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fasser weist die protestantische Ansicht zurück, die eine ge-ordnete Armenpflege als Verdienst Luthers und der Re-formation hinzustellen beliebt. Es gab Armen- undAlmosenordunngcn schon lange vor Luther . — Den Schlußbildet eine Erörterung über das Projekt eines Mün-chener Bisthums, das zuerst 1579 unter HerzogWilhelm V. ins Auge gefaßt, von den Kurfürsten Fer-dinand Maria 1678, Max Emanuel 1696 wieder auf-genommen wurde, aber nicht zur Ausführung kam.
So bietet das Werk genug des Interessanten undAnregenden, nicht nur für den Fachmann, sondern fürjeden Gebildeten, und wird jedem Freunde der bayerischenGeschichte willkommen sein.
vr. xkil. Emil Wahrendorp's Broschüre„Katholicismus als Fortschrittsprincip".
" Unlängst fiel uns ein Flugblatt „des (jüdisch-frei-maurcrischcn — s. „A- Postztg." 1897 Nr. 131 —) Verlagesder Handclsdruckerei in Bamberg" in die Hände, inwelchem in großsprecherischer Weise die oben angeführteBroschüre dem Lesepublikmn empfohlen und namentlichauf die 2. Auflage derselben aufmerksam gemacht wird,„die wegen der Behandlung verschiedener, die Frauen-welt angehender hochwichtiger Fragen auch diese mitInteresse lesen wird". Zum Schlüsse heißt es: „DieseBroschüre wird in der bevorstehenden Wintersaison wegenihres außerordentlich gediegenen wie sachlich gehaltenenInhalts und ihrer hervorragend vornehmen, ruhigenDiction zweifellos in allen Gesellschaftskreisenden Mittelpunkt der Konversation bilden."Kann man in der Anpreisung einer simplen Broschürenoch mehr leisten ? Referenzen stehen der Broschüre zur Seitevon den „Münchener Neuesten Nachrichten", vom „DasMenfchenthum", „Der Freidenker", „Volks-Frühling" u. a.geistesverwandten Zeitungen, in welchen die deutscheSprache zu einer grotesken Lobhudelei mißbraucht wird.Durch all' das auf's höchste neugierig gemacht, wolltenauch wir die Frucht der „gereiften Wißcnschaft" des Hrn.Wahrendorp, leine Schrift, „welche vom wissenschaftlichenStandpunkte aus dem Würzburger Theologen (Dr. Schell)entgegentritt" und keineswegs ein Zeugniß für die eigene„geistige Jnfcriorität" des Verfassers ist, wohl aber die„vieler katholischer Theologen" brandmarkt, kennen lernen.Die hochwichtigen, die Frauenwelt interessircndenFragen konnten wir missen, darum genügte uns auch die1. Auflage dieser „lehrreichen" Broschüre, um in ruhiger,vornrtheilsloser Lcctüre uns ein Urtheil zu bilden über„die rein sachliche und vornehme Ausführung, womit derVerfasser mit „„Virtuosität"" die Unrichtigkeit und Un-haltbarkcit der Schell'schen These nachweist".
Wer ist nun Herr Wahrendorp? Wenn es wahr ist,daß er dem auScrwählten Gottesvolke angehört, dannist er allerdings berufen, berechtigt und überaus geeignet,über katholische Dinge mit einzigartigem Verständnisseund genauester Sachkenntniß abzusprechen und der kathol-ischen Kirche den Text zu lesen und auch „die orthodox-protestantische Theologie nicht zu schonen".
Doch, besehen wir- uns sein Machwerk etwas genauer,so finden wir, daß es von Entstellungen und Unrichtig-keiten strotzt, an denen der Verfasser trotz aller Richtig-stellung in öffentlichen Blättern hartnäckig festhält.
Die Broschüre ist von einem vollständig religionslosenStandpunkte aus geschrieben; die Anschauungen und Ge-sinnungen des Verfassers sind wohl schon damit genug-sam gekennzeichnet, daß er nur erborgte Brocken ausHeigl, Nivpold, Dnller, Droper< Noack, Scholl, Scherru. ähnl. bietet. Rein formalistisch angesehen, ist sie einkunterbuntes Sammelsurium ohne jegliche Ein- und Ab-theilung und logische Ordnung. Was den Inhalt an-langt, so stößt man in ihr auf Behauptungen, die ent-weder von der pyramidalen Unwissenheit des Verfassersauf religiösem und historischem Gebiete ein glänzendesZeugniß ablegen, oder die rohe Ausgeburt eines von in-fernalem Hasse gegen alles Katholische erfüllten Herzenssind. So heißt es (Seite 9), daß der Papst au jedemCharfrcitag öffentlich und feierlich alle Ketzer .... ver-fluche: (S. 12) daß der römische Katholicismus in Wirk-
lichkeit alle Nichtrömischkatholischen für verloren halte.Der Katholicismus kaun dem Fortschritte nicht dienenund die Cultur nicht fördern; die Wege der Cultur undder Religion kreuzen sich (S. 17 f.); alle Religionen sindbildungsfeindlich (Seite 19)-, Religion und Wissenschaft,Glaube und Wissen haben sich noch nie anders, als wieFeuer und Wasser vertragen (S. 33 f.). So lange esMenschen gibt, waren Religionen stets das größte undstärkste Hinderniß jeglichen Fortschrittes (S. 53).
