Ausgabe 
(11.12.1897) 70
 
Einzelbild herunterladen

488

daher geneigt, einen altrömischen Begräüuißplatz in St.Manrice als Keimpimkt (sie) der Sage zn betrachten.Die Namen ließen sich fiir die Kirchweihc leicht erdichten."

Eine solche Kritik verdient wohl kaum mehr, daßman sich ernstlich mit ihr befasse. In Wahrheit istManricius abgeleitet von Mauricus ein römischesCognomcn, das gerade im 3. nnd 4. Jahrhundert öftervorkommt?) Zudem was hat der Maure mit denBewohnern der Thebais zn schaffen? Aegypteu und dieThebens zählten ja nach der Anschauung der Alten nichtzu Afrika, sondern zu Asien (s. Naln I, 1 n. 9; klin.imt. Inst. V, 9, 2). Auch das eognoinsn Dxuporiuswar in der römischen Kaiscrzeit nicht selten, um vonCaudidus und Victor zn schweigen. Es ist mithin keinGrund zu der Annahme vorhanden, daß die Namen derMärtyrer erdichtet seien.

Ebenso haltlos ist die Hypothese Gelpke's (Kirchen-geschichte der Schweiz I, S. 81), daß die Auffindungzahlreicher Gebeine durch Bischof Theodorns die Sageveranlaßt habe.") Denn wie sollen wir uns erklären,daß in einer so dünnbevölkerten Gegend, wie es dieLandschaft am nördlichen Abhang des Norm .lovis imAlterthum war nnd noch heute ist, ein Begräbnißplatzvon solcher Ausdehnung entstand, daß die Meinung, essei eine ganze Legion in Agannum bestattet, Platz greifenkonnte. Dies wäre ja nur denkbar, wenn daselbst eineSchlacht stattgefunden hätte. Damit aber werden wirwieder auf die Idee eines Massenmordes geleitet.

Solchen seichten Einwänden gegenüber, welche auchKrusch sich angeeignet hat, genügt es, folgende Thatsachenzn constatiren:

1. daß unter dem Befehle Maximians wirklich eineLegion Thebäer stand, die ^kriinn NaximianuMiobaeorum?,") die er selbst errichtet hatte, (wieConstantius Chlorus dieLeeunciu 1'Iavsg. 6cm-stantia, Mmstneorum" nnd Diokletian dieBerlin viocloliann Bliedaeorun?);

2. daß Maximian im Herbste des Jahres 296 miteinem Heere vorn Rheine her über die penninischenAlpen nach Italien (Mailand ) und von da nachAfrika zog, um die rebellischen huingueZsntnneiin Lluuritnnig. Oa-Lsuriensis ( Algerien ) zu be-kämpfen;^) er muß dabei Agannum und Octo-durum berührt haben;

°) S. Forcellini im Onomastikon unter Manriciusund Exuperins.

Gclpkc beruft sich auf die Ursulalcqende alswenn man Agannum mit Köln vergleichen könnte! Auchseine Behauptung, daß dieserstill abgelegene Ort in derNömerzeit zu einem Begräbnißplatz selbst für solche benütztwurde, die anderwärts gestorben waren," ist, abgesehenvon einem ganz vereinzelten Falle (s. Mittheilt, d. antigu.Gesch. in Zürich Bd. X S. 6 n. 241, nicht zutreffend.

'9 S. Krusch S. 21. Absurd ist die von Krusch S. 22gebilligte Behauptung Otto Hnnzikers (s. M. Äüdinger,Untersuchungen zur römischen Knisergcschichte II. S.270f.),daß Eucheruis die Bezeichnunglllisbas? nur deßhalbgewählt habe, iveil er aus Eusebius wußte, daß es in derThebais viele Christen gab. Denn auch Gallien , die ältesteTochter der Kirche, zählte im 3. Jahrhundert viele Christen,nnd Eucher brauchte daher nicht soweit auszugreifen, daßer gegen alle Wahrscheinlichkeit die Thebäer von der GrenzeNubiens heranzog.

Q S. m. Besprechung der Schrift von Stolle in derBeilage zur Augsb. Postztg. Jahrg. 1894 Nr. 33 S. 237.Damit ist der Einwand Kruschs (S. 2l) widerlegt, daßdieser Borfall mit der Geschichte Maximians (die uns nurhöchst lückenhaft überliefert ist) nicht iu Einklang zubringen sei.

