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Harrison hat gewiß richtige Ahnungen, wenn er dies-bezüglich schreibt:
„Es ist nicht sehr schwer, zwischen den Zeilen desBerichtes von Dr. Hübbe-Schleiden zu lesen, daß ,Koot-Hoomi' beansprucht, einen Finger im Spiele zn haben.Doch ist die Thatsache, daß Dr. Schleiden ,viel von derwohlbekannten blauen Koot-Hoomi-Handschrift sah', während,die Geheimlehre' im Gange war, noch keineswegs einBeweis dafür, daß Frau Blavatsky noch unter seinemEinfluß stand. Jeder Spiritualist weiß, daß Identitätder Handschrift nicht nothwendigerweise Identität desLeiters in sich schließt. Die ganze Sache ist sehr ver-wickelt, und es ist zweifelhaft, ob Frau Blavatsky selbstzu allen Zeiten zwischen dem unterscheiden konnte, wasihr eigen und was eingegeben war, und noch viel wenigerwußte, in wie weit .John King' oder die Mahatmas'für letzteres verantwortlich waren." „Wenn wir jedochin Betracht ziehen, daß eine der Bedingungen, unterwelchen ihre Entlassung aus der Gefangenschaft' erwirktwurde, die war, daß die indischen Brüder der Linken,welche sich ihrer zu bedienen wünschten, sich nicht mit dembefassen sollten, was bereits stattgefunden hatte, könnenwir verstehen, daß der Mddlc-Fiasco' nur die Wirkunghaben konnte, sie zn ihrer ursprünglichen Kontrolle'zurückzutreiben. Sie mochte noch an die thibetanischeQuelle ihrer Eingebungen glauben, und über diesen Punktkonnte sie nach den Bestimmungen des Vergleiches nichtaufgeklärt werden, wenngleich es für ihre indischen FreundeGalle und Wermnth gewesen sein muß. Es war dem-nach für sie nur nothwendig, .John King' umzutaufenund dem ,Spirit° ihrer alten Kindsfrau Marya den Be-stallungsrang zn verleihen, welcher später als MahatmaMona' gekannt war, wie Smith zum ,Smythe' wird,wenn er sich in der Welt emporschwingt. InwieweitFrau Blavatsky selbst für diesen Betrug verantwortlichwar oder ob sie überhaupt in der That verantwortlichgewesen, ist schwer zu sagen, (?) und die Frage ist nochverwickelter, wenn wir die deutlichen Zeichen der DoppeltenPersönlichkeit' in Rechnung ziehen, welche sie an den Taglegte. Es bedarf keines Gespenstes (oder Mahatma),um g. B. ihren plötzlichen Sinneswechsel in Würzburg hinsichtlich des Besuches der Gräfin Wachtmeister zn er-klären. Frau Blavatsky würde ihr Zimmer deren Ge-sellschaft vorgezogen haben, aber .,11. k. L." (die Ab-kürzung ihres Namens für theosophische Schriftsteller«,der Name für ihre .mystische' Persönlichkeit) konnte ohnesie nicht fertig werden."
Man sieht schon, die Verbreitung der Theosophiedurch gewisse Frauen kann nicht nur zn argen „Miß-verständnissen" und „Mystifikationen", sondern auch zuTollheiten führen, welche mit der alten Weisheitsrcligionweniger vereinbar sein dürften. „Die indischen Brüderder Linken", welche derart unterlagen, müssen doch ingewisser Hinsicht weniger erleuchtet gewesen sein. VonInteresse ist es übrigens, im Vergleiche mit diesen Er-örterungen der „Mahatma"fragc, ein Urtheil in Be-tracht zn ziehen, das der berühmte Orientalist ProfessorMax Müller , vielfach im Gegensatze zn seinen früherenskeptischen Äußerungen über mystische Phänomene, überindische „Mystiker" im allgemeinen gelegentlich einerLebensbeschreibung des „echten Mahatma" RamakrishnaParamahansa in der Augustnnmmcr der MüiatsantkEanturz?" 1896 fällt. In derselben äußert er sich unterandern!:
„Man hat oft die Frage aufgeworfen, was eine
