Ausgabe 
(11.12.1897) 70
 
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Ui-. 70.

11. Dez. 1897.

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Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahr-hundert bis zum AuSgang des Mittelalters

von Emil Michael 8. ck.*)

-ick. Das Mittelalter ist eine Zeit der aufsteigendenCultur in großen, weltbewegenden Kämpfen, eine Periodemachtvollen Ringens um die höchsten Güter der Mensch-heit, die glänzendste Entfaltung der Energie des kirch-lichen Lebens. In solche Zeit sich zu vertiefen, sie insich selbst gleichsam nochmals zu erleben und sie in un-geschminkter Wahrheit zu schildern, mag für den Freundseines Volkes die erhebendste Beschäftigung sein. Darumwar das Streben der edelsten Geister der Nation vonjeher auf eine würdige Geschichte des deutschen Volkesgerichtet. Daß das bisher nur für Theile der deutschen Geschichte gelungen ist, die Schuld daran liegt nicht alleinan denen, welche einen Versuch gemacht haben. JederMensch ist ein Kind seiner Zeit, nicht sich allein gehörtder Mensch an. Niemand vermag die Schranken derErkenntniß mit einem Satze zu überspringen. Erst dieArbeit von Generationen ermöglicht einen klareren Blick,gewährt ein treueres Bild der Vergangenheit. Mit ge-rechtem Stolze dürfen wir es sagen, daß die deutsche Geschichtsforschung seit Dezennien' rastlos arbeitete undmit wachsender Objektivität den Zeugnissen der Ver-gangenheit gegennbertritt. Die Arbeit des Einzelnenist freilich nur soviel werth, als sie zur Aufführung desgroßen, herrlichen Gebäudes der Menschheitsgeschichtebeitrügt.

Einer der gebannten Söhne Deutschlands , der Jesuitvr. Emil Michael, unternimmt es, dem deutschen Volkein einem groß angelegten Werke einen Spiegel seinesSeins und Werdens vom 13.16. Jahrhundert vorzu-halten. Daß der Verfasser einem Bedürfnisse abhalf unddas gebildete Publikum die Gabe mit dem gebührendenDanke aufnahm, zeigt klar der beispiellose Erfolg desBuches, welches innerhalb weniger Monate dreimalneu aufgelegt wurde! Aenßerlich wie innerlich gibt sichdas Werk als echtes Geisteskind Jansscns, unseres großenGeschichtschreibers, zu erkennen. Die Darstellung Michaelsruht auf der breiten Basis einer umfassenden Kenntnißder einschlägigen Arbeiten das Verzeichniß der voll-ständigen Titel der wiederholt in bedeutend gekürzterForm citirten Werke füllt allein 23 Seiten und einerSicherheit des Urtheiles, das deßwegen nicht wenigerwerth ist, weil es meist mit den Worten Anderer aus-gedrückt ist.

Unternehmen wir es nun, dein Autor auf dem vonihm gebahnten Wege zu folgen, erfreuen wir uns mitihm an den Schöpfungen der eigenen nationalen Ver-gangenheit, und vielleicht gelingt es uns sogar, die eineoder andere stehen gebliebene dornige Ranke zu beseitigen.Wahrlich, nicht Lust am Tadeln, sondern Freude über dieherrliche Gabe bestimmt uns, da oder dort eine Aenderungvorzuschlagen. Das Gcsammtbild erleidet dadurch keinewesentliche Aenderung, und das Einzelne dort Licht,dort Schatten kann dabei nur gewinnen.

Die Einladung des Autors im Vorwort (S. VIII)lautet einschmeichelnd genug: Trotz aller dunklen Er-scheinungen, die sich stets im Gefolge schwerer Umwälz-ungen einstellen, hat das Licht sehr überwogen.

") I. Band. Frciburg i. B.. Server, 1697; 8°; XX,368 S.: M. 5.-. geb. M. 6.80.

