Ausgabe 
(24.12.1897) 73
 
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genossen scheinen die Meinung zu hegen, wenn sie denGlauben an die Existenz des Teufels und seiner Wirk-amkeit, an die Möglichkeit und Wirklichkeit seiner sinnen-älligen Erscheinungen, an Besessenheit u. dgl.ungeheuer-ichen Blödsinn" schelten, so sei dieses volltönende Wortaus ihrem Munde ein vollständiger Ersatz für jedenGegenbeweis. Doch diesewissenschaftliche" Argumen-tation imponirt uns nicht. Die Existenz Satans, dieWirklichkeit seiner Umhüllung in sinnlich wahrnehmbareGestalten, Besessenheit, sein Einfluß auf die Menschen-welt u. dgl. sind in der hl. Schrift ebenso verbürgt, wiedie göttliche Institution der Beschneidung(vgl. Schell, Katholische Dogmatik, II. Bd. S. 257 ff.,322 f.; III. 1 S. 432 f. Heinrich, Dogmatische Theo-logie, V. Bd. S. 580 ff., 590 ff., 779 ff. Hurt er, üls-änlla tbeol. ckoZumtieas p. 389, 991 sgg. n. a.). DaßHerr Wahrendorp auf die Schrift des Herrn ProfessorsLeistle, die unseres Erachtens vielleicht richtiger den TitelDie Besessenheit nach der Schrift- und Väterlehre" tragenund damit auch präciser den Inhalt Darlegung derBesessenheit und einschlägiger Fragen nach der hl. Schriftund altchristlichen Literatur bezeichnen würde, einenLobgesang anstimmen würde, haben wir nicht erwartet,aber auch nicht, daß der ganze Passus über diese Schrifteine Kette von Entstellungen, Verdrehungen und Un-richtigkeiten sei. So wird (S. 49) Herr Pros. Leistleeine Stelle über die wunderähnlichcn Wirkungen Satansin den Mund gelegt, die er als Anschauung andererAutoren (Thomas Ag., Suarez u. a.) durch Citationkennzeichnet. Ja, Herr Wahrendrop ist mit solchpein-licher" Sorgfalt bei der Aushebung dieser Stelle aus dergenannten Schrift vorgegangen, daß er das in ParentheseGesetzte einfach durch Weglassung derselben mit demlaufenden Texte vermischte, so daß die bctr. Stelle da-durch gänzlich unverständlich wird. Solche Textcsmiß-handlnug wird getrieben, um den Autor der vollen Ver-achtung seineskritikfähigen" Publikums preisgeben zukönnen. Dann weist Herr Wahrendorp auf eine Fuß-note in Leistle's Schrift bin und will ihn hier aufeiner horrenden Ungeheuerlichkeit von Aberglauben er-tappt haben. Diese Stelle ist in Herrn Wahrendorp'sBroschüre nicht einmal richtig abgeschrieben; verschwiegenist jedoch, daß Herr Dr. Leistle die ganze Sache aus-drücklich als einen Betrug bezeichnet, der in Frankreich gespielt habe. Das kümmert aber Herrn Wahrendorpnicht, weil es für seinen Zweck, den Dillinger Moral-professor bei demgebildeten", auf Wahrendorp's Wissen-fchaftlichkeit schwörenden Publikum anzuschwärzen, nichtpaßt. Daß Hiebei aber die Wahrheit zu kurz kommt, be-reitet Herrn Wahrendorp, der jarein sachlich" verfährt,keine schlaflose Sekunde, zumal ihm Hiebei seine KenntnißderJesuitenmoral", die nach ihm lehrt:Der Zweckheiligt die Mittel", trefflich zu statten kommt.

Ebenso bat er sich auf S. 50 eine Entstellung erlaubt,so daß der Sinn dessen, was Herr Pros. Leistle anf S. 23feiner Schrift schreibt, unter Wahrendorp'sfachgemäßer"Behandlung ein total anderer geworden ist.

Die Stelle über die sinnlich wahrnehmbaren Er-scheinungsweisen des bösen Geistes entlehnt Hr. Wahren-dorp aus der Frankfurter Zeitung, aus der sie einenRundgang durch alle gesinnungstüchtigen Blätter machte,und zwar mit allen Unrichtigkeiten und Verstümmelungen,obwohl aus dieselben schon in Beilage 16 derAugsburgerPostzeitung" vom 19. März 1897 eine Richtigstellung er-folgte. Es mangelt uns der parlamentarische Ausdruckfür ein solcheswissenschaftliches" Gebahren; wir dürfenes sicherlich eineliterarifche Gaunerei" nennen. Es wurdein der genannten Beilage eigens betont, daß der Verfasserreferire und genau die Fundgnellen (zumeist Vätcr undaltchristliche Kirchenschriftsteller), welche die FrankfurterZeitung unterdrückt hatte, für die von ihm angeführtenErscheinungsweisen angebe, daß also diese Stelle nicht einreines Hirngespinnst des Verfassers sei. Es wurde zudemhervorgehoben, daß Herr Pros. Leistle seine Anschau-ung über die Berichte aus altchristlicher Zeit über dasAuftreten Satans in sichtbarer Gestalt, sowie über denEinfluß desselben auf die Menschheit gleich im Anschlüssedaran und an verschiedenen Stellen seiner Schrift in einerWeise zum Ausdruck bringe, daß man ihm durchaus nichtden Vorwurf der Leichtgläubigkeit, sondern eher eineskalten Skeptizismus machen könne. Wir verweisen u. a.

