Ausgabe 
(18.12.1897) 72
 
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male auch die nationale Einheit znm Bewußtsein desVolkes. S. 126-128.

Die bis ins 13. Jahrhundert fortdauernde Urbarungder Wälder in den deutschen Stammlanden, die Hufen-theilniig, die Einwanderung in die Städte und die schnelleVerbreitung der Deutschen in den damals gewonnenenöstlichen Theilen des Reiches sind nur erklärlich aus demraschen Wachsthum der Bevölkerung. Aber die Thatsacheder großen Kolonisation wurde wesentlich bedingt dadurch,daß die Herrschaft des in engen Grenzen sich bewegendenAgrarsystems erschüttert war und daß eine neue Wirth-schaftsform sich anbahnte, die Gcldwirthschaft. S. 128.

III. Die Städte.

1. Entstehung der Städte. Geldwirthschaft.

Die deutschen Städte sind beim Beginne des Mittel-alters, auch noch nicht im 10. Jahrhundert, politischeVerwaltnngskörper; sie bilden keine politische Unter-abtheilung des Staats- und Verfassungslebens. JedeStadt gehört noch zu einem größeren Verbände, zu einemGrafschafts- oder Territorialverband, der von einem Be-amten des Königs, Landes- oder Grundherrn geleitetwird. Trotzdem hebt sich die Stadt aus dem umliegen-den Landgebiet in mancher Beziehung stark hervor.Diese Beziehungen, wie überhaupt die Entwicklung derStädte, werden von Michael eingehend gewürdigt. Indem Streite der Gelehrten um die Entstehung der Stadt-verfassung nimmt er für keine der vielen HypothesenPartei; denn dem Entstehen liegt nicht eine, sondern eineReihe von Ursachen zu Grunde. Die eine ist hier, dieandere da wirksam und formgchend gewesen. S. 133 bis135, Anm. Darum haftet der Darstellung auch etwasSprunghaftes an; es mangelt die organische Entwiälnng,wie sie zeitlich in die Erscheinung getreten ist. Doch istdas eine Folge davon, daß nicht ein Parteisiandpnnktvertreten wird.

Die Städte wurden von dem stachen Lande aus be-völkert. Gaben die Einwanderer auch vielfach die Be-wirihschastuug von weitcuilegenen Grundstücken auf, sowurde doch auch in den Städten viel Ackerbau getrieben;manche Städte besaßen sehr ausgedehnte Feldflnren.Insbesondere Gärten befanden sich in der Nähe undinnerhalb der Mauern und des Walles, welche beidejedoch nicht nothwendig znm Wesen der Stadt gehörten.S. 129-130.

Die Ausgangspunkte der meisten Städte sind in denköniglichen Pfalzen, in den Sitzen der Fürsten , in denHöfen der geistlichen und weltlichen Grnndherren zu suchen,insbesondere in Bischofssitzen und Klöstern. Dadurchwurde der Ort nicht bloß für geistiges Leben ein Mittel-punkt, sondern auch für Gewerbe und Handel. Infolgedes festen Sitzes der geistlichen Herren nahmen ihreStädte eine raschere Entwicklung als die königlichen.S. 130-131.

Jede Stadt hatte einen Markt, auf dem die Er-zeugnisse des städtischen Handwerkes und die Erträgnisseder Landwirthschaft zum Verkaufe standen. Eine Stadtohne Markt war undenkbar, denkbar aber ein Markt ohneStadtrccht. Das Marktrecht war in der Regel ein denveränderten Verhältnissen angepaßtes Landrecht, auf dessenAusgestaltung das Verkehrsrccht größeren oder geringerenEinfluß ausgeübt hat. Der Stadtfricde war Königs-sricde, auch Gottesfricde, sein Symbol meist ein Kreuz,das Stadtkren-,. S. 131 132.

Die Selbstständigkeu einer Stadt bestimmte sich nach

den Befugnissen, welche der die Stadtgemeinde vertretendeBürgeransschuß, der Rath, entweder rechtlich besaß oderdoch thatsächlich ausübte. Der von dem Stadtherrn be-stellte Richter oder Vogt war nur dem Nanun nach dasOberhaupt. Der Rath brachte gewöhnlich die Gerichts-barkeit an sich, ihm stand die Ausübung der erworbenenHoheitsrcchte zu, die Verwaltung der Finanzen und desstädtischen Grundbesitzes er war kommunales Ver-waltungsorgan. In Handelsstädten hatte er, zumeistaus Kaufleuten bestehend, aristokratisches Gepräge, angewerblichen Orten eigneten sich die Innungen die Stadt-regierung an, herrschte die Demokratie. Eine gemischteStadtverfassung bildete sich dort aus, wo die Zünfte demaristokratischen Rath das Gleichgewicht hielten. Die Be-seitigung einer alten Negicrungsform und die Einführungeiner neuen war oft mit schweren Verwicklungen und heißenKämpfen verbunden. S. 133 135.

Die deutschen Städte haben Dank den Fortschrittender Volkswirthschaft im 13. Jahrhundert ihre Vorblütheerreicht, aber noch nicht ihreBlüthe", wie Michael will.Die Existenz des städtischen Marktes hat den endlichenSieg der Geldwirthschaft über die bisher vorherrschendeNatnralwirthschaft entschieden. Deuten auch die Ab-lösungen der Hörigkeitsabgaben durch Geld im 10. Jahr-hundert auf die ersten Anfänge der Geldwirthschaft hin,so haben diese Spuren der neuen Wirthschaftsordnungnur sehr allmählich und durch die Vermittlung von lang-wierigen -Entwicklungsstadicn um die Wende des 12. und13. Jahrhunderts sich Bahn gebrochen. S. 136.

Meisterhaft inhaltlich wie formell faßt der Verfasserzusammen:Es war im Anschluß an die großartigenErfolge, welche die Arbeit des Landmannes begleiteten,auf dem gesummten wirthschaftlichen Gebiete ein Um-schwung der Dinge eingetreten, wie er bisher in derGeschichte des deutschen Volkes unerhört gewesen, einUmschwung, der nicht bloß dem Jahrhundert, in welchemer sich vollzog, sein Gepräge verliehen hat, sondern derdem Leben der Nation auf weit hinaus eine bestimmendeRichtung geben mußte."

Die Wirkungen des Ucbergangcs von der Natnral-wirthschaft znr Geldwirthschaft, von der hofrechtlichcnVerfassung zum Städtewcscn, können nicht sticht über-schätzt werden. Die reine Natnralwirthschaft ist ge-schlossene Hans- und Hofwirthschaft, ist Eigenwirthschaft.Gütertausch war hier eine Ausnahme. Mit der durchdie Städte aufkommenden Gcldwirthschaft trat Arbeits-thcilung und damit grundsätzliche Scheidung der Berufeein. So entstand der Beruf der Handwerker, der Kauf-leute, der freien Taglöhner. Damit war die Möglich-keit größerer Vervollkommnung der einzelnen Zweige, dieSteigerung der Ansprüche und die Befriedigung höhererForderungen gegeben. Die Verkchrsform zwischen Stadtund Land wurde das Marktwesen und der Preismaß-stab das Geld, welches die Kapitalbildnng ermöglichte.S. 136-137.

Durch die Gcldwirthschaft sind auch andere Formenmenschlichen Strebens, und menschlicher Thätigkeit insLeben getreten. Bis zum 13. Jahrhundert sind derKlerus und im besondern die Klöster ausschließlich dieTräger der Wissenschaft und der Kunst, die Stättenjeder höheren Cultur gewesen. Der Grund dieser Er-scheinung lag in den wirthschaftlichen Vorbedingungen.Ein auf erhabene Ziele gerichteter Geist muß den Sorgendes Alltaglebens entrückt sein. Laienbildung war alsoerst denkbar, als der Einzelne durch die Geldwirthschaft