 63.
b) Unvales Loiorum (1524) PE. 314 vergl. mit VII,829. Die neue Ausgabe von Dr. Riczler konnte ich nichtbcnützen.
°) Beiträge znr vaterländischen Historie, Geographie rc.9. Bd. S. 1—115. Denkschrift auf I. Nep. Meoerer mitdessen Brustbild. Westenrieders gesnmmelte Werke. Kempten bei Köiel. 15. Bd. S. 65 u. 66.