I. LandwlrtWaft und Mauern.

1. Die Land wirthschaft.

Die Deutschen waren seit ihrer Niederlassung in denwald- und sumpfreichen Gegenden Germaniens ein acker-bautreibendes Volk. Dem freien Germanen ziemte Kriegund Müßiggang , Arbeit aber den Weibern und Unfreien.Die christlichen Glaubensboten lehrten, indem sie selbstarbeiteten und in dem weithin mit Wald bedeckten Landein ihren Stiftungen von den Deutschen angestaunte wirth-schaftliche Mittelpunkte schufen, die Trägheit überwinden,die ehrliche Arbeit achten und lieben. S. 78. Andem Stifte Bcuediktbcucrn wird die gesegnete Cultur-thätigkeit der Söhne des hl. Benedikt so recht klar, ihrvolles Verständniß für Zeit und Menschen, ihre liebe-volle Sorgfalt für die von ihnen geschaffene GemeindeJachcnau. S. 8 9. Zeigt dies eine Beispiel denglänzenden Sieg der geistig überlegenen Culiurarbeiterin der Kutte, so haben die Orden der Cisterzienser undPrämonstratenscr eine noch glänzendere Aufgabe gekostin den ostclbischcn, slavischen Gebieten. S. 10. DerAckerbau stieg, je mehr er emporblühte, in der Werth-schätzung der Zeitgenossen, war er ja eine göttliche In-stitution. , In diesem Sinne läßt Wernhcr der Gärtner,ein süddeutscher Dichter des beginnenden 13. Jahrhunderts,den alten Helmbrecht zu seinem entarteten Sohne sprechen:

Bebau das Feld, bleib bei dem Pflug,

Dann nützest du der Welt genug.

Von dir dann Nutzen haben kannDer arme wie der reiche Mann. . . » ,

Drum treibe nur den Ackerbau.

Denn sicher manche edle Frau

Wird durch des Bauern Fleiß verschönet.

Manch König wird gekrönetDurch des Ackerban's Ertrag.

Wie stolz wohl mancher sein auch mag.

Sein Hochmuth müßt' zu Schanden werden,

Gäb's nicht den Bauersmann auf Erden."

Unwillkürlich vergleichen wir die Thatsache, baß derösterreichische Herzog Albrecht I. die unter seinen Fahnendienenden österreichischen Bauern zur Zeit der Ernteheimziehen ließ, mit den gänzlich verschiedenen Erschein-ungen der Gegenwart. S. 1011^

Es ist begreiflich, daß Arbeitskräfte sehr gesuchtwaren, daß mau den fremden Ansiedler unter sehr leichtenBedingungen als Grnndholden aufnahm. S. 12. DerLandmanu tauschte also um billigen Preis theure Waareein ; denn das Getreide, worin zumeist die Abgabe drSGrnndholden bestand, stand verhältuißmäßig hoch imPreise. Ebenso wurde der freie Taglohn außerordentlichgünstig berechnet; nie war die wirthschaftliche Lage derlaudarbcitenden Klassen günstiger als im 13. Jahrhundert.S. 1213. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts er-fuhren mit dem Getreide auch die Bodcnpreisc in manchenGegenden eine 17fache Steigerung, während die Naturäl-lieferuugeu der Hörigen dieselben blieben, so daß alsoden landbauenden Klassen volle ^ der Grundrente zu-fielen das glänzende Resultat der letzten großen Node-epoche in Deutschland. S. 1314.

Die jugendliche Energie jenes kraftstrotzenden Ge-schlechtes scheute aber auch vor keiner Schwierigkeit zurück:Sümpfe und Moräste, auch Seen wurden in Ackerlandumgewandelt, weniger wohl zu menschlichen Wohnungen,wie M. auch beifügt; Teiche wurden auf Bcrgeshöhenangelegt, damit die Niederschlüge in ihnen sich sammeln