3. daß Dezimirungen und Niedermetzelung größererTruppentheile im Laufe der römischen Geschichtewiederholt vorkamen.")

Solange diese drei Thatsachen nicht umgestoßen werdenkönnen, ist jeder Versuch, die Legende der Thebäer als eineErfindung hinzustellen, eitel zu nennen und daran festzu-halten, daß eine größere Abtheilung Thebäer in der vonder Legende geschilderten Weise den Tod gefunden habe.Eucherius irrt nur darin, daß er die Stärke der Legionauf 6600 Mann beziffert,") denn es ist kaum denkbar,daß die Thebais, welche laut der Nolilin stigintatumfünf Legionen stellte (4 eorrntatenses, 1 palatina), mehrals 30,000 Mann (ohne die Reiterei) aufgebracht habe.Die Zahl der Gefallenen wird daher niedriger anzusetzensein. Auch das geben wir Krusch (S. 22 A. 1) gernezu, daß Eucher die Rede des Manricius rhetorisch auf-geputzt habe. Aber auch Thnkydides legt seinen HeldenReden in den Mund, die er selbst gefertigt hat, und dochwird es darum niemand iu den Sinn kommen, Thukydides den Namen eines Geschichtschreibers streitig zn machen.

Fernan Caballero .

Zum hundertjährigen Geburtstag der größtenspanischen Dichterin dieses Jahrhunderts.

L. Ll. Die erste Bahnstation, 14 Kilometer vonSevilla entfernt, aus der Linie Sevilla-Jerez-Cadiz istDos Hermanäs (die zwei Schwestern"), ein lieblicherOrt mit hübschen Landhäusern inmitten fruchtbeladener,starkduftender Orangenbäume. In einer dieser schönenVillen wohnte seinerzeit wohl die beliebteste spanischeSchriftstellerin dieses Jahrhunderts, Fernan Caballero .Ich erinnerte mich derselben lebhaft, als ich im Frühling1894 mit dem Dampfrosse, Dos Hermanns berührend,der spanischen Seestadt Cadiz zueilte. So gut ich esvermochte, erzählte ich damals meinen lieben Reisegefährtenvon der berühmten Dichterin. Inzwischen habe ich micheingehender mit ihrem Lebensgänge und ihren verschiedenenWerken befaßt. Vielleicht interessirt es den einen oderändern Leser der Postzeitung, Näheres über FernanCaballero zn erfahren, nnd überdies sind es ja jetzt hundertJahre, daß diese dichterisch so reich begabte Frnn dasLicht der Welt erblickte?)

In ihrem Privatleben trug Fe.rnan Caballero denNamen Cäcilia. Sie war dreimal vcrheirathet. Ihrerster Gemahl war ein spanischer Offizier, NamensPlanclles, ihr zweiter der Marques de Ärco-Hermoso,ibr dritter der Advokat Antonio de Arrom. Alle dreiEhen blieben kinderlos. Väterlicherseits erfreute sich dieDichterin deutscher Abstammung; denn ihr Vater warder .Hamburger Kaufmann Johann Nikolaus Böhl von

") Bergt. Stolle a. a. O. S. 76 s. Wenn Eusebius und Lactantius von diesem Gemetzel keine Erwähnungthun, so ist dabei zu berücksichtigen, daß beide im fernenOrient lebten und von den Ereignissen im Occidcnt nurmangelhaft unterrichtet waren.

") Diese Schätzung hat Eucher wahrscheinlich ausPlutarch, vika Romuli oap. 20 entnommen.

9 Zur Abfassung obeusteheudeu Artikels bcuützte ichvornehmlich als Quellen: Kreiteu 8. .7., Fernan Caballero, Stimmen aus Maria-Laach, Bd. 13, S. 277 ff. u. Bd. XIV,S. 20 ff., 174 ff. u. 302 ss.: Historisch-politische BlätterBd. 46, S. 652 ff. Ausgewählte Werke der Dichterin indeutscher Nebersetzuug von Lemke, Claims und HedwigWolf, erschienen bei Ferdinand Schöniugh iu Paderborn18591864. dotkeoiou üo autores Ksxmioles, heraus-gegeben von Brockhaus in Leipzig.