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ES beruhte also im Mittelalter wie der landwirth-schaftliche Betrieb, so auch der gewerbliche auf der Ver-einigung von Kapital und Arbeit. Die Arbeitskraft warnoch nicht gezwungen, sich gegen die Abschlagszahlungeines Lohnes an das Kapital zu verkaufen. Wer durchunlautere Mittel sich bereichern wollte, den schloß diechristliche Gesellschaft aus ihrer Mitte aus. S. 157.
Zur Zunft wurden außer den Familienangehörigenauch die Gesellen und Lehrlinge gerechnet. Eine Schei-dung zwischen Geselle und Lehrling ist selten möglich vor1300. Man verstand darunter die jungen Leute, welchesich befähigen sollten, ihr Gewerbe meistens selbstständigauszuüben. Der Meister hatte die Pflicht, für tüchtigeSchulung seiner Pfleglinge zu sorgen, vor allem aberihre sittliche Führung zu überwachen. Mit dem Ver-fasser dürfen wir das vorgeführte Verhältniß als einpatriarchalisches bezeichnen; aber in der Praxis ist esauch hier nichts damit, sowenig wie mit dem „wahrhaftpatriarchalischen Gepräge" der Hofgenossenschaft. S. 53,157—158. Die Länge der Lehrlingszeit hing von derVereinbarung ab. Nachdrücklich verboten ist die eigen-mächtige Lösung des Vertrages. Von einem Meisterstückder Gesellen ist in den Urkunden des 13. Jahrhundertsnoch nichts zu finden. S. 158 — 159.
Die Zünfte boten im 13. Jahrhundert das Schau-spiel edlen Ringens. Ihr größtes Verdienst war dieHeranbildung eines kräftigen Bürgerthums. Der Corps-geist des deutschen JnnungSwescns fand Nahrung darin,daß die gleichartigen Zünfte verschiedener Städte desIn- und Auslandes stets eine gewisse Verbindung mit-einander unterhielten. Auf der wirthschaftlichen undsocialen Grundlage des Zunftwesens hat das Mittelaltereine in ihrer Art vollendete Organisation der Arbeit undder politischen Gemeinschaft aufgebaut. Dieser Zustandtrat indessen erst ein, als durch den Aufschwung desHandwerkes das bewegliche Kapital in gewerblicher Hin-sicht dem Grund und Boden gleichgestellt war, und alsdie politische Gleichstellung der Patrizier mit den Hand-werkern der wirthschaftlichen folgen mußte. Der Aus-druck dieser inneren Nothwendigkeit waren die Zunft-unruhen, welche fast überall zu Anfang des 14. Jahr-hunderts ausbrachen und einen natürlichen Abschluß inder Entwicklung der deutschen Städte herbeigeführt haben.Von nun an hörten die Patrizier auf, allein Bürger zusein. Es erwuchs ein neuer Bürgerstand, der sich ausden Geschlechtern, den Gewerbetreibenden und den Handels-leuten zusammensetzte. S. 159—162(Fortsetzung folgt.)
Zum hundertjährigen Geburtstag der größtenspanischen Dichterin dieses Jahrhunderts.
(Schluß.)
Zahlreiche spanische Volkslieder finden wir in derFernan Caballcro'sch cn Sammlung der irdi schcn Liebegewidmet, doch ist in keinem derselben die Liebe zu einemMenschen über die Liebe zu Gott gestellt. Im Gegen-theil, die Seele gehört immer Gott zuerst, und es wirdals Sünde betrachtet, jemanden mehr als die Jungfrauvorn Berge Karmcl zu lieben. Ja, diese wird geradezuum ihre Hilfe beim Gesang der Liebeskinder angerufen:
..Gib mir, Mutter von dem Karmel,
Anmuth, Witz und Feine,
Denn das Singen fordert deren.
Und ich habe keine." ?')
Ohne jegliche böse Absicht mischt das spanische Volkselbst die Namen der allcrheiligsten Dreifaltigkeit in der-artige Reime. So beginnt z. B. in der durch FernanCaballero bethätigten Sammlung von Ständchen gleichdas erste Lied mit den Worten:
„In dem Namen unseres GottesUnd des heiligen Geistes bringeIch das erste Lied dir dar.
Das an deiner Thür ich singe."
Von den religiösen Liedern ihres Volkes, welche unsFernan Caballero gesammelt hat, beziehen sich weitausdie meisten auf die allerseligste Jungfrau Maria; dennes ist eine allgemein bekannte Sache, mit welcher Ver-ehrung und Liebe der Spanier der Gottesmuttter zuge-than ist; besonders gilt dies vom Geheimnisse der „Un-befleckten Empfängniß":
„An der Schwalbe, sagen sie.
Ist die Brust von weißer Art;
Und ich sage, daß MariaOhne Sünde empfangen ward."
Gar lieblich und kindlich sind ferner die Weihnachts-lieder, bei deren Lesung ich mich unwillkürlich der nenpro-ven^alischen Wcihnachtslieder des südfranzösischen PfarrersLambcrt") erinnerte.
Man kommt da wirklich in Verlegenheit, welchesman aus denselben zur Probe herausgreifen soll. Ichwähle nachstehendes, das mich besonders anmuthet, aus:
„Eine Pandereta (— Tambourin) klinget.
Weiß doch nicht, wohin sie gehet;
Bis sie vor der Thür dort stehet.
Bei dem Sang des InstrumentesTritt St. Joseph in die Thür:
Wecket doch nicht meinen Knaben,
Denn er schläft ein wenig hier.
Eingesungen hält im ArmeIhn die Mutter hold und rein:
Sang so süße, daß selbst ruhigGott dabei konnt' schlafen ein."
Mit sehr großem Interesse wird vor allem derDeutsche die spanischen Volks- und Kindermärchenunserer Dichterin lesen; denn in denselben weht unver-kennbar deutsche Geistes- und Gemüthsart. Man kanndieselben füglich in drei Klassen eintheilen:^) erstens inErzählungen von religiösem Inhalte mit besonderermoralischer Tendenz, in Spanien Ejemplos genannt, wiez. B.: „Wenn es Gott gefällt", „Das Vertrauen zuden Heiligen"; zweitens Kindermärchen, z. B. „FrauFortuna und Herr Geld", und drittens eigentliche Vvlks-crzählungen im engeren Sinne, z. B. „Die Ritter vomFisch". Was einstens die Gebrüder Grimm bei Heraus-gabe ihrer Sammlung deutscher Haus- und Kinder-märchen sagten, die Poesie derselben sei so schön, daßman ihr wider Willen zugethan sein müsse, und ihrpoetischer Inhalt bedürfe keiner Vertheidigung, darf wohlauch hier gesagt werden. Fernan Caballero hat sich
") Fernan Caballero, die gründliche Kennerin desandalnsischen Volksgeistes, versichert ausdrücklich, daßbeim Singen dieser und ähnlicher Lieder von ihren Lands-leuten keine Jrreverenz gegen Heiliges beabsichtigt sei.
") „Bethlehem. " Aus den neuprovenoalischen Weih-uachtsliedern des Pfarrers Lambert. Ausgewählt undfrei übertragen von W. Kreiten, 8. 1. Freiburg, Herder, 1882.
'') Hosäns, t. o. S. 138.