auf S. 29 ff.,44,175 ff. der bctr. Schrift. Das alles existirtfür Herrn Wahrendorp und die Troßknechte antichristlichcrZeitungsblätter nicht. Deßhalb geben sie doch vor, imDienste derWahrheit und Wissenschaft" zu stehen. Odermeinen sie vielleicht, eine Unwahrheit würde durch öftereWiederholung zur Wahrheit? Wären Herr Wahrendorpund die Frankfurter Zeitung, die sich doch in katholischenFragen ein maßgebendes Urtheil anmaßen Hr. Wahren-dorp ist in der altchristlichen Literaturgeschichte so be-wandert, daß er Tcrtullian zum Kirchenvater promo-virt, mit der katholischen Literatur ein wenig vertraut,so hätten sie in der erwähnten Stelle der Schrift desHerrn Pros. Leistle keineMonstrosität" erblicken können,welche dieser Herr ihrer Ansicht nach mit besonderer Vor-liebe und ganz abseits von anderen katholischen Theologencultivire. In seiner Real-Encyklopädie der christlichenAlterthümer (II. Bd. S. 856) handelt Herr Pros. Dr.Kraus in Freiburg von den verschiedenen Gestalten, inwelchen sich die Phantasie des christlichen Alterthums denTeufel vorgestellt habe, und er berichtet genau so, wieHerr Pros. Leistle, nur daß letzterer noch zahlreichere Be-legstellen beigeschafft hat. Im Kirchenlexikon (II. Ausl.4, 850 f.) spricht sich Herr Pros. Dr. Kaulen in Bonn über die Frage des Erscheinungsleibes Satans ebensoaus wie Herr Pros. Dr. Leistle, d. h. er führt wie diesereinige von ihm in der christlichen Literatur hierüber ge-fundene Erscheinungsweisen an. In dem klassischen Werkedes Papstes Benedikt XIV. Os ssrvornm Osi beatiüoa-tions st eanonirationS (I. 3. eap. 30. u. 13. n. oap. öl.u. 3.) finden sich ähnliche aus der frühchristlichen Literaturgeschöpfte Angaben. Wenn Herr Wahrendorp diesenbeide» deutschen gelehrten Theologen und dem gelehrtenPapste in einer nächsten Auflage einen Ehrensitz nebenHerrn Pros. Leistle gütigst einräumt, so wird das jeden-falls seinewichtige" Schrift noch zugfähiger machen undsein äußerst umfangreiches Wissen, mit dem er au seineAufgabe herantritt", noch umfassender erscheinen lassen.Zum Schlüsse (S. 52) schmiedet Herr Wahrendorp ausSätzen, die er aus der Schrift des Herrn Pros. Leistle(S. 146) verstümmelt heraushebt, ein Conglomerat vonUnrichtigkeiten und maßlosen Anschuldigungen, beziehungs-weise entlehnt es aus demMenschenthum" und krönt(ein Werk, indem er die Schale seines Zornes und seinerganzen Gehässigkeit über dasCentrumspfaffenthum"entleert.

Wir haben allen Grund, anzunehmen, Herr Wahren-dorp habe die Schrift des Hrn. Pros. Leistle mit eigenenAugen noch nie gesehen, da er feine ganze Kenntnis überdie Schrift des Dillinger Professors aus der, wie uns.scheint, freimaurerifchen ZeitschriftMenschenthum". dieer für seine Angaben citirt, schöpft und die SchriftImProgramm der k. Stndienanstalt Dilliugen 1886/87" er-scheinen läßt. Was sich der gelehrte Herr wohl dabeigedacht hat?

Das sind also die Männer, die anf der Hochwarteder Wissenschaft zu stehen und mit ihrem blanken Schildsdieselbe zu schützen und zu decken sich brüsten, Männer,die durchaus nicht wählerisch und skrupelhaft in ihrenwissenschaftlichen" Mitteln sind, vor Entstellungen nicht,zurückschrecken, in katholischen Dingen eine geradezuphänomenale Unwissenheit bekunden, dennoch aber kühn«und frech über sie den Stab brechen und so vor ihremgleichwcrthigen gläubigen und andächtigen Leserkreise sichden Schein hoher, für gläubige Christen unerreichbarerGelehrsamkeit zu geben verstehen. Wer nicht mit ihnenim Bunde die Pfade des Unglaubens und der Negationdahinzieht, gilt ihnen als wissenschaftlich inferior. EinenMann, der mit erborgten Lappen seine Blößen deckt unddamit noch prunken will, können wir nicht als urtheils-fäbig über katholische Wissenschaft, katholisches Streben,kalholische Forschung, überhaupt über christliche Fragenanerkennen. Sehr beklagenswert!) und wirklich geistiginferior müßte das deutsche Lescpublikum sein, wenn ein!solches Machwerk wie Herrn Wahrendorp's Broschürewirklich denMittelpunkt der Conversation inallen Gesellschaftskreisen in der bevorstehendenWinter-Saison bilden" könnte, wie das die Verlags-handlung jedenfalls nur aus reinideellen Motiven"wünscht.