Daß zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem In-halte der göttlichen Offenbarung und den sicheren Ergeb-nissen menschlichen Wissens, zwischen Katholicismus undWissenschaft in unsern Tagen lein Widerspruch besteht,daß, wo der Glaube herrscht, auch das Wissen gedeihenkaun, das beweisen uns doch die Schriften so vielerkatholischer, glanbenstreucr Gelehrten der Jetztzeit, diesich über alle Gebiete menschlichen Wissens verbreiten.Von solchen Schriften und Männern wird allerdings-iöerr Wahrendorp keine Kenntniß haben, daher existirensie für ihn auch nicht, wohl aber „die Bildungsfeindlich-keit der katholischen Kirche". Daß die katholische Kirche im Lause der Jahrhunderte mächtige Bausteine zum Aus-bau wahrer Wissenschaft und Cultur geliefert hat, daserzählen uns die Blätter der Geschichte, das verkündenuns die großen christlichen Denkmäler vergangener Zeiten.Was hat nur der eine Benedictiner-Orden für Bildungund Gesittung, für Kunst und Handwerk, für Erziehung,Unterricht und Wissenschaft gethan? Was haben Jahr-hunderte lang die zahlreichen Benedictiner - Schulen ge-leistet? Durch sie, sowie durch die wissenschaftlicheThätigkeit dieser eifrigen Mönche wurde in den schreck-lichen Jahrhunderten, die auf die Stürme der Völker-wanderung folgten, die Fackel der Wissenschaft vor demErlöschen bewahrt und die Tradition der wissenschaft-lichen Cultur aus dein Alterthum in die späteren Zeitenhiuübergercttet. Wenn die Renaissance sich berauschtevom Glänze der antiken Wissenschaften und in dem Ge-nusse der römisch-griechischen Redner und Dichter schwelgte,so verdankte sie diese Schätze allein der mühevollen undemsigen Arbeit der Mönche, welche die klassischen Schrift-steller des Alterthums für ihr eigenes Studium sowohlals auch für ihre Schulen brauchten und deßhalb durchunermüdliches Abschreiben vervielfältigten. Das allesscheint der „wohlunterrichtete" Herr Wahrendorp, der stolzund verächtlich auf die Kirche des Mittelalters herab-blickt, nicht zu wissen. Daher möchten wir ihm zur Er-gänzung seines lückenhaften Wissens das Studium nach-stehender Werke auf's angelegentlichste empfehlen: M.Ziegelbauer, Uistoria rsi Utsrarias orclinio 8. Usns-ckioti. HwK. Vinci, st Hsrbixol. 1784. Mabillon, Osstnäiis mcmastiois. Unris 1609. Hurter, Papst Jnno-cenz 111. Band 4. Seite 97 sf. Monta lembert. DieMönche des Abendlandes. Deutsch von K. BrandesRegensburg 1860.
Oder haben sich seine „Wahrheitsliebe" und sein„Gerechtigkeitssinn" gegen ein der Wahrheit entsprechen-des Zeugniß gesträubt? Hat er vielleicht ein besonderesInteresse daran, all' dieses abzuleugnen? Er weiß jadoch, was Goethe sagt: „Das Erste und Letzte, was vomGenie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe."
Trotz seiner „tiefgehenden" kulturgeschichtlichen Studienscheint ihm weikers die allbekannte Thatsache entgangenzu sein, daß aus und neben den Klosterfchulen imkatholischen Mittelalter unter der Aufsicht der Kirche,mit ausdrücklicher Bestätigung der Päpste, mit materiellerund geistiger Unterstützung der Bischöfe und des KlerusWapst Urban V. unterhielt tausend Studirende zu gleichereit auf den verschiedenen Universitäten) sich die großen^ochschulen als die Hochburgen und Centren der Gelehr-samkeit entwickelt haben, um welche sich zahlreiche Jüng-linge fchaarten, um das Gold der Wissenschaft, welchesdie geistige Kraft christlicher Denker zu Tage gefördert,in Empfang zu nehmen, und daß daselbst die großenGeistesherocn des Mittclalters jene Lehrgebäude schufen,die uns heute anmuthen, wie die großen gothischen Domsmit ihren reichen Kunstschätzen, die sie bergen. (Vgl. DieGeschichte der deutschen Universitäten von Georg Kauf-mann. I. u. II. Band. Stuttgart . Cotta. 1888. 1896.Deuiflc, Die Universitäten des Mittelalters bis 1400.Berlin 1885.)
„Es ist eine unbestreitbare Thatsache — schreibt der- Protestant Gnizot im Hinblick auf diese Zeit —. Europas