Ausgabe 
(11.12.1897) 70
 
Einzelbild herunterladen

486

könnten und durch Befruchtung der Felder wie durchTreiben von Mühlen eine Quelle des Segens wurdenfür das Thal. Insbesondere die Muster-wirthschaften derCisterzieuser wurden Ackcrbauschulen für die weltlichenGroßen, und noch heute zeigen Deutschlands schönste Wald-landschaften von: Rhein bis Danzig die Trümmer derCisterzieusercultnr. Kurz, allenthalben erblicken wir einehochentwickelte Bodeucultur und eine intensive Bewirth-schaftung des Landes. S. 1415.

Der Thatendrang in An- und Ausbau während derStanfcrzeit überstieg nicht selten die Leistungsfähigkeit desBodens, indem sich da und dort in Deutschland Ortenachweisen lassen, die als minder glückliche Rodungenund tzofanlagen wieder aufgegeben werden mußten. Sogeschah es auch mit der Cultur der Traube. S. 1516.Der Weinbau war seit der Karolinger -zeit stark entwickelt:besonders waren es die geistlichen Grundherr-schäften, durchwelche die Pflege und Verbreitung der Traube wesentlichgefördert wurde,da diese ebenso dem Geheimnisse desAltares, wie dem täglichen Gebrauche diente". Obwohlman versteht, was gemeint ist, ist die Ausdrucksweisewenig glücklich. Wein wurde in ganz Deutschland ge-baut, auf der bayerischen Hochebene, in Brandenburg undPommern, auf Rügen , selbst in Kurland. Der Ertragwar begreiflicherweise ein so geringer, daß der Weinbaudeni Garten- und Ackerbau wieder weichen mußte. S. 16,2426. Diesen Wechsel der Culturen nennt Lamprecht(Wirthschaftsleben I, 132. 129) nichtNachlässigkeit,sondern eine zu weit gehende Energie im Anbau".

Endlich darf nicht vergessen werden, daß die geist-liche und weltliche Macht nicht ermangelten, dem Land-mann und dem Ackerbau ihren Schutz zu verleihen.Friedrich II. erließ 1220 unter Androhung schwererStrafen, selbst der Acht, strenge Vorschriften zum Bestender Bauern. Verletzungen des kaiserlichen Gesetzes mögenwohl stattgefunden haben. Der Geschädigte rettete insolchem Falle, soweit möglich, seine Habe in das benach-barte Gotteshaus, um sich innerhalb der Kirchhofmanergegen die Friedensstörer zu wehren. S. 17.

Folgen wir nun mit M. dem Bauern des 13. Jahr-hunderts in seine Wohnung, seinen Garten, auf das Feld,in den Wald, und vergegenwärtigen wir uns seine Besitz-verhältnisse.

Die Gehöfte der hörigen Bauern umgaben denHerren- oder Fronhof, wenn sie sich nnt diesem in der-selben Dorfmark befanden. Sie waren das Bild desHerrenhofes im kleinen. Das Gehöfte der mittelrhcin-ischcn Franken wurde die herrschende Form bis tief nachPolen und Ungarn hinein. Es waren Bedürfnißbauten,meist aus Holz, wie sie in abgelegenen, zmneist Gebirgs-gegenden noch zu finden sind. Im Hofe befand sich derBrunnen, auf dem Dache wurde fast regelmäßig Hanslauchgepflanzt, der die Stelle unseres Blitzableiters versehensollte. S. 17-18.

Nicht selten lebte auch das Vieh unter demselbenDache wie der Bauer. Nicht der unentwickelte Hausbauallein, sondern die hohe Werthschätzung des Viehes sprichtsich darin aus. Daß esmit großer Rücksicht" behandeltwurde, können wir dem Verfasser nicht glauben. Mansehe sich nur die Behandlung des Viehes in der Jetztzeitan: die Herzensbildung der bäuerlichen Bevölkerung, heutewie damals, weiß sich frei von den Sentimentalitäten dermodernen Thierschutzvereine, das Vieh wird eben alsVieh behandelt, und das rauhe Leben im steten KampfeMit den feindlichen Naturgewalten, nach dieser Richtung

