Ausgabe 
(15.12.1897) 71
 
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wir den Nachweis geliefert, daß der in der Literaturexistirende Spiritualismus seine einzige feste Grund-lage nur in der katholischen Religion habe.Die Dichterin spricht dies selbst aus mit den Worten:

Der Beweis dieser Behauptung ist in dem GemäldeElia's, unseres Vorbildes, entwickelt, ein wahres und ge-liebtes Vorbild, das wer mit der Befriedigung einesMalers hier bieten, der die Copie eines schönen Originalesvorzeigt. . . . Die stoffliche Entwicklung dieser Erzählungist 10 einfach, so alltäglich, wir alle haben soviele ähnlicheFälle gesehen; ihre Conseqnenz in dem moralischen Sinne,den wir andeuteten, ist so augenicheinlich, daß, wer vor-urthcilsfrei und ehrlich die Anwendung macht, sich über-zeugen muß, es sei der Himmel allein die wahre An-ziehungskraft für jeden Spiritualismus."

In ergreifender Weise weiß uns Caballero zuschildern, wie die kaum zur Jungfrau erwachsene Eliader Liebe wegen gar Hartes erduldet, nach langem Kampfeder Welt einsagt und rein und unschuldig als Novizinin jenes Kloster, wo sie erzogen wurde, eintritt. Aberin Elia zeichnete uns die Dichterin wie ein Charakter-so auch ein Zeitbild. Das sagt schon der Titel desRomanes:Elia, oder Spanien vor dreißig Jahren."Alle Typen der damaligen geistigen und politischenStrömung vom streng conservativen Altspanier bis zumfortgeschrittensten Liberalen begegnen uns in derElia".

Wir kommen zu den Novellen und Dorf-geschichten Fernan Caballero's . Ihr literarischcrWerth steht wohl kaum hinter dem ihrer Romane zurück.So zählt man z. B.IIn Vorano on Lornos" (EinSommer in Bornos") zu dem Schönsten und klassischBesten, was die Dichterin geschrieben hat. Der Spanien-reisende Nolef berichtet uns,?) wie in ganz Spanien undbesonders in Andalusien in Jedermann's Munde derName Fernan Caballero sei. Fast alle Spanier , mitdenen er sich unterhalten, hätten ihn gefragt:Sie habengewiß Fcuian Caballero gelesen? Kennen Sie auch ,IInVoi-g.no in kornoa'?" Es sei ihm da gerade so vorge-kommen, als wie wenn wir Deutsche einen Ausländer,der Deutsch lernt, fragen würden:Haben Sie Schiller'sWilhelm Teil und GLthe's Hermann und Dorothea ge-lesen?" Gewiß, ein Beweis, welcher Beliebtheit sich beiden Spaniern die Werke der Fernan Caballero und vorallem die NovelleEin Sommer in Bornos" erfreuen.Aehnlich wie Rolef erging es mir, wenn ich währendmeiner Reise in jenes Land mit gebildeten Spaniern überihre Schriftsteller sprach. Stets machte ich die Wahr-nehmung, daß unsere Dichterin zu den beliebtesten undgelesensten Autoren bei ihren Landsleuten gehöre. Wasnun speziell die vorhin erwähnte Erzählung betrifft, so wollteCaballero durch dieselbe die Unklngheit darthun, welcheder Adel dadurch begangen hatte, daß er das Hoflebeugegen seinen Beruf auf dem Lande eintauschte. AlsMuster einer Dorfgeschichte giltDie Familie vonAlvareda". Frisch und lebendig ist dieArme Dolores"geschrieben, ganz dem andalusischcn Volksleben abge-lauschtServil und Liberal".Das Votivbild",LILx-Voto", zeugt von der hohen Verehrung des spanischen Volkes, selbst in seinen minderwerthigen Individuen, gegendas hl. Kreuz. Ueber die ganze Erzählung ist zugleichder zarte Duft Stlster'schcr Novellenpoesie, verschmolzenmit dem tiefen Zauber der Mcerbilder Heine's, aus-gegossen.«)

') Rolef, Reisebriefe aus Spanien und Maroceo.Seite 46.

