Ausgabe 
(24.12.1897) 73
 
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bildeten deutscher Zunge eines der bedeutendsten Werke derWeltliteratur zum ersten Mal in vollständiger deutscher Uebersetzung zugänglich gemacht. Vorläufig liegt unsdas erste Bündchen, das erste Buch des ganzen Gedichtes(Buch der Jugend" dkIn-irLaä»,) enthaltend, in ge-fälliger, vornehmer Ausstattung vor. Das Werk beginntmit einer Lobpreisung des Dichters, die ein spätererVerehrer desselben vorangestellt hat, und welche vr.Menrad (wie die obigen Beispiele zeigen) in form-vollendeten deutschen Versen wiedergibt. Das erste Buchschildert Geburt und Jugendalter des Helden bis Zu seinerVermählung in 77 Abschnitten und 2316 Doppelversen.Das Versmaß des tzloka ist so locker gefügt, daß mandem Uebersetzer wohl beistimmen wird, wenn er inschlichter deutscher Prosa die passendste Umformung desindischen Metrums gesehen hat, da erfahrungsgemäß dieNachbildung des tzloka unserem Geschmacke ebensowenigzusagen würde, wie etwa der uns ebenso fremde epischeHexameter Homers .

Die Uebersetzung ist einfach, klar und fließend; siewird auch dem die besten Dienste leisten können, der sichihrer beim Studium des Urtextes bedient. Sehr lobens-werth ist die übersichtliche Anordnung des Druckes mitden Jnhaltsüberschriften der einzelnen Kapitel. ErklärendeAnmerkungen philologischer, historischer, culturgeschichtlicher,mythologischer Natur, sowie interessante Verweisungen aufParallelen aus der Literatur (z. B. Homer) erleichterndem Leser auf einem ihm doch fremdartigen Gebiete dasVerständniß und beleben den Gang der Rede. Die um-fangreiche Einleitung, die der Herausgeber seiner Ver-deutschung vorausschickt, handelt vom Dichter und derEntstehungszeit des Gedichtes, sie bringt eine kritischeBeurtheilung und ästhetische Werthschätznug des Rama-Liedes, führt die Recensionen und Ausgaben an und gibtnamentlich eine dankenswerthe, sehr ausführliche Inhalts-angabe des in die 77 Abschnitte zergliederten ersten Buchesmit einer dispositiven Uebersicht über die Handlung unddie Hauptmomente der Erzählung. Der Uebcrtragung istdie treffliche, mit einer wahrhaft klassischen lateinischenUebersetzung versehene Ausgabe von Aug. W. Schlegel (Bonn 1829 38) zu Grunde gelegt, die leider über diebeiden ersten Bücher nicht hinausgekommen ist. DerUebersetzer spendet dieser Ausgabe in kritischer Hinsichtdas höchste Lob, selbst im Vergleich mit der neuenBombaycr Ausgabe.^) Mag sein. Wenn aber dann diebeiden ersten Bücher übersetzt sind, was dann? Da wirdeben doch nichts anders übrig bleiben, als für die übrigenfünf Bücher entweder selbst einen kritisch bearbeiteten Textherzustellen, eine überaus schwierige und langwierige Vor-arbeit, oder mit der Bombayer Ausgabe vorlicb zu nehmen,die ja auch die nördliche Recension, die ursprünglichere,enthält. Diese vorzügliche Ausgabe umfaßt auch dengroßen Commentar, der jedenfalls unentbehrlich ist. Wersich je mit Lektüre von Sanskrittexten befaßt hat, weiß,wie oft selbst das große Petersburger Wörterbuch insieben Foliobänden im Stiche läßt und der Commentardurch das Synonymon das einzige Rettungsmittel gibt,auf die passende Bedeutung eines Wortes zu kommen.

Als durch die Bemühungen der ersten europäischenSanskritforscher (Chözy, Wilson, Schlegel, Bopp)dem Westen die erste Bekanntschaft mit der- indischen

*) c> t Valmilci, n'itli tlls Oowmsa-

tarx- (Illlaka) ot LLma eckitocl i>x LKsiuLtlr. Lünclui-KiiKLarab. 8". 2 voll. Uombg^ (dlirnava Sahara Liess)1883 (II.).