wenig beeinflußt von dem sittigenden Geiste des Christen-thums, weist oft eine abgrundtiefe Rohheit und Brutali-tät auf. Das Wergeld der Hausthiere war nach demSachsenspiegel ein ziemlich bedeutendes. Die Zahl dergehaltenen Hansthiere zu ermitteln, ist unmöglich. DiePflege des Viehes war nach den Ortsverhältnissen ver-schieden, im allgemeinen der heutigen sehr ähnlich. GroßerWerth wurde auf das Weiden gelegt; wer selbst keineeigenen Triften besaß, hatte gegen Entschädigung Zutrittzur Weideseines" Grundherrn, nicht, wie M. sagt,eines d. i. irgend eines" Grundherrn. Die Schweine-zucht war so ausgedehnt und geschätzt, daß die Wald-ungen oft nicht nach ihrem Holzwerthe, sondern nach derAnzahl Schweine taxirt wurden, die sich darin sättigenkonnten; die Eichenwälder hatten für die Schweinemastden Vorzug; das Schwein war im Mittelalter bei reichund arm das beliebteste Fleischthier. Wegen seinesFleisches wie wegen seiner Wolle geschätzt war das Schaf.Ziegen wurden meist nur an Bergwcrksorten gehalten,weil man gefunden hatte, daß ihre Milch den schwind-süchtigen Grubenarbeitern sehr zuträglich sei. Hühner,Enten und Gänse hatten geringes Wergeld; außerdemkommen auch vor Tauben, Pfauen, Fasanen undSchwäne. S. 3033.

Große Bedeutung hatte die Bienenzucht sowohlwegen des Wachses wie des Honigs. Das Recht desBienenfanges war unbestritten: wer im Wald einenBienenschwarm fand, war dessen Eigenthümer., Diemittelalterliche Bienenwirthschaft hatte eine staunenswcrtheAusdehnung. S. 33. Wir hätten darum gehofft, Aus-führlicheres darüber zu vernehmen, die 11 Zeilen aufS. 33 werden der Bedeutung für den mittelalterlichenHaushalt wie für den Gebrauch der Kirche sicherlich nichtgerecht.

In der Nähe der Wohnung und ferne in der Flurlagen die eingefriedeten Gärten, deren Anlage und Pflegeseit dem 8. Jahrhundert durch die Benediktiner in Deutsch-land eingeführt wurde, indem sie römische Culturpflanzenin großer Menge über die Alpen brachten. Es gabZier-, Heil-, technisch verwendbare Pflanzen, Pflanzendes Gemüsegartens und Obstbänme, welche sämmtlichAlbert der Große in seinensieben Büchern von denPflanzen" eingehend und verständnitzvoll beschrieben hat.Mehr verbreitet als heutzutage war der Anbau desHopfens, -noch mehr aber, wie schon erwähnt, die Culturdes Weines. Dadurch, daß die Mönche, welche zurGründung eines neuen Klosters auszogen, einerseits diePflanzen des Mnttcrklosters für die neue Stiftung mitsich nahmen, anderseits wohl auch einmal ein unbekanntesGewächs aus der Fremde mit heimbrachten, hatten dieKlostergärtcn ein gleichartiges Aussehen. Aus ihnen ge-langten neue Pflanzen in die Gärten der benachbartenDörfer. Cisterzieuser brachten von Morimnnd die graueRenette in das Kölnische und nach Thüringen ; wir kennensie und wer sollte sie nicht kennen! als BorsdorferAepfel. Auch Treibhäuser treten um die Mitte des13. Jahrhunderts im Norden auf. Die Gärten erfreutensich endlich auch der Aufmerksamkeit der Reichsgesetzgebung(Friedrich I. und Otto IV. ) und der Rechtsbllcher (Sachsen-spiegel und Stadtrechte). Vgl. S. 2024.

Zu jedem Dorfe gehörte eine Feldmark, die ge-theilte und die ungstheilte. In der ersteren besaß derfreie und hörige Bauer eine bestimmte Anzahl vonFeldern, Wiesen und Weinbergen. Die letztere, die All-mcndc, umfaßte alles andere zum Dorf gehörige Land.