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Faber. Derselbe besaß in Cadiz ein großes Handlungs-hans und stand mit dem ehrwürdigen Perthes, einemdeutschen Patrioten im besten Sinne des Wortes, inregem Briefwechsel. Fernan Caballero's Mutter wardie vornehme Spanierin Frasqnita (Franziska) de Larea,welche selbst wiederum mütterlicherseits von einer Jr-länderin abstammte. Jedoch nicht im reizend gelegenen,meerumgürteten Cadiz , sondern fern von den andalnsischenGefilden, an dem romantischen Gestade des Genfersees,in Morges wurde unsere Dichterin geboren. Ihr Ge-burtsjahr wird verschieden angegeben. In den bisherin Deutschland über dieselbe erschienenen Werken findenwir regelmäßig daS Jahr 1797 (26. August) verzeichnet.Dagegen nennen uns der französische Graf Bonneau-Avenaut in seinen vonx nonvellos Dmäalonses post-Irumss äs I?6riian Caballero, kröceäos äo sa via(Paris 1882) und M. Ascnsio im ersten Bande derObras completaa äo Vornan Caballoro (Madrid 1893)den 25. Dezember 1796 als den Tag ihrer Geburt?)Letztere berufen sich hiebet auf den im Madrider Kriegs-ministerinm aufbewahrten Taufschein der Dichterin.
Ihre ersten Kinderjahre verlebte Caballero inSpanien, später kam sie mit ihren Eltern nach Deutsch-land , wo sie bis zum 16. Lebensjahre auf dem vonihrem Pater angekauften Gute Gvrslow am Schweriner-see verblieb. Dann kehrte sie im Jahre 1813, dem-selben Jahre, in welchem ihr Vater vom Protestantismuszur katholischen Kirche übertrat, wieder in das sonnigeAndalusien nach Cadiz zurück. Da inzwischen in denunruhigen Zeitläuften fast das ganze Vermögen ihresVaters verloren gegangen war, so sah sich derselbe imInteresse einer anständigen Existenz für sich und dieSeinigen veranlaßt, bei einem englischen Weinbau- undWeinversendungsgeschäft das Amt eines Oberaufseherszu übernehmen, und siedelte zu diesem Zwecke nach demCadiz gegenüberliegenden I'norto <lo Lama Älaria über.Dort führte er bis zu seinem Lebensende 1836 mitseiner Familie, indem seine Wohnung allen AnhängernAltspaniens, von den Jnngspaniern „Lorviles" genannt,gastlich offenstand, ein sehr idyllisches, zufriedenes Leben.„Von Kindern und Kindeskindern umgeben", schrieb eran seinen Freund l)r. Julius, „und an der Spitze einerblühenden Handlung mit Muße zum Lesen und Träumen,habe ich Niemand zu beneiden." In anziehendster Weiseaber verstand es später seine dichterische Tochter im„Votivbildc"') das ländliche Heim ihrer Eltern zuschildern.
ihren runden Blättern wie mit Sonnenschirmen zu. Inden Spalten der Wände trieb die Reseda in aller Eileihre Zweigtet», während derselben mit seinen großen, un-schuldigen Augen ihr guter Freund, der Salamander, zu-schaute. Ringsherum un Hofe verneigten sich auf an derWand wie Kanzeln angebrachten Ziegelsteingcsimscn ge-lehrte Nelken nach außen hin und hielten über die Kürzedes Lebens den übrigen Blumen eine Predigt. Ein blasserund zarter Jasmin, welcher dieselbe hörte, siel ohnmächtigin die Arme einer spanischen Kreffenstauoe. welche uner-schrocken in ihrem goldeneil Gewände ein Gitter über-klettert hatte und bis zum Jasmin hinanfgerankt war. DesHofes Mitte iiahmen ein Pomeranzen- und ein Granaten-bamn ein, die ihre rothen und weißen Blüthen mit einerHarmonie und einem Stillschweigen untereinander mischten,daß sie die französische gesetzgebende Versammlung hättentief beschämen müssen. Eine große Menge kleiner Vogel,Schmetterlinge und Bienen machten von Blume zu Blumehöflichen Besuch, ohne Besorgnis), es möchte eines dieserliebenswürdigen Blnmenkinder ihnen den Empfang ver-wehren, selbst unter dem Vormunde nicht, daß sie erst imMorgenanznge wäre». Ein lieblicher Seewind, rein wieBerg-Krystall, entnahm von diesen Blumen seine Düfte.In diesen: ganzen Hose blühte, duftete, flog oder sangalles."
