Ausgabe 
(18.12.1897) 72
 
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18. Der. 1897.

Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahr-hundert bis zum Ausgang des Mittelalters

von Emil Michael 8. ck.

(Fortsetzung.)

II. Ale Aestedeknug des Hfleus.

Die größte Eroberung, welche von dem deutschenWolke je gemocht wurde, war die des deutschen Ostensund Nordostens, die sich vollzogen hat ganz besonders im13. Jahrhundert. Es ist die Großthat des deutschenVolkes im Miitelalter, vielleicht die ruhmreichste Thatder Deutschen überhaupt, in erster Linie eine That derKirche und der Orden, ivie wir ja im Folgenden sehenwerden. S. 86 87. Die reiche Literatur über dieseKolonisation ist von Michael mit solchem Geschick ver-werthet, daß wir diesen II, Abschnitt, ohne Widerspruchfürchten zu dürfen, als den besten des Buches bezeichnenkönnen. Schritt für Schritt begleiten wir den deutschenOrdcnsmann, Bauer und Ritters nach dem Osten, undda wir uns mit ihnen als unsern Volksgenossen einsfühlen, freuen wir uns der herrlichen Erfolge, welchevereinte deutsche Kraft für alle folgenden Jahrhunderteerrungen hat. Möge dem Schreiber dieses hier derAusdruck des Bedauerns gestattet sein, daß der schöneBund der drei Culturarbeiter in der Kutte, im Kittel,-n der Bräune ein- für allemal zerrissen ist!

Im Vordergrund der Kolonisation standen währenddes 12. Jahrhunderts die durch elementare Ereignisseund Nebervölkernng zur Auswanderung gezwungenenNiederländer, welche von den Herren östlich der Elbegerne aufgenommen worden waren. Die Urkunde desVertrages ist noch erhalten, den sechs Holländer aus derDiöcese Utrecht im Jahre 1106 mit Erzbischof Friedrichvon Bremen abgeschlossen haben. Dieser Vertrag istvielfach maßgebend geworden für die Festsetzung der Be-dingungen, unter denen sich die späteren Siedler aus denNiederlanden und aus Deutschland im fernen Osten nieder-gelassen haben. Gegen einen mäßigen Zins von demVieh und den Früchten wurde ihnen eigene weltliche Ge-richtsbarkeit gewährt unter Anerkennung der Obergerichts-barkeit des Erzbischofes nnd unter Zuweisung von Zehntenan die Kirche. Die ihnen auferlegten Verbindlichkeitenmüssen als sehr geringfügig gelten, die zugestandenenFreiheiten als überaus wcrthvoll. S. 87 89. DasGebiet zwischen Elbe und Oder bis nach Meißen undLausitz wurde in bunter Mischung von fleißigen Bauernaus den Niederlanden und aus Sachsen besetzt. S. 89.Die Kolonisation war allerdings zunächst das Verdienstderer, welche selbst das mühevolle Werk vollbracht haben,dann aber nicht minder jener Fürsten , welche die Be-siedlung gefördert haben. Zu diesen gehören im 12. Jahr-hundert die Erzbischöfe von Hamburg nnd Bremou, Friedrich,Adalbero, Hartwig I. , Siegfried, Hartwig II. und derErzbischof Wichmanu von Magdeburg. Unter den welt-lichen Fürsten ragten hervor Heinrich der Löwe , Albrechtder Bar und Adolf II. von Schauenbnrg, Graf von Hol-stein. S. 89.

Die Kolonisten fanden ihre Hauptstütze an den Prä-moustratenserklöstern, welche die Christianisirung derWeudenvölker bis zum Ende des 12. Jahrhunderts über-nommen hatten. Noch zu Lebzeiten des hl. StiftersNorbert erfolgte die Gründung von Leitzlau und von

Jerichow (1114),' die Domstiftcr zu Brandenburg undHavelberg waren mit Prämonstratenscrn besetzt. 1154wurde das neugegründete Bisthnm Rntzeburg dem Prä-monstratenser Evermod übertragen; dem Bischöfe folgteeine Kolonie aus dem Muttcrkloster, das Domkapitelwurde von Männern desselben Ordens gebildet. InPommern verdankte um das Jahr 1150 das Prämon-stratenserstift Grobe auf Usedom seine Entstehung demFürsten Ratibor. Der pommcrsche Fürst Casimir ver-anlaßte 1170 die Gründung von Brode, 1177 wurdedas Kloster Velbnck gebaut, 1180 Gramzow gestiftet.S. 89-90.

Die weitere Entwicklung der Christianisirung undGcrmanisirung des slavischen Ostens knüpft sich an dieCisterzienser, die Träger der Kolonisation im 13. Jahr-hundert. Dieser Orden war für die ihm zugefalleneMission wie geschaffen. Genügsam in ihren Ansprüchenund frei von Familicnbanden, wurden sie die berufenenPioniere des Landescultur. Mit dem Jahre 1170 be-gann die Gründung der zahlreichen Cisterzienscrabtcicnim Wendenlande. Sümpfe nnd Wälder waren ihreDomänen.Nach wenigen Menschenaffen! stand dieeinem Cisicrzicnserkloster geschenkte Wüstenei als ei»blühender Landstrich voll deutscher Dörfer da; ohne dieseKlöster würde die Mark Brandenburg dem heutigen Un-garn gleich geblieben sein, wo deutsches Wesen nur inden Städten herrschend geworden ist." WaS sagt deraufgeklärte Berliner zu diesen Worten von Räumers?Seine Cultur soll im Cistcrzieiisergarten zu sprossen an-gefangen haben?

Es ist hier nicht der Ort, den Einzug der christlich-deutschen Cultur in den Wcndcnlanden MecklenburgS. 91 94, Pommern S. 94 97, BrmideuburgS. 97 98, Schlesien S. 98106, Preußen S. 108bis 126 in extonso zu schildern. Wir verweisen aufdie meisterhafte Partie des Buches selbst.. Mit be-tvnndernswerther Sicherheit und Klarheit zeichnet M denSiegeszng von Christenthum und Dentschthnm nach demheidnisch-wendischen Osten; höher schlägt dem heutigenVolksgenossen das Herz über Leistungen, deren Werthund Bedeutung erst den Epigonen zum rechten Bewußt-sein gekommen ist, Leistungen, welche unsere eigene Liebeund Begeisterung für christlich-deutsches Wesen nährenund mehret,.

Doch der Strom der Auswanderung ergoß sich auch,wenngleich in geringerer Stärke, nach Böhmen, Mähren ,Polell, Ungarn und Siebenbürgen . Hier m»f dem Neu-lande des Ostens wiederholten sich alle Impulse desMutterlandes rascher, hier griff man energischer zu, hierlöste man die Fragen neuer gesellschaftlicher und politischerBildung systematischer, hier lebte man anfangs llbraus-setziuigsloser in weitgehender socialer Gleichheit. Mit derraschen Entwicklung des Ostens hing es zusammen, daßdurch das koloniale Deutschland die tonangebende Stellungdes Westens eine gewaltige Einbuße erlitt. Freilich wardie deutsche Einwanderung in die genannten Länder nichtdicht und nachhaltig genug. Aber deutsche Culffir warder Nährboden für die Völker, nnd wenn diese im Drängepolitischer Leidenschaften und nationalen Chauvinismusdas vergessen, so bleibt es nicht minder ivahr. GanzDeutschland hat an der Wanderung nach dem Osten sichbethriligt. Indem der Einzelne zum erstenmale aus derBeschränkung des Stammes Hermisttat, kam zum er-stcn-