Mahatma und was ein SanuyLsin sei. Mahatma ist einvielgebrauchtes Sanskritwort, das einen Menschen mitgroßer erhabener Seele, einen Hochsimiiaen. Vornehmenbedeutet. Es wird als eine Höflichkcitsformcl gebraucht. . . aber auch als tsrmtnns teotmiens bei einem Men-schen, der nach altindischem Sprachgebrauche SanniMingenannt wurde. SaimyLsiu ist ein Mensch, der allementsagt und alles niedergelegt hat, d. h. einer, der vonallen irdischen Leidenschaften frei ist. . . . Die Periodedes SannnLsin ist die vierte im Leben eines Brahmancn.Ein anderer Name für diese freien Männer des Geistes istAvadutha,wörtlich einer,deralleBerührungenmitweltlichenDingen aufgegeben hat. Solche Avaduthas gibt es heutenoch: sie werden oft einfach SLdhus genannt, d. i. guteLeute. . . . Daß es SannMins gegeben hat und nochheute gibt, die wirklich alle Fesseln des Besitzthums ab-gestreift haben, welche ihren Körper sorgfältig erzogenund ihrem Geiste in einem wirklich ans Wunderbaregrenzenden Grade unterworfen haben, kann gar nicht be-zweifelt werden. Man darf aber dabei nicht vergessen,daß seit den frühesten Zeiten in Indien ein vollständigesSystem ausgearbeitet war, nach welchem ein Menschdurch die verschiedenen Arten des Ein- und Ausathmens,durch Einnehmen gewisser Stellungen, durch Starren derAugen anf bestimmte Punkte, durch Fasten, durch Gift-zufuhren es zu einem solchen Grade nervöser Erregungbringen konnte, daß er in seinem Trancezustande (ekstat-ischen Zustande) keine Schmerzen fühlte und fähig war,Dinge zu thun und zn leiden, welche kein gewöhnlicherSterblicher ausführen konnte. Wenn wir von mehr oderweniger beglaubigten Fällen lesen, ivo Menschen in solchemZustande Dinge gesehen haben, die der gewöhnliche Mcnsi,nicht sieht, wo sie die Gedanken anderer gelesen haben, —ja, wo sie sich sogar ohne sichtbare Stütze in die Luft er-hoben haben, so werden wir natürlich mit unseren: Glaubenzurückhalten; aber daß einige von diesen viele Tage langohne Nahrung sein können, daß sie unberührt die größteHitze und Kälte aushalten können, daß sie lange Zeit todtfein können, — wie im Trance, ja, daß sie begrabenwerden können und wieder zum Leben zurückgerufen nachdrei oder vier Tagen, das sind Thatsachen , die von sovielen englischen Offizieren und Medizinern in jeder Weisebestätigt werden, daß sie anerkannt werden müssen, auchwenn wir sie uns nicht erklären können."
Diese Aeußerungen mögen im Anschlüsse an diegelegentlichen Bemerkungen des großen Görres überindische „Ekstatiker" nicht ohne Interesse sein.
Es ist uns hier unmöglich, anf die Ausführungeneinzugehen, welche sich in den einzelnen VortrügenHarrisous zum Beweise seiner aufgestellten drei „großenokkultistischen Ursätzc" finden, welche lauten: 1) „Siebenist die vollkommene Zahl", — eine in allen Theosophen-werken aufgestellte Behauptung; 2) Der Mikrokosmos istdas Spiegelbild des Makrokosmos, — ein bekannter ok-kultistischer Grundsatz — und 3) Alle Erscheinungen habenihren Ursprung in Wirbelbewegungen. Wir wollen nurconstatiren, daß Harrison die Entwicklung des Gottes-begrisfes im „doppelten Wirbel oder der Lemnis-kadc"(!) sich als Ansgang vom „Neutralen Punkt" imPolytheismus, esoterischen Pantheismus, Anthropomor-phismus, Theomorphisnins, christlichen Pantheismus undchristlichen Polytheismus, — die gegenwärtige und fünfteStufe, — bis zur theomorphischen Religion und pan-theistischen Wissenschaft denkt,-die er als wahrscheinlichesErgebniß des Kampfes.zwischen Wissenschaft und Religionbezeichnet- Wir sehen schon, daß der Kritiker des bla-vatskosophischen Gottesbegriffes selbst anf Abwege ge-räth. Unter christlichem Polytheismus versteht er na-türlich die „Heiligeuanbctuug", — ein Beweis für seineintuitive Wahrheitserkeuntniß. Von Interesse ist auchseine gelegentliche (x>. 63) Behauptung, daß wir im eng-lischen Christenthum viel mehr als im lateinischen Christen-thum die fernere Entwicklung des Gottesbegriffes suchenmüssen.