Ausgabe 
(15.12.1897) 71
 
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wie die der Grundhörigen. Aber wir fürchten den Werthvon Dichterzeugnissen und lassen sie nur sehr subsidiärgelten; Michael hätte es auch thun sollen.

Zum Schlüsse möchten wir noch einen Wunsch aus-sprechen; wir vermissen an dem farbenprächtigen Bildeeinige Töne: die Art der Veräußerung von Grund undBoden, sowie eine Darstellung des Pfandrechtes anGrund und Boden. Der Mangel läßt sich ja leichtgutmachen.

3. Baneruleben.

Während die beiden vorausgehenden Abschnitte diebäuerlichen Verhältnisse in Gesammtdentschland berück-sichtigen, handelt dieser fast ausschließlich von demBauernlebeu im Süden und Südosten des Reiches.Wenn auch nicht gerade behauptet werden darf, daß derSüden und Südosten in den beiden ersteren Partien zukurz gekommen ist, das wird der Verfasser uns zugebenmüssen, daß die reichlich fließenden Quellen dieser Ge-biete ihn hier verleitet haben, ihnen fast ausschließlichzu folgen. Läßt auch die Thatsache, daß die rechtlicheund gesellschaftliche Lage der Bauern in ganz Deutsch-land fast dieselbe gewesen ist, vermuthen, daß ihr Lebenin gleichem Rahmen sich bewegt habe, so hätten doch dievielfach grundverschiedenen Eigenschaften von Nord undSüd, die vielfach doch anders gelagerten und geartetenVerhältnisse am Nheine und an der Donau , in der nord-deutschen Tiefebene, im deutschen Mittelgebirge und inden Alpen eine auch in diesem Abschnitte mehr zuwürdigende Darstellung verlangt. Immerhin mag esschwieriger gewesen sein, eine solche Menge von Zeug-nissen für den Norden und Westen aufzubringen, imInteresse einer gleichmäßigen Behandlung, einer einwand-freien Würdigung wäre eine disfcrcnzirte Darstellungwünschenswert!) gewesen. Das ist offenbar ein Mangeldes Buches, der mit dem Mangel von Vorarbeiten nichtganz entschuldigt werden kaun, wenn er damit auch er-klärt wird.

Ueberrascht hat uns, daß M. eine bessere Quelle,als es Dichter' sind, für diese seine Darstellung nicht ver-werthet hat, nämlich die Landfriedensgesetzgebnng derbayerischen Herzoge in der Mitte und zweiten Hälfte des13. Jahrhunderts. Wir fürchten fast, der Verfasserhabe, weil er ein Feind ist aller Nohheit und Schlechtig-keit, mit Absicht diese tiefen Schatten Übergängen, jeden-falls nicht zum Vortheile seines Buches.

Wir können leichter über diesen Abschnitt (S. 61 85)hinweggehen, als ja diese Dinge von selbst das Interesseder meisten Leser mehr in Anspruch nehmen, als sieohnehin in den verschiedenen Handbüchern für Cultur-geschichte (zuletzt sehr gut von Grupp) einen breitenRaum einnehmen und es gewiß wenig Gebildete gebenwird, die nicht an der dem modernen Denken so nahestehenden Dorfgeschichte (Meier Hclmbrecht), an den Dicht-ungen und farbenprächtigen Schilderungen eines Ncidhartvon Rcnenthal, an derMäre von den Ganhühncrn" sichunmittelbar erfreuen. Wir lernen da den Bauern kennen,wie er sich benimmt in Lust und Leid, in glücklichen undschweren Tagen, bei der Arbeit und beim Vergnügen,wie er sich kleidet, fremde Tracht und Sprache nachäfft,mit seinem Reichthums prahlt und sich lächerlich macht,wir sehen ihn in Glauben und Hoffen, Leben und Wirken,Sein und Schein.Die Thatsache, daß ein so uner-bittlich scharfer Sittenrichter, wie Bruder Verthold vonRcgcnsünrg es war, der die Gaue Deutschlands, Oester-reichs und Böhmens durchzog, allenthalben geliebt und

verehrt wurde, beweist zur Genüge, daß auch das Land«Volk bei allen Auswüchsen einen gesunden Kern hatte.Man vertrug den Tadel des Missionsprcdigers trotz allerHerbheit, und wenn Bruder Bertholt) sich zeigte, soströmten die Schaaren meilenweit herbei; die Aecler ent-völkerten sich. Die damalige thcilweise Entartung derBauern ging nicht, wie später, aus Verzweiflung hervor,sondern aus Uebermuth; es gab unter dem Landvolkenoch keine Proletarier, und neben den Entarteten warauch eine bedeutende Anzahl Männer, die im Glück Maßzu halten wußten, ihren Stand achteten und jene ,Zucht'besaßen, die da ist ,eiue Krone über alle Edelkeit'."S. 85. Anmuthend zum Theil, zum Theil abstoßendist das Leben des damaligen Bauern, der voll über-schäumender Lebenslust war und gläubig dcmüthigerHingabe an die Kirche und ihre Diener, roh und brutal,mitleidig und human ein Bild des Kampfes derchristlichen Idee gegen die zum Bösen geneigte Naturdes Menschen, gegen die im Volksglauben noch langenicht ausgestorbenen finsteren Mächte des Aberglaubensund des Heidenthums. (Fortsetzung folgt.)

Fernan Caballero.

Zum hundertjährigen Geburtstag der größtenspanischen Dichterin dieses Jahrhunderts(Fortsetzung.)

Im Jahre 1849 erblickte im Feuilleton desClamorPublico" ihr erstes Geistesprodukt die Öffentlichkeit. Es'war der Romanfta 6s.viota",Die Möve". Ueber denVerfasser oder die Verfasserin vermochte niemand Aufschlußzu geben, aber alles erblickte in dieser Erstlingsarbcit einMeisterwerk. Die Tendenz des Romanes war gegen denmodernen Kunstenthnsiasmus und Kunstschwindel gerichtet.Die Hanptheldin desselben, Marsilad«, ist eine vonden Kunstenthusiasten ob ihrer wunderbar schönen Stimmeund ihrer unübertrefflichen Darstcllnngsgabe geradezu an-gebetete Primadonna, die sich jedoch im wirklichen Lebenundankbar, roh und hartherzig zeigt und infolge dessenmit der Zeit zur ordinären Komödiantin hernntcrsinkt.Das zweite größere Werk Caballcro's istLagrimas",nach Kreiteu ein Werk von wirklich literarhistorischer Be-deutung. InLagrimas" gab die Dichterin die christ-liche Antwort auf die ncuhcidnischc Weltschmerzpoesie,welche aus Frankreich, Deutschland und England in dieLiteratur Spaniens Eingang gefunden hatte und bereitsan dem Marke der spanischen Jugend zehrte. Lagrimas,das stille, kränkliche Kind eines hartherzigen, nur nachirdischen Glücksgütern jagenden Millionärs, ist das Bildder christlichen Dulderin, welche ihre leidcnsstarke Seelemit den Worten aushaucht:

^.brÜLoins eon las cckavssV ras rsolino eon la erur:.l?ara gas sieroxrs nie ainxaresOules Lscksntor ckssus."')

Als der beste ihrer Romane wird von gewichtigenAutoritätenClemenci.a" erklärt.^ Er ist ein Selbst-porträt der Dichterin, fest im Glauben, überlegend inihren Handlungen. Clemencia steht vor dem Leser alseine starke Frau, welche in den über sie hereinbrechendenSchicksalsschlägen die Prüfung besieht. InEli a", deinvierten und letzten der größeren Werke Caballcro's, findtn

°)Ich klammere mich an deines Kreuzes Nagel,

Der du für mich gestorben bist,

Und lehne mich an's Kreuz, daß du mich schützest,Geliebter Heiland Jesus Christ."

°) «Stimmen aus Marm-Laach" Bd. 14 S. 302.