Ausgabe 
(9.1.1894) 3
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1894 .

Augsburger Postzeitung".

Dienstag, den 9. Januar

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Znstirnts von Haas L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler) .

Auf verwegener ZZahn.

Kriminalnovelle von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Elegant möblirt, aber durchaus nicht mit Luxusüberladen, war das Zimmer, in welchem eine junge20 jährige Dame vor dem Trumeauspiegel stand. ZumAusgehen angekleidet, warf sie eben einen letzten prüfen-den Blick hinein. Ihr Wuchs war hoch und schlank,aber von einem solch wunderbaren Ebenmaße, daß sichdie Größe ihrer Figur nur bestimmen ließ, wenn an-dere, neben ihr stehende Personen Gelegenheit zu einemVergleiche boten. Ihr reiches Haar schimmerte wie Gold,ohne dazu erst der Mithilfe der Sonnenstrahlen zu be-dürfen; es fiel in kleinen natürlichen Löckchen auf dieStirn und war im Nacken einfach zu einem griechischenKnoten verschlungen. In dem schönen, milden Antlitzstrahlten ein Paar große, tiefblaue Augen, wie zweiSterne. Ihr beabsichtigter Ausgang sollte einem Ein-kaufe für den heutigen Nachtisch gelten, und eben standsie im Begriff, sich für diesen Zweck mit einem zierlichgeflochtenen Körbchen zu versehen, als Martha, dasDienstmädchen, eintrat.

Ihr Herr Vater läßt Sie bitten," meldete dieseihrer Herrin,heute Vormittag zu Hause zu bleiben;er habe mit Ihnen zu sprechen.

Gut", sagte Siglinde kaum hörbar, während sichdas Mädchen wieder entfernte.

Sie war betroffen. Daß der Vater, dieser mitpedantischer Strenge sich an die Geschäftsstunden bin-dende Kaufmann, während der Comptoirzeit seine Fa-milienwohnung betrat, war etwas ganz Ungewöhnliches,ja Unerhörtes. Siglinde erinnerte sich nur eines einzi-gen derartigen Ausnahmefalles; als er bei dem Todeder Mutter heraufgeholt worden war.

Sie machte sich daher auf etwas sehr Ernstes ge-faßt. Schon seit Jahr und Tag hatte sie ihm einenschweren Kummer angemerkt, jein Haar war in dieserZeit gebleicht, sein Gesicht sehr gealtert. Aber sie hattenicht gewagt eine Frage an ihn zu richten, denn sieglaubte, ihre Schwester Erika sei die Ursache seinesKummers, und dieser Name durfte in Gegenwart desVaters nie ausgesprochen werden.

Erika, acht Jahre älter als Siglinde, war vonbodenlosem Leichtsinn gewesen. Alle auf ihre Erziehungverwenvete Sorgfalt hatte nichts genützt. Als größeresSchulmädchen bereits eine Schönheit und vollendete

Coquette, gab sie sich Rendezvous mit verliebten milch-bärtigen Gymnasiasten und machte dem makellosen Rufeder Familie Unehre. Nachdem sie der Schule entwachsen,brachte der Vater sie in einem strengen Erziehungs-institute in Brüffel unter. Von dort entfloh sie, undbald erfuhr man, daß sie sich einer wandernden Sänger-gesellschaft angeschlossen hatte. Ihre schöne Stimmebahnte ihr später den Weg zur Bühne; dann war sienach Amerika gegangen, und seitdem hatte man bis zumheutigen Tage nichts mehr über sie gehört. Den Leicht-sinn hätte der Vater ihr vielleicht noch verziehen, daßsie damit .aber zugleich eine herzlose Gleichgiltigkeitgegen ihre Familie verband, nach welcher sie nie wiedergefragt hatte, und daß darüber das zärtlich liebendeHerz der Mutter brach, das vermochte ihr der Vaterniemals zu verzeihen. Er hatte sich gänzlich von derentarteten Tochter losgesagt, hatte ihren Namen ausseinem Gedächtniß gestrichen, als ob er sie niemals be-sessen, und mit der Zeit war über dem Grabe in sei-nem Herzen Gras gewachsen.

Und nun? Hatte dieses Grab sich vielleicht wiedergeöffnet? Hatten sich im Vater bei seinem zunehmen-den Alter Regungen der Sehnsucht nach dem verlorenenKinde eingestellt? Waren harte Schicksalsprüfungen überErika hereingebrochen, vor deren erschütternder Tragikdie Eisrinde um das väterliche Herz zu schmelzen be-gann? War wohl gar eine jähe Katastrophe eingetreten,welche den schleichenden Gram des alten Mannes biszu jener fieberhaften Aufregung, die Siglinde seit einigenTagen an ihm wahrgenommen, gesteigert hatte?

Während Siglinde, den Kopf in die Hand ge-stützt, noch mit diesen Gedanken beschäftigt war, tratSchönaich, ihr Vater, selbst ein. Kummer und Sorgehatten tiefe Falten in sein Antlitz gegraben, sein Haarwar ergraut und sein Kinnbart schneeweiß, aber in sei-ner aufrechten Haltung und in seinen Bewegungen ver-rieth sich noch ungebrochene Kraft.

Ich sehe Dir's an, Siglinde", begann er, nach-dem er eine Weile schweigend auf- und abgegangenwar,daß Du auf eine ernste Nachricht vorbereitet bist."

Mir ahnt, daß sich etwas mit Erika"

Sie hatte den Muth gefunden, diesen Namen übnihre Lippen zu bringen. Aus dem Kopfschüttcln desVaters und mehr noch aus dem eisigen Lächeln, wovonjenes begleitet war, merkte sie sogleich, daß ihre Ver-muthungen sich auf einer falschen Fährte bewegt hatten.