Ausgabe 
(20.11.1897) 66
 
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Ein arabischer Aristoteles und was uns derselbeaus dem Wunder-lande Indien erzählt.

Von Dr. Widder.

(Fortsetzung.)

Nach der indischen Lehre gibt es drei Welten, einehöhere, das ist das Paradies, eine mittlere, das ist dieErde, und eine untere Welt, die Welt der Schlangen,das ist die Hölle. Wer noch nicht reif ist für den Himmel,aber doch zu gut für die Hölle, muß in Pflanzen- undThiergcstalten den Reinignngsprozcß der Seelcnwandcrnngdurchmachen. Die Jndier nehmen nach Alberuni's Be-richt 88,000 Hüllen an. Für jede Art von Sünden gibtes eine besondere Hölle. In die unterste HölleSandamsaka genannt kommen die Gesetzes-Verletzerund die Verächter der Gewohnheiten und Vorschriften.Eine eigene Hölle gibt es dann für die Fürsten , die sichum ihre Unterthanen nicht kümmern, für Diejenigen,welche die Edelsteine nicht ehren, sondern bloß als ge-wöhnliche Steine betrachten, für Diejenigen, welche gegenihre Lehrer nnehrerbietig sind u. s. w. Der höchste Gradder Vollkommenheit besteht nach indischer Anschauung indem vollständigen Aufgeben seines eigenenIch", so daßman um seiner selbst willen weder leben noch sterben will.Die größten und gefährlichsten Feinde des Menschen, sagendie Jndier, sind die Begierlichkeit und der Zorn, dennsie verleiten ihn znr Genußsucht und zur Rachsucht,stürzen ihn dadurch in Leiden und Verbrechen, machenihn den wilden Thieren und dem Vieh ähnlich, ja siemachen die Menschen sogar zu Teufeln und bösenGeistern. Namentlich neun Gebote muß der Menschbeobachten, um tugendhaft zu sein. Er darf nicht todten,nicht stehlen, nicht lügen, nicht huren, keine Schätze auf-häufen, muß stets rein und heilig leben, die vorge-schriebenen Fasten ohne Unterbrechung halten, sich geringkleiden und endlich Gott ständig loben und ihm Dank-gebete darbringen und stets das Wortöm" d. i. dasWort der Schöpfung im Geiste behalten, ohne es aus-znsprechen. Als strenger Moslem ist Albernni einFeind aller bildlichen Darstellung religiöser Gegenständeund deßhalb auch ein Gegner der christlichen und jüdischenReligion und insbesondere des Manichäismus. Nach seinerAnsicht ist der Götzendienst auch nur dadurch entstanden,daß man zuerst Denkmäler zu Ehren besonders hochge-achteter Personen, z. B. von Propheten, Weisen u. s. f.,errichtete, um ihr Andenken auch noch nach ihrem Tode zuerhalten. Nachdem aber viele Geschlechter dahingeschwundenund Jahrhunderte vergangen waren, vergaß man denGrund der Errichtung dieser Denkmäler, ihre Verehrungwurde znr Gewohnheit und allgemeinen Regel, und dieGesetzgeber des Alterthums benutzten, wie Albernnimeint, diese in der menschlichen Natur tiefwnrzelndeNeigung, wohl wissend, daß das Volk, abstrakten Ideenabhold, nur an bildlichen Darstellungen Gefallen finde,zu ihrem Vortheile, um Einfluß auf das Volk zu ge-winnen, und machten ihm deßhalb die Verehrung derBilder und Denkmäler zur Wicht. Die Gebildeten,fährt unser Gelehrter fort, fröhncn freilich keinem solchenGötzendienste, sondern verehren Gott allein und lassen essich auch nicht im Traume einfallen, jemals ein Bildwerk,das Gott darstellt, anzubeten. Bei dieser Gelegenheiterzählt Albernni folgende Geschichte:

Ein König, Namens Amberisha, besaß einReich, gerade so groß, als er es sich wünschte. Plötzlichaber fand er keinen Gefallen mehr daran, zog sich von

der Welt zurück und beschäftigte sich lange Zeit ans-schließlich mit dem Lobe und der Verehrung Gottes.Endlich erschien ihm Gott in der Gestalt des Engel-fürsten Jndra, reitend auf einem Elephanten, und sprachzum Könige:Verlange, was Du nur immer willst, undich werde es Dir geben." Der König erwiderte:Ichfreue mich, Dich zu sehen, und bin Dir dankbar für dasgroße Glück, das Du mir zu Theil werden lässest, unddie Hoffnung, die Du mir eröffnest; allein von Dir ver-lange ich nichts, sondern nur von dem, der Dich er-schaffen hat." Da sagte Jndra:Du beabsichtigest durchDeine Gottcsverehrung einen hohen Lohn zu erhalten.Du sollst Deine Absicht erreichen, empfange deßhalb hicmitden Lohn aus den Händen desjenigen, der Dir bisherdas Verlangen gegeben hat; sei nicht so heikel undwählerisch und wolle die Erfüllung Deines Wunsches nichtvon einem Andern, sondern von mir empfangen." DerKönig aber entgegnete:Die Erde fiel mir als meinLoos zu, allein ich kümmere mich nichts um Alles, was aufder Erde ist, bei meiner Gottesverehrung beabsichtige icheinzig und allein, den Herrn zu sehen, und diesen Wunschkannst Du mir nicht erfüllen, wie könnte ich daher seineErfüllung von Dir verlangen." Diese hartnäckige Wei-gerung des Königs machte jedoch Jndra doch etwas dieGalle steigen, und er sagte deßhalb:Die ganze Welt,und was darauf ist, gehorcht mir. Wer bist Du, daßDu es wagst, mir zu widerstehen?" Der König aber,dem die Audienz ohnehin schon zu lange gedauert hatte,beharrte auf seinem Widerstände, wurde unhöflich undwies dem Himmelsfürsten die Thüre mit den Worten:Ich höre wohl und gehorche, allein ich verehre den,von dem Du Deine Macht empfangen hast, dieser ist derHerr des Weltalls, laß mich daher thun, was ich will,geh! und lebe wohl!" Jetzt riß aber auch Jndra dieGeduld, und er sagte:Wenn Du Dich mir durchauswidersetzen willst, so werde ich Dich tödtcn und ver-nichten." Aber der König ließ sich auch dadurch nichtschrecken, sondern erwiderte:Man sagt, daß das GlückNeider schafft, nicht aber das Unglück. Wer sich vonder Welt zurückzieht, wird von den Engeln beneidet, unddeßhalb suchen sie ihn irre zu führen. Ich bin einervon denen, die sich von der Welt zurückgezogen und ganzder Verehrung Gottes gewidmet haben; ich werde diesauch nicht lassen, so lange ich lebe. Ich bin mir keinesVergehens bewußt, um desscntwillen ich verdient hätte,von Dir getödtet zu werden. Tödtcst Du mich, ohnedaß ich Dich irgendwie beleidiget habe, so ist das DeineSache. Was willst Du von mir? Wenn meine Ge-danken ganz Gott geweiht sind, ohne daß ich an irgendetwas Anderes denke, so kannst Du mir kein Leid zu-fügen. Mir genügt die Andacht, mit der ich beschäftigetbin, und ich kehre nun zu ihr zurück." Als sich derKönig nunmehr zum Gebete begab, erschien ihm Gott selbst in der Gestalt eines Mannes von der Farbe desgrauen Lotus, vierhändig und reitend auf dem VogelGaruda, in der einen Hand hielt er eine Seemuschcl,auf welcher mau zu blasen pflegt, wenn man auf einemElephanten reitet, in der anderen hatte er dasoallra.",d. i. eine kreisrunde, scharfe Waffe, die Alles geradedurchschneidet, in der dritten Hand hielt er ein Amnletund in der vierten den rothen Lotus. Als Ambarishades Gottes ansichtig wurde, erbebte er vor Ehrfurcht,warf sich zu Boden und stieß einige Gebete hervor. DerGott beruhigte ihn jedoch und versprach ihm alle seineWünsche zu erfüllen. Der König entgegnete jedoch:Ich