Ausgabe 
(13.11.1897) 65
 
Einzelbild herunterladen

451

so daß sie gar nicht mehr anders können, denn ihrinnerstes Wesen ist verderbt. Endlich gibt es auch Solche,die aus Unwissenheit die Unwahrheit sagen, weil sie derErzählung Anderer blindlings folgen. Nur der Mannverdient Lob, fährt Alberuni fort, der vor einer Lügezurüclschreckt und stets der Wahrheit treu bleibt. EinSolcher genießt selbst bei den Lügnern Vertrauen. DieWahrhaftigkeit ist eine Eigenschaft, die wegen ihrer innerenSchönheit um ihrer selbst willen geliebt und geschätztwird, außer etwa von solchen Leuten, die ibre Anmuthniemals gekostet haben und die Wahrheit absichtlich fliehen,wie jener allbekannte Lügner, der auf die Frage, ob erjemals die Wahrheit gesprochen habe, zur Antwort gab:Würde ich mich nicht scheuen, die Wahrheit zu sagen,so sagte ich .Nein!'"

Die eiserne Willenskraft und der unermüdliche EiferAlberuni's überwand siegreich alle Hindernisse, welche sichihm bei der Erlernung der indischen Sprache sowohl in-folge der im Sanskrit selbst liegenden Schwierigkeiten,als auch wegen der Unzugänglichkeit der Hindus ent-gegenstellten, denn ihre religiösen Anschauungen verbotenihnen jeden Verkehr mit den Fremden, denMlecha"d. i. den Unreinen. Alberuni scheute weder Mühe nochKosten, um sich indische Bücher zu verschaffen, Lehrerund Schüler zu gewinnen und sich so eingehende Kennt-nisse, nicht nur in wissenschaftlicher Beziehung, sondernauch hinsichtlich der Sitten und Gewohnheiten der Hindus,zu sammeln. Um sein Wissen zu bereichern, nahm erauch keinen Anstand, selbst die ungebildetsten Jndier überihren Glauben, ihre Rcchtsbegriffe, Sitten und Gebräucheauszuforschen. Die schriftstellerische Thätigkeit dieses uni-versellen Geistes umfaßte nicht nur fast die gcsammteNaturwissenschaft, als Mineralogie, Chemie, Physik, Optik,Mechanik, Mathematik, mathematische Geographie undAstronomie, sondern er schrieb auch über Chronologie,verfaßte 20 Bücher über Indien, schrieb auch Erzähl-ungen und Sagen und eine (verloren gegangene) Ge-schichte seines Vaterlandes. Mit seltenem Freimnthespricht er sein Urtheil über die Schriften der indischenGelehrten aus, ein Feind einerseits ihres Wortgeprängesund Phrasengeklingels, zollt er anderseits ihren Geistes-erzeugnissen die gebührende Anerkennung und hebtrühmend Alles hervor, was er in ihren Werken oder impraktischen Leben Edles und Großes fand; so bezeichneteer z. B. die kunstvolle Einrichtung der heiligen Teicheund Badeorte der Jndier alseinzig und unerreichbar".

Uebrigens selber nicht frei von Eitelkeit und Selbst-bewußtsein, fühlt sich Alberuni hoch erhaben über dieJndier, welche er als hochmüthig, eitel bis zum Wahn-sinn, voll von Selbstüberhebung und dumm schildert, underzählt stolz, daß er zuerst ihr Schüler, dann aber ihrLehrer gewesen sei, daß sie sich von allen Seiten um ihngeschaart, ihn bewundert, von ihm zu lernen verlangtund ihn gefragt hätten, bei welchem indischen Meister erseine Weisheit eingesogen hätte.Sie hielten mich,sagt der arabische Gelehrte, fast für einen Zauberer,und wenn sie von mir mit ihren Oberen in ihrerMuttersprache redeten, nannten sie mich einen See, oderein Wasser, so sauer, daß der Essig im Vergleichedamit süß sei." Den wissenschaftlichen Theoriender Hindus wirft Alberuni große Verworrenheit,Mangel aller logischen Ordnung und stete Vermengungmit den einfältigen Ansichten des gemeinen Haufensvor. Die mathematische und astronomische Literaturder Jndier vergleicht er mit einem Gemisch von

Perlmuscheln und herben Datteln , oder von Perlen undDünger, oder auch von kostbarem Krystall und ge-meinem Kiesel.