Literatur vermittelt wurde, da war man freudig über-rascht über diese wahren Perlen der Dichtkunst; kein Ge-ringerer als Goethe hat des Kalidasa Saknntala undMeghaduta jubelnd begrüßt. Nicht weniger verdient dasRamayana unsere Aufmerksamkeit; die Bekanntschaft mitdem indischen Alterthum trägt gewiß zur Veredlung desGeschmackes bei und dürfte doch jedenfalls das Interessedes Gebildeten in Anspruch nehmen, der weiß, daß Jliasund Odyssee, die uns von der Schule her vertraut sind,demselben Kreise indogermanischer Gesittung angehören,wie das indische Epos. Wir schließen mit dem Wunsche,es möchte die woblgelungene Uebertragnng des ersten Buchesmit derselben Begeisterung aufgenommen werden, womitsie unternommen wurde, der beste Lohn für den Heraus-geber und die beste Ermnthigung, die weiteren Theile innicht allzu ferner Zeit folgen zu lassen. Es wäre be-dauerlich, wenn durch die Theilnahmslosigkeit des Publi-kums, das für Schundromane, die heute gefeiert undmorgen vergessen werden, Geld im Ueberfluß hat, dasUnternehmen, ein Meisterwerk der Poesie von unvergäng-lichem Werthe unserer Literatur einzuverleiben, nicht zuEnde geführt werden könnte. Möge die Hoffnung, dieder Herausgeber auf den guten Geschmack der Leser setzt,nicht getäuscht werden l

Geschichte des deutschen Volkes seit dem 13. Jahr-hundert bis zum Ausgaug des Mittelaltersvon Emil Michael 8. lk.

(Fortsetzung.)

3. Handel und Verkehr. Die Hansa.

Deutschlands Handel datirt, abgesehen von dürftigenResten des nie bedeutend gewesenen Verkehrs mit den Römern,von König Heinrich I. an. Man unterschied Händler,welche das Produkt ihres Fleißes selbst auf den Marktbrachten; Krämer, welche im Absatz ihrer Waaren aufeinen örtlich begrenzten Kreis beschränkt waren und unterdem Stadtrath standen; endlich Kaufleute, welche denSchutz des Königs genossen und zu jeder Zeit und anjedem Orte Handel treiben durften. Kaufmannsgildenwaren im 13. Jahrhundert nichts Seltenes mehr. Be-sonders betont war die gesellige Unterhaltung: die reichenKaufleute durften sich fröhliche Gelage öfter und mitgrößerem Aufwande gestatten, als die in beschränkterenVerhältnissen lebenden Handwerker. S. 162 163.

Wie die Zunft, war auch die Gilde eine religiöseBruderschaft und wachte über den Charakter der Mit-glieder, gleichviel ob in Deutschland oder im fernenLissabon. S. 163-164.

Nun folgt das wichtige Kapitel von dem Unter-uehmergewinn, unbestritten eine der schönsten.Seiten dessoviel verlästerten Mittclalters. Einen gerechten Zinshat die Kirche dem Handel, der ja auch werthbildend ist,nie untersagt. Aehnlich ist es auf oem Gebiete desSchuldwesens und des Wechselverkcbrs. Die Anfängedes Wechselrechtcs in Deutschland gehen auf Italien unddas 12. Jahrhundert zurück. S. 164166.

Bezweckten die Kaufmannsgilden den Schutz kauf-männischer Interessen, so strebten die Handelsgesellschaftengenossenschaftlichen Betrieb und prozentualen Antheil derMitglieder am gemeinsamen Gewinn an nach den Ka-pitalseinlagcM. Wirthschaftete einer der Gesellschafter alsGeschäftsführer mit dem gemeinsamen Gute, oder über-trug ein Geschäftsherr einem Andern als Diener seineGüter zu Gewinn oder Verlust, war natürlich auch der