Ausgabe 
(24.12.1897) 73
 
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S4. Aq. W7.

Lücksbantam: Düm-v, Rümsti wackburammaäbnrskcsbaram,

Lrubz» icavitä-eLIckäm, vsncksV slmürj-lcokrilam.

Den Valmiki will ich preisen, diese süße Nachtigall,

Die der Dichtung Zweig bestiegen, nun in süßer

Töne Schall

Unablässig, nimmermüde ,Rama ' singt mit Widerhall.

ck: So preist der Inder poesievoll, wie er von Hausaus ist, seinen Lieblingsdichter, den Verfasser des herr-lichen Raina-Liedes. Die Hochschätzmig, die dieser Fürstim Reiche der Dichtkunst bei seinem Volke genießt, dieHuldigung, die Jahrhunderte ihm zollen, ist sie nicht zu-gleich ein Ehrenzengniß für das ganze Volk? Ja, derRuhm Valmikis strahlt zurück auf den, so begeistert ihmzujubelt:

Vor dem Hort des reichsten Wissens, vor Valmikis

hehrer Muse,

. Will ich mich zum Gruß verneigen, huldigend zu

frommem Gruße.

Wie Jlias und Odyssee, so gehören auch die zweigroßen indischen Epen, das Mahabharata und dasRamayana, zu den Marksteinen der Weltliteratur.. DieSagenwelt, das Geistesleben, die Bildung und Eigenarteines der merkwürdigsten alten Kulturvölker hat sich darinzu einem großen Gesammtbilde verkörpert, an dem diefolgenden Geschlechter durch mehr als zwei Jahrtausendesich erfreuten und begeisterten, belehrten und heran-schultcn." (Al. Baumgartner.) Das Ramayana (IkLmn-llz'ML-stüvz'nnr ^ das sich auf Rama beziehende Ge-dicht) soll nunmehr zum ersten Mal vollständig in deutscherSprache erscheinen'), und die meisterhafte Uebertragungobiger, der Widmungan den Dichter" entnommenerVerse berechtigt uns zur Annahme, daß der Uebersctzerseiner schwierigen, nicht wenig Geduld erheischenden Auf-gabe -auch gewachsen sein wird.

Mahabharata und Ramayana: was bedeuten dieseWorte für uns? Wir hoffen nicht, daß unter den Leserndieses Blattes solche Barbaren sind, welche das Volk derInder, dem die wohllautendste, reichste und ausgebildctsteSprache eignet, die wir bisher kennen, das Volk, ausdem ein Kalidasa, der Dichter der Sakuntala , hervor-gegangen, kurzer Hand denivrlden Stämmen" zurechnen(eine Ansicht, die man von manchenWilden" unsererUmgebung d. h. von sog.Gebildeten" leider zuweilenhören kann); wir nehmen schon aus Höflichkeit au, daßunsere Leser mit denMarksteinen der Weltliteratur"vertraut sind, gleichwohl befürchten wir, es möchtenManche aus dem litcraturgeschichtlichen Unterricht derMittelschule sich mir eine etwas traumhafte Erinnerungan die beiden WorteMahabharata " undRamayana"bewahrt haben. Es seien darum einige Erörterungengestattet. Das Mahabharata nun, das eine der beidengroßen Heldengedichte der Sanskritlitcratur, ist ein Riesen-werk von 100,000 Doppelversen; es setzt sich aus Theilenvon sehr verschiedenem Werth und Inhalt, von ver-schiedenen Verfassern und weit anseinanderliegenden Ab-

') KLmrlMua: Das Lied vom König ULwa, ein alt-indisches Heldengedicht des VSlrmüi in sieben Büchern,zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, eingeleitet undangemerkt von vr. I. Menrad, k. b. Gymnasiallehrer.1. Band. 12°. Ist! -s- 307 SS. M. 4,80. München , Th.Ackermann, 1897.

