Ausgabe 
(4.12.1897) 69
 
Einzelbild herunterladen

479

Zeit auch Kleriker theoretisch und praktisch unter denNutzen ihrer Obern mit dem Studium des Hypnotismus beschäftigten. In der That, eine wissenschaftliche För-derung dieser Frage, welche alle Berufsfremde gleichmäßiginteressirt, scheint mir unmöglich, müßte man auf praktischeVersuche, auf Experimente dabei verzichten.

Ein arabischer Aristoteles nud was uns derselbeaus dem Wnnderlande Indien erzählt.

Von Dr. Widder.

(Schluß.)

Von hohem Interesse ist schließlich noch die Schil-derung, die uns Alberuni bezüglich der Lebensweise derBrahmanen, welche die vornehmste Menschenklasse bildenund nach indischer Lehre aus dem Haupte Brahma'shervorgegangen sind, sowie über die Schule, welche siedurchzumachen haben, hinterlassen hat, und zwar um somehr, als heutzutage noch Vieles praktische Bedeutung hat.Das Leben des Brahmanen zerfällt nämlich vorn voll-endeten siebenten Lebensjahre an in vier große Abschnitte.Die erste Periode beginnt mit dem achten Lebensjahre.Der kleine Hindu wird da Zögling der Brahmanen undvon diesen in seinen Pflichten unterwiesen. Es wird ihmeingeschärft, den Brahmanen anhänglich zn sein und sielebenslänglich zärtlich zu lieben. Der Schüler erhälteinen Gürtel nm seine Lenden und wird mit der heiligenSchnur, »xzanopavitg," genannt, bekleidet, d. i. einerstarken Schnur, die aus neun einzelnen Schnüren zu-sammengeflochten ist und von der linken Schulter zurrechten Hüfte herabreicht. Diese tragen die Brahmanenheute noch. Außerdem erhält er einen bis zu seinemHaupthaare reichenden hölzernen Stab, den er zn tragenverpflichtet ist, und einen aus einer gewissen Grasartverfertigten Siegelring, welcher am Ringfinger der rechtenHand getragen wird, und bedeutet, daß der BrahmaneAllen ein Segen sein soll, die Gaben aus seiner mitdem Ringe geschmückten Hand empfangen. Die Ver-pflichtung, den Ring zu tragen, ist jedoch nicht so streng,als die, das ^anoxavila, zu tragen, letzteres darf unterkeinen Umständen abgelegt werden, auch nicht beim Essenoder bei der Befriedigung irgend eines natürlichen Be-dürfnisses. Das Ablegen der heiligen Schnur wäre eineSünde, die nur durch Fasten, Almosengeben oder durchein Werk derAusathmung", d. i. des freiwilligenSterbens durch Anhalten des Athems, gesühnt werdenkönnte. Dieser erste Lebensabschnitt erstreckt sich bis zum25. Lebensjahre.

Während dieser Zeit muß der Brahmane die Ab-tödtung üben, auf bloßer Erde schlafen, das Studiumder Vedas (d. i. der Religionsgesetze) und ihrer Er-klärungen beginnen, Theologie und Gesetzeskunde studirenund seinem Lehrmeister, unter dessen Leitung er seineStudien macht, Tag und Nacht dienen. Dreimal desTages wäscht er sich und bringt morgens und abendsdem Feuer ein Opfer dar. Nach dem Opfer erweist erseinem Lehrer seine Verehrung. Jeden anderen Tagfastet er, Fleisch darf er niemals genießen. Er wohntim Hause seines Meisters, das er nur verläßt, umGaben und Almosen zn sammeln. Er darf aber nur in5 Häusern und nur einmal im Tage betteln, entwedermittags oder abends. Alles, was er an Almosen zu-sammengebracht hat, übergibt er seinem Meister, damitsich dieser nach Belieben davon auswähle, den Rest darfder Schüler für sich behalten, und er nährt sich sohin

von den Uebcrbleibscln der Mahlzeit seines Lehrers.Ferner muß der Brahmanen-Zögliug Holz von zweierleiArt sammeln, um dem von den Hindus hochverehrtenFeuer Opfer bringen zn können. Dem Feuer werdenBlumen, Weizen, Gerste, Reis und Ocl geopfert. Opferndie Brahmanen für sich selbst, so recitiren sie dabei dievorgeschriebenen Gebete, opfern sie aber für andere Per-sonen, so beten sie dabei nichts.