°)Stimmen aus Maria-Laach" Bd. 14 S. 39.

Die vier ErzählungenLady Virginia",Das Glückschenkt Nichts, es leiht nur",Verschwiegenheit im Lebenund Verzeihung im Tode" undDas Gewissen läßt sichnicht bestechen" haben jedesmal ein Verbrechen als schauer-lichen Hintergrund und zeigen, wie diejenigen, welche dieGlücklichsten zu sein scheinen, in Wirklichkeit oft die Un-glücklichsten sind.

Wie in den eben angeführten Novellen und Dorf-geschichten, so auch in allen andern nicht weiter mehr zubezeichnenden tritt uns Fernan Caballero als unüber-troffene Darstellerin andnlusischer Denk- und Empfindungs-weise entgegen. Ueberall zeigt sich ihre scharf ausgeprägteTendenz des Konservatismus in Religion, Vaterland undFamilie, ihre Glaubens- und Königstreue.

Mit viel Aufwand von Arbeit, Zeit und Geduldsammelte Caballero Spanische Volkslieder undVolksreime und Spanische Volks- und Kinder-märchen. Nach ihrem eigenen Urtheile finden sich inden seuten ziösen Liedern und Reimen des spanischen Volkes bewnnderungswerthe moralische und psychologischeGedanken, in den Liebesgedichten feinste poetischeEmpfindung, in den epigrammatischen Versenbeißender Witz, in den heitern Anmuth und Launeund vor allem in den religiösen ein tiefes, zartesund aufrichtiges frommes Gefühl. Einige Beispiele ausdieser von dem seltenen Beobachtungstalente der Dichterinzeugenden Sammlung sollen als Beleg hiefür dienen.

So drückt z. B. der Andalusier die alte Erfahrungs-thatsache, daß sich in der Welt die Werthschätzung häufignur nach dem Geldsacke bemißt, mit den Worten aus:Als mein Beutel voll und schwer.

Hieß ich stets von ll'owäs (d. i. Herr Thomas),Jetzo, da er dünn und leerHeiß ich ll'omäz uv was."")

Unser bekanntes Sprichwort:Man soll den Tagnicht vor dem Abend loben", gibt der Spanier durch fol-gende Sentenz:

Niemand sag' Viktoria,

Wenn er noch im Bügel stehet,

Denn es hat sich selbst im BügelMancher noch den Fuß verdrehet."

Sehr drastisch wird das Bestreben jener, die nurauf das Zusammenraffen irdischer Güter bedacht sind,gekennzeichnet:

Wer hier ewig nur erwirbt.

Gleichet, Freund, dem fetten Schwein,

Das für andere, wenn es stirbt.

Erst beginnt, nützlich zu sein."

(Schluß folgt.)

Recensionen und Notizen.

Die wöchentliche Commnnion. Ein Wort überden öfteren Empfang der heiligen Sakramente derBuße und des Altars von M a r. von Segur.Äutorisirte Uebersetzung. 3. Annage. Mit kirch-licher Approbation. Mainz , Verlag von FranzKirchheim, 1897. (63 S.) Preis geb. 20 Pf.

Der innere Werth dieses weitverbreiteten Büchleinsbesteht in der klaren und eindringlichen Weise, womit derhochverdiente Verfasser den wöchentlichen würdigen Em-pfang der hl. Commnnion erklärt und anempfiehlt. So-wohl den Mitgliedern des geistlichen Standes als auchdes Laienstandes wird der Gebrauch vielen Nutzen ver-schaffen. Ll.

Wilhelm Hasans übertrug im Jahre 1861 die vonFernan Caballero gesammelten Originale spanischer Volks-lieder und Volksreime in's Deutsche und ließ dieselben beiSchöningh in Paderborn 1862 erscheinen. Dieser Ueber-setznng sind obige Lieder entnommen.

"y d. i. Thomas, du hast nichts mehr.

Verantw. Redacteur: Ad.Haas in Augsburg. Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg .