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durch deren Aufzeichnung unstreitig ein großes Verdiensterworben, zumal da sie hiebet ebensoviel poetischen Ge-schmack als geschichtlichen Sinn an den Tag gelegt hat.
Von den Lebensschicksalen Fernan Caballcro's wärenoch nachzutragen: Nach dem Tode ihres dritten Ge-mahls, des Advokaten Antonio de Arrom, der 1863durch Selbstmord endete, veränderten sich ihre materiellenVerhältnisse gar sehr zu ihren Ungunsten. Zum Glückwurde ihr die Erziehung der königlichen Kinder über-tragen, jedoch wegen Krankheit mußte sie diesen Postenbald wieder aufgeben; doch verblieb ihr bis zu ihremLebensende eine freie Wohnung im AlcLznr in Sevilla zugewiesen. Bald hier, bald in Pucrto de Santa Mariabei Cadiz in stiller Zurückgezogenheit lebend, widmete sichunsere Dichterin bis zu ihrem am 7. April 1877 zuSevilla erfolgten Tode der Schriftstcllerei. Ihr An-denken wird bei allen, die den hohen Werth der guten,christlichen Literatur zu schätzen wissen, ein gesegnetesbleiben, und es wäre nur zu wünschen, daß auch inDeutschland ihre Werke immer mehr bekannt würden.Wer die spanische Sprache lernt oder nach Spanien reisen will, dem ist vor allem die Lektüre sämmtlicherSchriften unserer großen spanischen Dichterin FeruanCaballero würmstens zu empfehlen; doch auch diejenigen,welche der wohlklingenden spanischen Sprache nicht mächtigsind, werden in der Lektüre ihrer Werke, soweit dieselbenbereits ins Deutsche übersetzt sind, den herrlichsten geist-igen Genuß finden. Nimm einmal und lies die SchriftenFernan Caballcro's, und du wirst dich, freundlicher Leser,von der Wahrheit des Gesagten überzeugen!
Forschungen zur bayerischen Geschichte.
-n. Unter diesem Titel veröffentlicht Dr. Natzinger*)eine Reihe von Untersuchungen hauptsächlich über diemittelalterliche Geschichte Bayerns . Die erste Hälftedes Werkes bildet die Geschichte des Passaucr DekansAlbert Böheim, des seit Aventins parteiischer Dar-stellung so berüchtigten päpstlichen Legaten und GegnersFriedrichs II. Natzinger bietet hier mit Heranziehungdes gesammteu einschlägigen Quellenmaterials und unterDarlegung der damaligen Zeitvcrhältuisse ein anschaulichesBild von dem Leben und Wirken jenes Mannes, dessenVerwandtschaft mit deni bayerischen Hcrzogshaus (Albertwar wahrscheinlich Taufpathe Herzog Ötto's II.) imNachtrag, S. 628 ff., eine eigene Erörterung gewidmetist. — Die zweite Hälfte des Werkes enthält 14 ge-sammelte Abhandlungen. Die erste derselben betrifft dasalte römische Bisthum Lorch (staariaaum), dessen Zu-sammenhang mit dem späteren Bisthum Passau der Ver-fasser nachzuweisen sucht. Die in Passau verfertigtenfalschen Papstbullen, die den Nachweis erbringen sollten,daß Lorch und ebenso Passau in den ersten Zeiten einErzbisthum gewesen, werden zum größten Theil mit demProjekt der Errichtung eines Bisthums Wien unterdem Passauer Bischof Wolfger (1191 — 1204) in Ver-bindung gebracht. Mit diesem Projekt beschäftigt sich dienächste Abhandlung eingehender. Die Errichtung einesWiener Bisthums wurde besonders von den BabenbcrgerHerzogen Leopold dem Glorreichen c. 1208 und Fried-rich II. c. 1244 eifrig betrieben, doch ohne Erfolg. DasBisthum wurde bekanntlich erst 1468 gegründet.
Die nächstfolgenden Abhandlungen beziehen sich haupt-
"1 Forschungen zur bayerischen Geschichte von Dr. G.Natzinger. Kcmpten, Jos. Kösel. 1898. VIII n. 653 S.
sächlich auf die ältere Kircheugcschichte Bayerns, die jawegen Mangels an genügenden Quellen noch sehr imDunkel liegt. Bietet der erste dieser Aufsätze über die„älteste Reliquienverehruug in Bayern" schonmanches Interessante, so ist besonders der folgende: Zurälteren Kirchengerichte Bayerns beachtenswert!).Auf Grund der vor 15 Jahren veröffentlichten Grazervita 8. Ruperti weist der Verfasser nach, daß Rupertnicht als Apostel der Bayern , die schon im 6. Jahr-hundert bekehrt wurden, sondern als Klostergründer zubetrachten ist. Ferner wird hier die Bedeutung des hl.Valentin gewürdigt, der nicht bloß ein Tiroler „Lokal-heiliger" sei, wie die moderne Kritik will, sondern seineWirksamkeit im 5. Jahrhundert auf ganz Rätien erstreckte.— Nach einer Geschichte der Marienfcste inBayern , worin die Einführung und Feier der ein-zelnen Feste besprochen wird, folgen zwei Abhandlungen,die über noch wenig erforschte Partien der bayerischenKirchengeschichte unter den Agilolfiugcrn Licht verbreiten:Quirinus und Arsacius , die Schutzpatrone von Te-gernsee und Jlmünster, und der bayerische Kirchen-streit unter dem letzten Agilolfinger. ErstereAbhandlung verbreitet sich über die Translation jenerHeiligen aus Rom sowie über die Grüudungsgeschichteder beiden Klöster im 8. Jahrhundert durch die Huosier,die muthmaßlichen Vorfahren der Schyreu-Wittelsbacher.Der andere Aufsatz beleuchtet den Streit zwischen demgermanischen Eigenkircheusystem und der römisch-kanon-istischen Auffassung von der Verwaltung des gestimmtenKirchenvermögeus durch den Bischof, den Streit zwischenden bayerischen Klöstern und fränkischen Bischöfen. DerUmstand, daß in diesem Streit Herzog Tassilo mehr aufSeite der Klöster stand, während Karl der Große diePartei der Bischöfe ergriff, habe wesentlich zum Sturzedes letzten Agilolfingers beigetragen.
Die folgende Erörterung handelt über die socialeBedeutung des hl. Frauziskus, dessen Orden dieVermittlerrolle zwischen Luxus und Elend zu übernehmenbestimmt war. In Verbindung mit diesem Aufsatz stehtder nächste über die Anfänge der Bettelorden inder Diöcese Pas sau im 13. Jahrhundert.
Auf Grund der Werke Nidharts von Rcueuthal,Wernhers des Gärtners u. a. entwirft Natzinger sodanneine Schilderung über bäuerliches Leben im 13.Jahrhundert. — Ein bayerisch -mailändischerBriefwechsel aus dem 12. Jahrhundert, zwischen demBiographen Gregors VII. , Paul von Vermied, nebstseinem Schüler Gebhard, den Gründern von St. Mangin Stadtamhof » und dem Schatzmeister des MailänderDamkapitels, Martin, ist nicht nur in theologischer, son-dern auch in culturgeschichtlicher Hinsicht merkwürdig. Ergibt Aufschlüsse über die Thätigkeit lomb (irdischerBauinnungcn in Bayern , besonders über die derBauarbeiter von Como. Man ließ in Bayern im Mittel-alter für Steinbauten meist italienische Baumeisterkommen; daher die vielen Nachahmungen italienischerKirchen bei uns.
Die vorletzte Abhandlung beschäftigt sich mit derWürde des Diakonats in der altchristlicheu Kirche undbekämpft besonders die Auffassung, daß unter den imersten Briefe an Timotheus (3, 11) erwähnten Dia-konissen Frauen der Diakonen zu verstehen seien; es seiendies vielmehr weibliche Diakonen, Jungfrauen oder Witt-wen. Daran schließt sich eine Erörterung über städtischeGemeiudearmenpflege im Mittelalter; Per«