Ist nun die Zeit des Noviziates, wie man die erstePeriode nennen könnte, glücklich überstanden, so beginntder zweite Lebensabschnitt, welcher die Zeit vom 25. biszum 50. Lebensjahre umfaßt. Jetzt darf sich der Brah-mane verehelichen. Er heirathet und gründet eine Fa-milie. Seine Anserwählte darf jedoch nicht über 12 Jahrealt sein. Den Lebensunterhalt erwirbt er sich entwederdurch das Honorar, das er für den Unterricht von Brnh-maneu erhält jedoch gilt dies nicht als eine Bezahlung,sondern als ein Geschenk, oder aber durch die Geschenke,die er von anderen Personen dafür empfängt, daß er fürsie die Feneropfer verrichtet, oder endlich durch milde,von Königen oder Vornehmen erbetene Gaben, die jedochnicht in zudringlicher Weise erbettelt und nicht widerrwillig verabreicht sein dürfen. Die Fürsten und Vor-nehmen halten sich nämlich stets so eine Art Hausplan,d. h. einen Brahmanen, ^xurotiitn^ genannt, der fürsie ihre religiösen Angelegenheiten und frommen Werkebesorgt. Schließlich lebt der Brahmane von Allem, waser auf der Erde oder von den Bäumen sammelt. Erkann sein Glück auch im Handel mit Kleidern und Betel-nüssen versuchen, allein besser ist es, wenn er nicht selberHandel treibt, sondern dieses Geschäft durch Andere be-sorgen läßt. Denn ursprünglich war ihm der Handelwegen des damit verbundenen Lügens und BetrügensVerbote», und ist ihm derselbe jetzt nur im Falle äußersterNoth, wenn er keine anderen Unterhaltsmittel hat, ge-stattet. Die ständige Beschäftigung mit Pferden undKühen, sowie die Besorgung des . Viehes ist dem Brah-mauen ebenfalls, nicht erlaubt, wie ihm auch das Wucher-treiben streng untersagt ist. Dagegen ist der Brahmanesteuerfrei und braucht auch dem Könige keine Dienste zuleisten.. Die blaue Farbe ist für den Brahmanen un-rein, .so daß er sich waschen muß, wenn sie seinen Leibberührt hat. In der zweiten Periode seines Lebens hatder Brahmane .auch die Pflicht, stets vor dem Feuer dieTrommel zu währen und die ihm vorgeschriebenen heiligenGebete zu sprechen. .

,Der dritte Lebensabschnitt erstreckt sich vom 50. biszum 70. Lebensjahre. Während dieser Zeit muß sichder Brahmane wieder in Äbtödtnngcn üben, er verläßtsein Heim und übergibt dasselbe nebst seiner Frau seinenKindern, wenn die Frau es nicht vorzieht, ihren Mannin die Wildniß zn begleiten. Von nun an lebt er fernvon aller Civilisation und führt dasselbe Leben, wie inder ersten Periode. Er wohnt unter freiem Himmel,schläft auf bloßer Erde, sein Gewand besteht bloß ineiner Baumrinde, gerade groß genug, um seine Lendenzu bedecken, und seine Nahrung bilden Wurzeln, Kräuterund Früchte. Das Haar läßt er lang wachsen und salbtsich mit Oel.

Die vierte und letzte Lebensperiode umfaßt die Zeitvom 70. Lebensjahre bis zum Ende seines Lebens. Jetztträgt der Brahmane ein rothes Kleid und einen Stab.Er ergibt sich. ständig der Betrachtung, tilgt aus seinemGeiste Freundschaft und Feindschaft, rodet aus seinemHerzen alle Begierde, alle Lust und alleu Zorn aus und