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(zuvsnis) mag er ja sein, obwohl das bekannte»Schirdreißig Jahre bist Du alt' für ihn längst ein über-wundener Standpunkt ist. Daß er ein ,Gelehrter', sei,wird Herrn Gerhart besonders freuen. Aber unseresWissens hat er hierauf noch keinen Anspruch erhoben.Auch gibt es noch andere Männer und Damen, welcheEnglisch verstehen, ohne das Prädikat »gelehrt' sich zuvinoiziren. Die theologischen Preisfragen, die schon voneinem evangelischen Theologen in den »Neuesten Nach-richten' abfällig besprochen worden sind, scheinen demKritikus auch nicht zu passen. Fasse er Muth und wageeine zu bearbeiten! Dabei kann er jedenfalls etwas lernen,wenn er auch den Erfolg, seine Arbeit gekrönt zu sehen,nicht erlebt. Aus gar mancher Würzburger Doktor-Dis-sertation läßt sich vieles lernen. Uebrigens ist auch Ein-sender dieses der Meinung der meisten Leser, daß die„Neun Hindernisse" Manmng's auf die deutschen Ver-hältnisse nicht passen, und daß Gerhart Wahrmut demPros. Schell mit der Schrift und den übermäßigen Lobes-erhebungen in seinem Vorworte einen schlechten Gefallenerwiesen hat."
Erklärung.
Herr Universitätsprofessor und Rector Dr. Schell hatin der Beilage Nr. 65 zur „Augsburger Postzeitung" vom13. November lfd. Js. den Protest zu entkräften versucht,welchen ich als Vertreter eines bayerischen Lyceumsgegen die in seiner Schrift „Der Katholicismus alsPrincip des Fortschritts" enthaltene „Verdächtigung undMißkennung" der Lyceen (und Lehrseminarien) in meineran die Candidaten des k. Lyceums zu Passau am 21. Okt.gehaltenen (und in der „Augsb . Postztg", Beilage Nr. 64,veröffentlichten) Ansprache erhoben habe. Insbesondere'will er (und das ist die Hauptpointe seiner Erklärung)den von mir als „gänzlich unbegründet" zurückgewiesenenVorwurf, als seien die Lyceen (und Lehrseminarien) „mitSchuld an der Jnferiorität der Katholiken in Deutsch-land ". gegen die bayerischen Lyceen überhaupt nicht er-hoben haben, auch nicht in der Weise, daß er „unver-blümt darin enthalten" wäre. Ich nehme einfachAct von dieser Erklärung, muß sie aber als absolut werth-los für die bayerischen Lyceen bezeichnen, zumal HerrDr. Schell nach eben dieser Erklärung Ziffer 4 mit dervon ihm Seite 96 der 6. Auflage betonten Werthschätzungder Lyceen und Lehrseminare keinen „Rückzug" an-getreten haben will. Angesichts dieser Sachlage erkläreich einfach und bestimmt: So lange Herr Rector undProfessor Dr. Schell nicht klipp und klar erklärt, daß erdas. was er (II. Äufl. Seite 20) über die „Mediocritöseminaristischer Systematik", „über das System,wie es gegenwärtig nahezu herrschend ist" u.s.w.,sowie (S. 50) über die „geistigen Eunuchen" (sehr geschmack-voll von einem Professor der Theologie, und noch dazumit Sperrdruck hervorgehoben) .... „welche darum ihrenationale Charakterlosigkeit mit dem Prunkgeliehener Gaben verdecken" u. s. w^, in seinerSchrift gesagt hat. so lange, sage ich, Herr Professor Dr.Schell nicht klar und bestimmt erklärt, daß er „allesdas nicht auf die bayerischen Lyceen und diedamit zusammenhängenden Klerikalseminare(denn ohne diese hängen die Lyceen in der Luft) be-ziehen wollte und bezogen wissen will": solange halte ich meinen entschiedenen Protest gegen dieseunwahren Verdächtigungen (und hiemit habe ichauch dem in Ziff. 3 Ab). 2 seiner Erklärung ausge-sprochenen Ersuchen entsprochen) voll und ganz auf-recht, werde ihn aber nach Vorliegen dieser bestimmten.Erklärung sofort zurückziehen nicht bloß in der Augsb.Postzcitung sondern auch durch eine öffentliche Kundgabean die H. H. Kandidaten des hiesigen k. Lyceums.