fassungszeiten zusammen. Ihm gehört z. B. an dienamentlich durch Nückert bekannt gewordene reizendeExisodeNala und Damayanti", das liebliche Savitri-Idyll, ferner derRaub der Draupadi" sowie die hoch-berühmteBhagavad - gita ", ein tiefernstes, erhabenesLehrgedicht?) von A. W. von Schlegel meisterhaft insLateinische übersetzt. Das Ramayana, das anderegroße Epos der Inder, ist ein Knnstgedicht von einheit-lichem Gepräge; als sein Verfasser wird Valmiki genannt.Eine ausführliche Inhaltsangabe gibt Herm. Jacobs(Das vamü^ana: Geschichte und Inhalt, nebst Con-cordanz der gedruckten Recensionen. 1893. S. 140 bis208), sowie das feinsinnige, ausgezeichnete WerkDasLümüyana und die Hünm-Literatur der Inder" (Frci-bnrg, Herder, 1894) des deutschen Jesuiten k. Al.Baumgartner (S. 140208). Wir geben hier denInhalt der sieben Bücher (nach vr. Menrad, S. XV)in gedrungener Kürze''):

In Ayodhya (jetzt Oudh), der Hauptstadt des blühen-den Reiches der Koealer, regiert der vortreffliche KönigDac'-aratha aus der almenreichen Dynastie der zzkshvakuidenoder Raghuideu, die ihr Geschlecht bis auf Brahma selbstzurückführen. Seinem Glück fehlt nur ein männlicherNachkomme. Endlich erhält er durch ein Roßopfer nichtnur einen, sondern vier Söhne: Nama von seiner vor-nehmsten Gemahlin Kau<?al>,a. dann Bharata von seinerzweiten Gattin Kaikeyi (d. i. Tochter des Kekaycrfürsten),Lakshmana und Oatrughna von der dritten, Snmitra. Derälteste, Rama nach späterer Auffassung eine Inkarna-tion des Gottes Nishnu entzückt Hos und Land durchseine Vorzüge. Er wird mit Sita vermählt, der TochterDshanakas, des benachbarten Königs von Mithila, derdieselbe erst als Mägdlein beim Ackern in einer Furchegesunden und ihr nach dieser den Namen (sita Furche)gegeben hat. Daearatha will seinem Sohne Rama schonbei Lebzeiten Thron und Reich übertragen, allein einePalastintrigue durchkreuzt seinen Plan. Kaikeyi, diezweite Gemahlin Dayaratbas, hintertreibt die Königs-würde Raums und weiß den König, der ihr einst die Ge-währung zweier Wünsche feierlich versprochen, zu bestim-men, ihren eigenen Sohn Bharata zum König zu weihen,Nama aber aus 14 Jahre in den Wald zu verbannen.Gelassen fügt sich Raum aus Achtung vor seines VatersWillen in sein Geschick: dem alten König aber bricht dieTrennung von seinem ältesten Sohne das Herz. Sita, Rama und fein unzertrennlicher Lieblingsbruder Lakshmana ziehen in den Wald und erbauen sich in der Nähe derUaMuna am Berge Tshitrakuta eine Einsiedelei. Der zumThron bestimmte Bharata will aber die Regierung nichtübernehmen und sucht Rama auf, um ihn. zurückzuführen.Ein cdelmüthiger Wettstreit entspinnt sich zwischen denbeiden Brüdern. Rama bleibt fest in seinem Entschlüsse,das seinem Vater gegebene Versprechen zu halten, bisBharata zuletzt sich seine Sandalen erbittet, um sie alsSymbol der Herrschaft auf den Thron von Ayodhya zulegen, während er selbst Nandikramä zu seinem Herrscher-sitz erwählt. Bald daraus wenden sich die Einsiedler inRaums Nachbarschaft au diesen um Schutz gegen dämon-

2) Wilhelm von Humboldt wurde davon so tiefergriffen, daß er an Gcntz schrieb: er danke Gott, daßer ihn so Imme habe leben lassen, um dieses Gedicht lesenzu können. Vergl. das vortreffliche Werk: Schröder»Indiens Literatur und Cultur (Leipzig 1887) S. 694.Die auffallenden Anklänge der philosophischen Lehrendieses merkwürdigen Gedichtes mit christlichen Grund-sätzen hat Lorinser so weit als möglich erörtert. Vorneueren Versuchen, theosophisch-spiritistische Hirngespinnstedaniit zu verquicken, muß man warnen. Diese Bestreb-ungen, die mit einer gewissen Schwindlerin Blavatzky inZusammenhang gebracht werden, stehen nicht mehr aufdem Boden sonder Forschung.

") Aus typographischen Rücksichten können wir derTransscription des Verfassers nicht durchweg folgen.