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verkehrt mit keiner menschlichen Seele. Wallt er himm-lischen Lohnes halber an einen Ort, dessen Besuch alsbesonders verdienstlich gilt, so hält er sich unterwegs ineinem Dorfe nicht länger als einen Tag und in einerStadt nicht länger als 5 Tage auf. Reicht ihm Jemandeine Speise, so darf er davon für den folgenden Tag"nichts übrig lassen. Sein einziges Geschäft ist jetzt, sichnm den Weg zu kümmern, der znm Heile führt, undzu erreichen, d. i. einen Ort, von dem eskeine Rückkehr in diese Welt mehr gibt, und in die,Weltseele" aufgelöst zu werden.
Das Feuer, das ein Vrahmane angezündet hat undvor dem er seine Opfer verrichtet, muß er stets vor demErlöschen bewahren. Dreimal im Tage muß er sichwaschen, morgens, mittags und abends während derDämmerung. Die erste und zweite Waschung ist strengePflicht, die abendliche Waschung ist keine so strenge Ver-pflichtung und kann die Einnahme des Abendbrodes unddie Verrichtung des Abendgebetes auch ohne Waschungstattfinden. Zu nächtlichen Waschungen sind die Brah-manen nur zur Zeit einer Sonnen- oder Mondssinsternißverbunden, damit sie zur Beobachtung und Verrichtungder bei solchen Gelegenheiten vorgeschriebenen Gebräucheund Opfer vorbereitet sind. Der Brahmane ißt währendseines ganzen Lebens stets nur zweimal im Tage, näm-lich mittags und abends. Die Mahlzeit beginnt damit,daß er soviel auf die Seite legt, als znm Almosen füreine oder zwei Personen hinreicht, namentlich für fremdeBrahmanen, die etwa zufällig abends auf den Bettelkommen, da die Vernachlässigung ihres Unterhaltes einegroße Sünde wäre. Außerdem wird für das Vieh, dieVögel und das Feuer etwas bei Seite gelegt. DerRest wird dann, nachdem das Tischgebet gesprochen, ge-nossen. Die Ueberbleibsel der Mahlzeit werden außer-halb des Hauses gebracht, und naht sich ihnen der Brah-mane nie mehr, well dies verboten ist. Das Übrig-gebliebene ist nämlich für den zufällig Vorüberkommen-den bestinimt, der dessen bedarf, sei es nun ein Mensch,ein Hund oder ein Vogel oder irgend ein anderes Wesen(der Genuß von Speiseresten gilt überhaupt noch all-gemein als unzulässig). Jeder Brahmane muß seineigenes Wassergefäß haben, benützt es eine andere Person,so muß es zerbrochen werden, dasselbe gilt von seinemEßgeschirr. Alberuni sagt zwar, daß er wohl Brah-manen gesehen habe, die ihren Verwandten gestatteten,mit ihnen von derselbe» Platte zu essen, allein diemeisten Brahmanen hätten dies getadelt. Auch bezüglichder Wahl seines Aufenthaltsortes ist der Brahmane be-schränkt, er darf nur in einer bestimmten Gegend wohnen,sonst begeht er eine Sünde. Die Brahmanen haben aucheine Art Dienerschaft. Dies sind die Angehörigen derSüdra-Kaste — dies ist die niedrigste Menschenklasse —.Die Südra müssen nämlich die Angelegenheiten der Brah-manen besorgen und sie bedienen. Die äußerst armenSüdra begnügen sich mit einem leinenen Lendengürtel.Jede Handlung, die als ein Vorrecht der Brahmanengilt, wie das Hersagen von Gebeten oder Vedaversen,das Darbringen von Feueropfern u. s, f., ist den Südraunter den strengsten Strafen verboten. Würde z. B. einSüdra Vedaverse hersagen, so würde er vor dem Königeangeklagt und würde ihm die Zunge abgeschnitten. Be-trachtungen über Gott, Werke der Frömmigkeit und Al-mosengeben sind jedoch dem Südra gestattet. Jeder, dereine seiner Kaste nicht erlaubte Handlung vornimmt, be-ßHt ^eine Ssinde oder^ein Verbrechen, wenig geringer
als ein Diebstahl. Nachstehende Legende möge diesbeweisen.
