Ausgabe 
(24.12.1897) 73
 
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ische Unholde, die sie bei ihren frommen Uebungen undOpfern stören. Rama muß sich aus der Ruhe der Wald-einsamkeit zu voller Thätigkeit aufraffen und den Kampfmit verschiedenen Recken bestehen. Zwar geht er alsSieger aus demselben hervor, jedoch verwickelt er sich da-durch in einen Streit von größerem Umfange, da dermächtigste aller Dämonen Ravana , der Beherrscher derJnselsiadt Lanka (Ceylon?), Rache für die erschlagenenVerwandten zu nehmen sinnt. Zunächst gelingt es dem-selben, Raums Gattin Sita durch List zu entführen.Lange bleiben die Versuche des klagenden Helden, eineSpur seiner geraubten Gattin zu entdecken, erfolglos.Endlich kommt er seinem Ziele näher durch ein Bündnißmit dem Affenfürsten Sngriva, den er von seinem BruderBalin, der lencm Thron und Gattin geraubt, durch Er-legung desselben befreit. Sugrivas tüchtigem Oberfeld-herrn Hanumant gelingt es nun, Sitas Aufenthalt aus-findig zu machen, durch einen Sprung über das Meer zuihr selbst zu gelangen und ihr Nachricht von ihrem Gemahlzu geben, wobei er die Lage der feindlichen Stadt aus-kundschaftet. Nach mancherlei Abenteuern kommt Hanu-mant zu dem auf dem Festlande seiner harrenden Heerezurück. Nun rüstet man auf beiden Seiten zum Ent-scheidungskampfe. Von den Affen wird das Materialzur Erbauung einer Brücke vom Festland nach Lankaherbeigeschafft, so daß das Heer vor die feindliche Stadtrücken kann. Nach zahlreichen Einzelkämpfen und Schlachtender verschiedensten Art wird Ravana endlich von Ramadurch das furchtbare Brahmageschoß mitten ins Herz ge-troffen. Ravanas Bruder, Vibhishana, der beim Kampfeauf Seiten Raums gestanden, wird vom Sieger als Königvon Lanka eingesetzt. Die Vereinigung der Gatten erfolgtaber erst, als der Feucrgott Agni feierlichst ein Zeuginßfür die unversehrte Reinheit und Treue Sitas ablegt,worauf der sieggekrönte Herrscher nach Ayodhya heim-kehrt und die Regierung antritt. Damit wäre die Hand-lung zu einem genügenden Abschluß gekommen. Alleineine spätere Fortsetzung das 7. Buch läßt nach weit-läufigen Mythen und Genealogien (besonders der Ra-vanas ) in Raum noch einmal Zweifel an Sitas Reinheitaufkommen. Sie wird von ihrem Gemahl gelegentlicheines Waldaufenthaltes verstoßen und gebiert dort dieZwillinge Kn?a und Lava, die beim Einsiedler-DichterValmiki Aufnahme und Pflege finden, bis sie herange-wachsen ihrem Vater seine Thaten nach dem von ihremMeister geschaffenen Gedicht vortragen. Rama ist zurWiederaufnahme seiner Gattin bereit, wenn sie sich durcheinen Eid von jenem Verdacht reinigt; Sita aber ruftdie Erde an und wird von ihr in die Unterwelt entrückt.Rama wird auf eine Wiedervereinigung mit ihr in derHimmelswelt vertröstet, und diese erfolgt endlich, als eram Flusse Sarayn als Vifhnn wieder göttliche Gestaltannimmt und für sich und sein sämmtliches Gefolge Auf-nahme in den Himmel findet.

Das ist der Inhalt des Rama-Licdes, das in siebenBüchern 24,000 Doppclverfe zu je 16 Silben, also48,000 V'erszeilen umfaßt, somit weit hinter dem unge-heueren Umfang des Mahabharata zurückbleibt, aber dochdie beiden homerischen Epen, die zusammen 27,800 Vers-zeilen (Hexameter) zählen, an Verszahl fast ums Dop-pelte übertrifft. Die Abfassnngszeit des Gedichtes fälltnach Jacobis Untersuchungen zwischen das 8. und 5.Jahrhundert v. Chr. und sein Inhalt war in der Folge-zeit der unversicgliche Born für Kuustdichtnugen ver-schiedener Art: das Nama-Lied spiegelt sich wieder ineiner Episode des Mahabharata und in den Purauas,sowie in der buddhistischen Literatur als Dcitzaratha-Dschataka; eines der schönsten späteren Kunstepen, dasNaghnvan^a des unvergleichlichen Dichters Kalidasa , be-handelt den Sagenkreis des Ramayana; ein ganz ab-sonderliches Kunststück ist das Bhattikavha, das die Nama-Geschichte zu einem Lehrgedicht von 1521 Versen ver-arbeitet, die den Zweck haben, die Formenlehre derSaiiskriLgrammatik darzustellen; endlich trat die Nama-sage auch in zahlreichen Schauspielen auf die Bühneund fand in den Volkssprachen Indiens Bearbeitungen;

ja heute noch tragen in Indien Rhapsoden Stücke ausdem Namahana öffentlich vor.Z

Ueber den poetischen Werth des Ramayana urtheiltein Kenner, wie Monier Williams (Inäian opic poer >

