kjr. 65
U, 13. Nov. 1897.
Die Passiv der heiligen Afra.
Von Dr. Bernhard Sepp.
Die Verehrung der hl. Märtyrin Afra in Augsburg ist bis iu's 6. Jahrhundert hinauf beglaubigt. Dennschon Venantins Fortunatns sagt in seiner metrischenVita s. Llsrtini, die noch zu Lebzeiten des hl. Germanus,Bischofs von Paris (gest. 28. Mai 516), verfaßt ist:
„l?arAis sä gnrciv Viräo et liivvs ünontant,
lilie os8a saeras vensrabsrs nncrt^ris l4krao."0
Auch in der ältesten Recension des hlsrt. klioronvin.(entstanden im Jahre 627/28) ist wiederholt von ihr dieRede?) Eine so innige Verehrung ist aber kaum denkbarohne eine Legende, welche über die Art ihres Martyriumshelleres Licht verbreitete. Wenn daher unsere Hand-schriften der ?s8sio 8. ^krso bis in's 8. Jahrhundertzurückreichen, 2) so dürsten nur schwerwiegende Momenteuns bestimmen, dieselbe als eine „Erfindung des karo-lingischen Zeitalters" zu bewachen, zumal Ruinart (a. a.O. S. 400 s.) sie in seine Sammlung der sots mar-t^rnm mnoc-rs aufgenommen hat.
Solche schwerwiegende Momente vermag ich aber inocn Einwänvcn, die Krnsch gegen ihre Echtheit erhobenhat (a. a. O. S. 42 f.), nicht zu erkennen. Es sindfolgende:
I. „^ctio in ^lrsin instituta aliens 68t allomnikuo uati8 Aönuinia parseeutionis iilins. Ikinnllu8, cprocl seium, inäox prsonomino vocstur, nt6siu8 iucsi x Fkrso."
Wie schade, daß Krnsch keine Vorlesung über dievorjustinianischen Institutionen des römischen Rechts ge-hört hat, er würde sonst erfahren haben, daß sie voneinem Juristen Gains herrühren. Sicherlich ist ihm aberein römischer Kaiser, ein Papst und ein Kirchenschrift-stcller dieses Namens bekannt, welche den Beweis liefern,daß das Pränomen „Oains" im Zeitalter der römischenKaiser auch als „noinon" gebraucht wurde?)
II. „6aiu8 autsin illü c^uam mslo egit parto3IncliaiZ Hamani! Lostulavit, ut c^us68tu8 moiktriküosn88s äÜ8 Luarisiearat Mra, nsMv oomvaamorsvitiu88g, impörntorum, czuso osisarvurs coZösianturokristisni; c^uin imnro tsntnm skorst, ut Aontilom8k Zvreret, ut 6tisin elirisiiauorum prokitatom st-t^uk doueatutLM pnklioo UFvosLarst?
Die Befehle der Kaiser waren gegen die Christenergangen. Gains kann sich aber nicht überzeugen, daßeine lusretrix sich den Christen beizählen dürfe, wieAfra that. Hierin spricht sich weniger seine hohe Achtungvor der Sittenreinheit der Christen — die auch von denHeiden anerkannt wurde — als seine Geringschätzung desGewerbes der Afra aus, denn die morstrieos galten beiden Römern für „kdminsk infamst und ^uuüiorsskaiuosuk".
0 S. dl. 6t. 4uot ant. IV, 1 p. 368 (11b. IV v. 642 sg.);vgl. Vaul. äiao. II, 13 (8er rer. LanK. p. 80). Aus diesenVersen dürfen wir schließen, daß sich bereits im 6. Jahr-hundert eine Kirche über dein Grabe der hl. Afra erhob.
°) Am 5., 6. u. 7. August und am 9. (eoä. Lxtsrnao.:8.) Oktober, s. Lall. H.. 88. Rov. II, 1 p. siois 8g. undk>. ( 130 ).
b) So (nach Krnsch) eoä. Llontspsssnlauas L n. SS,eoä. ksrisisnsis Ist. n. 10861, eoä. Llonaesnsis tat. n. 4SS4(— Lenoäietobnrsnns n. 84, Geschenk der L^sila. vgl. Obb.Archiv m S. 338 f.).