Hier also bildete sich die dichterische Anlage derCäcilia Bohl von Faber, oder wie ihr Schrifstcllcrnameheißt, der Fernan Caballero , zu jener Vollkommen-heit, wie sie uns in ihren spätern literarischen Erzeug-nissen entgegentritt, aus. Wir besitzen von ihr Ro-mane, Novellen, Erzählungen (Dorfgeschichten),Volkslieder und Volks- und Kindermärchen.Alles, was sie geschrieben hat, sind keine leeren Phantasie-gebilde, sondern nach ihrem eigenen Geständnisse „einVerein von Scenen des wirklichen Lebens, von Schilder-ungen, Charakterbildern und Beobachtungen". Wie siesich als feinste Beobachten» aus dem Leben und für dasLeben zeigt, so auch tritt sie uns in all ihren Schriftenals Vorkämpfer»: christlicher Ideen in Knnst und Leben,als Katholikin im eminentesten Sinne des Wortesent-gcgeu.
Znm Schauplätze ihrer Erzählungen hat sie meistensdas schöne Andalusien, sei es in den höheren und höchstenSchichten seiner Bevölkerung, sei es in den ärmlichen.Hütten des Landvolkes, gewählt. Zeitlich bewegt sich dieDichterin in der Regel im ersten Viertel des gegen-wärtigen Jahrhunderts, jener für Spanien so hoch-bcdeulsamen Zeit. Den spanischen Nationalgeist schildertsie in all seinen Vorzügen und Fehlern, und bringt ihnmit dein ausländischen, für ihr Vaterland so verhäiigniß-vollen, vornehmlich von den Engländern und Franzosen in dasselbe importirtcm Geiste in Verbindung. Stets
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„Aus der Seite," heißt es dort, „welche derjenigen,worin die Schenke liegt, entgegengesetzt ist, sah man ein >sehr reinliches, ganz weißes Haus. Vor kurzen: erst wares mit einen: neuen Kalkkleide beschenkt worden. Kräut-chen und Blümchen bedeckten sein Dach, gleich als ob einmit Laubwerk durchwirkter Schleier darüber geworfenworden wäre. Durch sein offenes Thor sah man in denHosraum (patio), der sich zu einem Blumenkörbe gestaltethatte. Der schöne Anblick, den das Haus bot, konnte miteinen: aufrichtigen Menschen, der unverhohlen ein Herzpoll^Nntchuld und Fröhlichkeit zeigt und sehen läßt, ver-glichen werden. Mau schaute dort Rosen in ihren Farben,weiße, rothe und gelbe, wie Schwestern in verschiedenem ,Gewände. Die Lilie — diese deutsche Blume, die so früheblüht — verneigte sich unempfindlich und traurig in ihrembescheidenen Kleide. Die zarten Veilchen deckten sich unk
, °) Fernan Caballero's Eltern verehelichten sich imFrühlinge 1796. Vergl. Kölnische Volkszcitung von: 15.Sept. 1897, ksir. 673, drittes Blatt.
o) RolLvioiws vor Ikermm Caballero, Brvckhans, Leip-zig 1876. S. 151 7 .
weiß sie den kindlichen Ton jener echten Romantik, welchesich von der tröst-, that- und hoffnungslosen Weinerlich-keit des in die moderne Literatur cingeschlicheucn Pessi-mismus frei erhält, zu treffen. Verletzender Spott undbeleidigende Satire war nie ihre Sache. Die Geißelder Satire schwingt sie stets nur mit einer gewissenHeiterkeit und Freundlichkeit. Wie köstlich z. B. nichtist die Per sisiage, mit welcher sie durch eine alte Ma-trone den aufgeklärten Don Narciso in der „Ella" in dieEnge treiben und zurechtweisen läßt.
„Tenor Narciso," sagte die strengconservalive Assisten-tin, „ich sehe, daß Sie keine Religion haben, lassen Siedoch börcn. Glauben Sie an Gott: "
„Aber Senora," erwiderte der Pbilosoph, „mir scheintdiese Prüfung wenigstens nicht an: Platze."
„Anlworten Sie," versetzte die Assistentin lebhaft,„denn ich bin neugierig wie eine Alte, die ich bin, undeigenwillig wie eine Schöne, die ich nicht bin. GlaubenSie also an Gott? "
«Ja, ja, Senora, ich glaube au ein höchstes Wesen."