Alberuni starb im Jahre 1048 n. Chr. Lassenwir uns nun etwas von den Anschauungen, den Sittenund Gebräuchen der Hindus des Mittelalters von unseremGelehrten erzählen, was um so mehr von Interesse seindürfte, als die Jndier als ein hochgradig conservativesVolk noch einen großen Theil der Sitten und Ge-wohnheiten ihrer Vorfahren bis auf den heutigen Tag,namentlich was die vornehmste Kaste, die der Brahmanenbetrifft, bewahrt haben, und hören wir einige interessantealtindische Legenden und Sagen, die uns Alberuni über-liefert hat.

Die Gebildeten unter den Jndicrn glaubten schondamals an Einen, lebendigen, ewigen Gott, ohne Anfangund Ende, mit freiem Willen begabt, der allmächtig undallweise ist, Leben spendet, die Welt regiert und erhält,einzig ist in seiner Herrschaft und erhaben über Alles,dem nichts gleicht und der mit nichts verglichen werdenkann. Das gemeine Volk, sagt Alberuni , hat allerdingsverschiedene, zuweilen sehr vcrabschcunngswürdige An-schauungen von Gott . Einige z. B. glauben, Gott seizwölf Finger lang und zehn Finger breit. Dies kommtdaher, weil einmal ein Schüler der Brahmanen sagte,Gott sei ein Punkt, womit er nur ausdrücke» wollte,daß Gott keinen Leib habe. Ungebildete Leute stelltensich deßhalb Gott so klein vor, wie einen Punkt, und weilsie einerseits nicht begriffen, was das WortPunkt" indiesem Falle eigentlich bedeuten sollte, und anderseits beidiesem für das höchste Wesen beleidigenden Vergleicheauch nicht stehen bleiben wollten, so kamen sie zu dieserungeheuerlichen Anschauung, indem sie Gott viel größerzu schildern suchten.

Die Hindus haben fünf Elemente: Himmel, Wind,Feuer, Wasser und Erde, und zwar sinnbildeu diese dieThätigkeiten der fünf Sinne: der Himmel das Gehör,der Wind das Gefühl, das Feuer das Gesicht, dasWasser den Geschmack und die Erde den Geruch. Umdie Verbindung der Seele mit der Materie, dem Stoffe,d. h. dem Leibe, anschaulich zu machen, bedienen sich dieHinduS eines eigenthümlichen Gleichnisses. Sie ver-gleichen nämlich die Seele mit einer Tänzerin, welche inihrer Kunst sehr geschickt und sich der Wirkungen wohlbewußt ist, die jede Bewegung und Stellung ihrer Füßehervorbringt. Sie tanzt vor einem Lebemanne, der vorBegierde brennt, sich an ihrer Kunst zu ergötzen. Unterder staunenden Bewunderung ihres Gönners produzirtsie der Reihe nach ihre verschiedenen Kunststücke, bis ihrProgramm erschöpft und das Verlangen ihres Zuschauersbefriedigt ist. Dann hört sie plötzlich auf, weil sie nichtsNeues mehr bieten, sondern nur das Alte wiederholenkönnte, was nicht gewünscht wird, und ihr Verehrer ent-läßt sie.

Auch durch folgende, in anderen Wendungen wohl-bekannte Parabel suchen die Hindus die Verbindung derSeele mit dem Leibe und die Wechselbeziehungen zwischenbeiden zur Anschauung zu bringen: Eine Karawane wurdeeinst in der Wüste von Räubern überfallen. Die Reisen-den flüchteten sich nach allen Richtungen, nur ein blinderund ein lahmer Mann konnten nicht entfliehen, sondernbeide blieben, an ihrem Entkommen verzweifelnd, hilflosauf dem Platze zurück. Nachdem sie sich einander ge-nähert und sich gegenseitig erkannt hatten, sprach der Lahmezum Blinden:Gehen kaun ich zwar nicht« aber ich kam