H Vgl. VoreeUiui im Onomastikon unter OaiuL.
III. (I'alaarillg) „ ism po8t ootsvsm uclinoni-tiousm patikntism ruxit iuciicsiuguö voluit ex»Llaina8ss: Lsorikioa, ^nonisin iniuris 68^miki tot Korso tooum oortaro, kutissstusuimirum ip86 8uis iueptiio, uam cpmrta Korsopscte eomruoäk sZi xotuioseut, guae sets 6880kinxit".
Der Ausdruck tot Korso ist eben eine Hyperbel,die sich aus der Indignation des Gains erklärt
Uebrigens versteht es sich von selbst, daß die Akten derMärtyrer nicht das ganze Protokoll der Verhandlungenthalten, sondern uns nur die wichtigsten Fragen undAntworten überliefern. Die Verhandlung kann alsowirklich mehrere Stunden gedauert haben.
IV. „Osiucis csusöstioukw in oooiss F,krso
kskitaiu tsm rsptim traotsvit, ut vsl Velserusstupost: tzuis, iuguit, korst cismusri sk-86Ut08 6SU83S uou OOAnits; immo 00»
Auitiouoru 6t exkoutionom oimu! militikugäomsuäsri."
Da Hilaria und ihre Sklavinnen (sueillse) Digna,Enmenia, Euprcpia, in kisgrsnti ertappt wurden, alssie die Leiche Afra's bestatteten, war ein Verhör un-nöthig, und die bloße Weigerung zu opfern genügte, umsie des Todes schuldig erscheinen zu lassen?)
V. „18 U6 8iki vsuiäöin oouotst mououta ooäom
Velsero. ^krsm eniiu ooiukustsm 63Zo oklitus
Paulo post rettulit 6iu3 oorpu8 iutegruur invantum6886, itacsUk raonckseis 8US ip86 proäiciit Mkuäsx?
Gewiß haben die Henker nicht gewartet, bis derKörper der Afra zu Asche verbrannt war — dies hätteviele Stunden Zeit erfordert — sondern sie entferntensich wohl, nachdem sie sich von dem Tode der Märtyrinüberzeugt hatten. Unter diesen Umständen war es Digna,Enmenia und Euprcpia leicht, das Feuer zu löschenund den Körper zn, bergen, der auch verkohlt immernoch als iutezrum d. h. als ganz bezeichnet werdenkonnte. 6)
VI. „Lormo Istiuu8, cpio suotor utitur, uegsuosuticsuus uecsuo ustivuo 68t, sock io Huom sovoOsrolinZieo in sokolis äisoskaut; stur um suiu cliesropot68 8oriptor6m<iu6 SZuosais in perogrius Unstusluotautkw. tzusk iu ks88ion6 legitur cliotio iuuoi-tsts kaci6s puklios, 6a 63t Viatorw Vit6U8is,iscsu« iu ksois pu Kilos sävorkialitvr propuklioo, ksZio§rspku8 voro ksoi68 pukiiospro vulgus sooopit; iüsiu 6x looo Viotorio ooäaoa
Von ciueur streng richterlichen Verfahren kaun beiden Verhandlungen gegen die Christen überhaupt nichtdie Rede sein. Der Präses, welcher zugleich Richter undVerwaltungsbeamter war, fordert die Angeklagten gemäßdem Edikte der Kaiser Diokletian und Maximian auf,zu opfern, und läßt sie im Falle der Weigerung peinlichbestrafen. Es galt mithin hier mehr einen Akt der Ad-miuistrativrustiz, der auch von untergeordneten Organenvollzogen werden konnte. Wie formlos man gegen dieChristen vorging, bezeugen Ninuoins stelix, Oetsvluseap. 28, Imotruitins äs mort. persoent. 13 und iblnssbiusbist. seekes. VIII, 6.
°) In der That wurden die Gebeine der hl. Afra imJahre 1061 in der Afrakirche intakt vorgefunden, f. avnsl,^.nAnstani z. d. I. Ll. O. 8er. III p. 127 k. nnd PlacidusBraun, Nachricht von der Erhebung nnd Uebcrsetzung derhl. Afra (im I. 1804), Augsburg 1805. Heute ruhen siein kostbarer Fassung unter der Mensa des St. Afra-Altares.