Ich halte mich zur Forderung dieser unzweideutigenErklärung für um so mehr berechtigt, als bei uns vonder am Schluß seiner Erklärung von ihm Hervorgehobenen„in neuerer Zeit nicht undeutlich hervortretenden Hin- ,neiaung zum französischen Scminarsystem —,welche er bekämpfe", absolut nichts bemerkbar ist. .die'verdächtigenden Insinuationen seiner Schrift aber ganzallgemein gehalten sind und daher mit logischer Noth-wendigkeit auf die von ihm den bischöflichen Lehrseminarienganz gleichgestellten (S. 21 der II. Äufl.) Lyceen bezogenwerden müssen, und anch thatsächlich von allen nur be-
kannten Schriftstellern darauf bezogen werden (vgl. insbes.Dr. Haas in Beilage 31 der Augsb. Postztg. S. 214 f.). -
vr. Diendorfer,
Recensionen nnd Notizen.
Stille Stunden. Gedichte und Sprüche von ArnoldPischinger. Kempten , Kösel'fche Verlagsbuch-handlung., 1897. Gebd. 2 M. 60 Pfg.
Vor uns liegt ein Bündchen Gedichte, und zwargrößtentheils lyrischer Gedichte. Verlohnt es sich inunserer realistischen Zeit. solchen Tand zu lesen? Wahr-scheinlich wird der arme Frühling oder Herbst wiedereinmal angesungen. Nun. wagen wir doch einmal denVersuch! Mit solchen Betrachtungen griffen wir zu demWerkchen und — lasen und lasen bis zur letzten Seite;und als wir fertig waren, konnten wir ein Gefühl desBedauerns nicht unterdrücken, daß es schon zu Ende seinsollte. Denn auch wir hatten einige Stunden stillerFreude genossen. Die Gedichte verrathen eine Tiefe undInnigkeit des Gemüths, eine Liebe zur Natur, eine Rein-heit der Seele, wie sie uns selten entgegentritt. Dochlassen wir einige Kinder der Muse für sich selbst sprechen:
An meinen Bruder (p. 28).(Gelegentlich seiner Wahl des medizinischen Studiums.)Geliebter Bruder, offen fteh'n die Schranken!Du trittst hinaus in's vielbewegte Leben.
Wird es dir alles, was du hoffest, geben?
Und werden uns'res Daseins Grundgedanken,Die heute noch wie Engel dich umschweben.
Auch in der Zukunft dein Gemüth erheben.
Wenn von der Wirklichkeit die Schleier sanken?
O, werde nie zum Sklaven deiner SinneUnd glaube nickst nur, was die Augen sehen!
Der Geist allein wird Gottes Wesen inne.
Der Leib vergeht, das Weltall wird vergehen;Nur eins gereicht dir dauernd zum Gewinne:Wenn deinem bess'ren Theil kein Leid geschehen.
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Quelle der Poesie (p. 29).
Was mag das Menschcnherz so tief bewegen.Wenn Edens Preis im Liede wird besungen.
Da doch kein Fuß bis dorthin vorgedrungen.
Und Erd' und Himmel sich dazwischen legen?
Was macht ein Lied, das sich auf düst'ren StegenAus hartgepreßtem Herzen losgerungen,
So schön, daß schöner nie ein Lied erklungen?Warum fällt nur auf Wüsten Manuascgen? —
Nicht was die Sinne zum Genuß erkoren,Kanu unsern Geist hinauf zum Himmel ziehen.Nicht was vor uns liegt, nein — was wir verloren.
Was wir erhoffen, wird zu Melodien:
Die Sehnsucht hat die Poesie geboren,
Und der Erfüllung Glück heißt sie entfliehen.
*
Wie neckisch ist das folgende Gedichtcheu:
Orakel (p. 33).
Du weiße Blume mit dem gelben Kern,
Nun künde mir: Hat mich mein Schätzcheu gern?
Und eilig zupfend frag' ich jedes Blatt: —Was wohl das letzte mir zu sagen hat?
Sie liebt mich — nein, o weh, sie liebt mich nicht'.Soll ich nun glauben, was die Blume spricht?
Schnell hab' ich eine zweite mir gewählt —
Wer weiß? am Ende hab' ich mich verzählt.
Wir müssen es uns leider versagen, noch weitereProben zu geben; doch dürfte aus den wenigen Zeile»