?. 12), daß es im ganzen Umfang der Sanskritliteraturkein schöneres Gedicht gibt; man begreift, was das beißenwill, wenn man weiß, daß schon der Araber Alberuni die Sanskritliteratur als unermeßlich reich bezeichnet hat.Die wunderbar abgeklärte, ideale Schönheit hellenischerDichtung dürfen wir freilich vom N...nayana nicht er-warten; das strenge Ebenmaß und das harmonische Ver-hältniß zwischen Form und Inhalt konnte nur das Vollleisten, das überhaupt an künstlerischem Gefühl einzigund unübertroffen in der Culturgeschichte dasteht, dieGriechen. Dafür aber hat das Ramayana andere, eigen-artige Schönheiten. Eine uns neue Welt voll üppigerZauberpracht, gleich dem indischen Urwald voll be-rauschenden Blüthenduftes, enthüllt sich unserm staunen-den Auge, eine fremde Welt, oft durch maßlose, groteskePhantastik unsern Anschauungen widerstrebend, oft aberauch eine überraschende Gemeinsamkeit des Empfindensund Denkens offenbarend, wie sie eben das Band derBlutsverwandtschaft zwischen zwei Völkerstämmen bezeugt.Mit Meisterschaft handhabt der Dichter die Knnstmitteldes sprachlichen Ausdruckes, klar und einfach, von klas-sischer Reinheit und einschmeichelndem Wohlklaug ist seinStil, reich an feinen Zügen echt poetischen Gefühls.Ueberans zart sind besonders die Naturschildernngen, voneiner Pracht und eigenartigen Schönheit, wie wir sie beiGriechen und Römern nirgends finden, denen man jadeßhalb den Sinn für ästhetische Naturbctrachtung gänz-lich abgesprochen hat. In der indischen Dichtkunst da-gegen überrascht uns, mächtig anheimelnd, ein intimesLeben mit Thier- und Pflanzenwelt, eine aus religiösemGrunde hervorgewachsene poetische Liebe und Andacht zurNatur, die als mitfühlende Theilnehmerin an den Leidenund Freuden des Menschen gedacht ist. Aber auch indie Regungen des Mcnscheuherzens weiß der Dichter mittiefem Blick einzudringen; scharf und treffend ist seineCharakteristik der Personen: in Sita hat er uns viel-leicht das schönste Frauenbild der indischen Literatur ge-zeichnet, voll hingebender Zartheit und heldenhafter Opfer-freudigkeit ; in Da^aratha spiegelt sich Vaterlandsliebe, inLakshmana treueste Bruderliebe in ergreifender Weise.(Vgl. Baumgartner SS. 6672.)

Daß ein solches Gedicht werth ist, in deutschem Ge-wände sich Eingang in den Kreis unsererGebildeten"zu bahnen, bedarf wohl keiner Rechtfertigung mehr. Nach-dem es vom Ramayana bereits eine vollständige italien-ische Uebersetzung (mit Text von Gorresio, Paris 1843bis 1858, 10 Bde.), eine französische (von Fauche, Paris 185458) und zwei englische, eine metrische (von Griffith,Benares 187074) und eine prosaische (von ManmathaNath Dutt, Calcutta 189193), gibt, ist es eine Ehren-schuld, das herrliche Gedicht auch unserer Muttersprachezu schenken. Wir heißen darum das Unternehmen desfür Valmikis Kunstwerk begeisterten Ucbersetzers will-kommen und wünschen seiner Arbeit eine gedeihlicheFortsetzung und Vollendung; möge Dr. Menrad bald mitstolzer Genugthuung sich sagen können, er habe den Ge-

*) Vgl. Baumgartner S. 75161. Dazu sind nochzwei vorzügliche Ausgaben neueren Tatnms zu erwähnen:Lriinat ^nckbra ULmäMnaw (VonkatiAiri 1895. 8°. 2 Bde.1645 SS.), die beste Ausgabe des Tclugn-Werkes; fernerdasLetnbanäba" in der Bombayer Ausgabe (497 SSOvon 1895.