Zur Zeit des Königs NLma war das Leben derMenschen von sehr langer Dauer; damals' starb ein Kindniemals vor seinem Vater. Einmal jedoch geschah esdennoch, daß der Sohn eines Brahmanen noch zu Leb-zeiten seines Vaters starb. Da brachte der Brahmanesein todtes Kind zum Könige und sagte: „Dieser ganzneue/ ungewöhnliche Fall hat sich während Deiner Re-gierung ereignet, und zwar aus keinem andern Grunde,als weil irgend etwas faul ist im Staate und ein ge-wisser Vezir in Deinem Reiche Verbrechen auf Verbrechenbegeht." Der König ließ sogleich Nachforschungen an-stellen, und endlich brachte man heraus, daß ein Candala,d. i. ein der Hefe des Volkes ungehöriger, zu keiner Kastemehr zählender Mensch, sich aus Frömmigkeit selber diegrößten Qualen und Pcincn angethan hatte. Der König ritthierauf an den ihm bezeichneten Platz und fand hier amUfer des Ganges den Candala, der sich an einem Gegen-stände kopfabwärts aufgehangen hatte. Rüma nahmseinen Bogen, schoß auf den Mann, zerschoß ihm dieEingeweide und sagte: „Das ist es, ich tödtete Dichwegen des guten Werkes, das Dir zu verrichten nichterlaubt ist." Als der König nach Hause kam, lag derSohn des Brahmane» lebend vor dein Thore seinesPalastes. —
Eine Pflicht, Wallfahrten zn unternehmen, bestehtfür die Hindus nicht, jedoch gelten solche religiöse Ueb-ungen als verdienstlich. Alan wallfahrtet zu einem hl.Orte, einem vielverehrten Götzenbilds oder zu einem derhl. Flüsse. Der Wallfahrer gibt Geschenke, spricht ver-schiedene Hymnen und Gebete, fastet, spendet den Brah-manen, Götzenpriestern und arideren Personen Almosen,scheert sich Haupthaar und Bart und kehrt dann wiedernach Hause zurück. Alberuni erzählt uns anläßlich seinesBerichtes über die Wallfahrten der Jndier folgende er-götzliche Geschichte: „Ein indischer König, Sagara mitNamen, hatte 60,000 Söhne, lauter böse, nichtsnutzigeBurschen. Eines Tages verloren sie ein Pferd. Siemachten sich sogleich auf die Suche, wobei sie fortwährendso heftig hin und her rannten, daß die Erdrinde ein-brach und sie in das Innere der Erde sielen. Sie fandendaselbst ihr Pferd, welches vor einem Manne stand, dertiefliegende Augen hatte und zu Boden sah. Als sie sichdiesem Manne näherten, traf er sie mit seinem Blicke,und sie verbrannten augenblicklich auf der Stelle undkamen wegen ihrer Missethaten in das höllische Feuer.Der eingebrochene Theil der Erde aber wurde ein See,der große Ozean. Ein König aus der Nachkommenschaftdes Königs Sagara, Namens Bhagiratta, wurdetief ergriffen, als er erfuhr, welches Schicksal seine Vor-fahren getroffen hatte. Er begab sich deßhalb zu einemhl. Teiche, dessen Grund lauteres Gold war und derdeßhalb „der Teich mit dem goldenen Sande" genanntwurde, und verweilte daselbst lange Zeit, indem er fort-während fastete und die Nacht im Gebete zubrachte.Endlich erschien ihm der Geist Mahüdeva und fragteihn nach feinem Begehren. Der König erwiderte: ,Jchmöchte den Fluß Ganges , der im Paradiese fließt'; denner wußte, daß denjenigen, über welche das Wasser desGanges fließt, alle Sünden vergeben sind. MahLdebasagte ihm die Gewährung seines.Wunsches zu. Das,Bett des Ganges bildete jedoch die Milchstraße, und derGanges war sehr stolz, denn Niemand war jemals im'Stande gewesen, sich ihm entgegenzustellen. Da nahm