Er rückte sich einen Stuhl zurecht, ließ sich daraufnieder und begann von Neuem: „Du hast einen starkenGeist, Siglinde. Ich kann mir daher alle weitläufigenAuseinandersetzungen ersparen. Heute noch, und zwarso bald wie möglich, mußt Du Deine Sachen packen.Ich begleite Dich nach dem Gute Nottenbach, zu DeinerFreundin Helene Steinau, und kehre dann wieder zurück.Du bleibst bis auf Weiteres dort. Von diesen trautenRäumen hier, wo Du geboren und aufgewachsen bist,nimm Abschied, Du wirst sie wahrscheinlich nie wieder-sehen." —
Siglinde fühlte sich von dieser Eröffnung wie voneinem Donnerschlage berührt, denn Schreckliches mußtesich im Hintergründe derselben bergen. Aber sie faßtesich, um das berechtigte Vertrauen des Vaters in ihrestarkgeistige Natur nicht zu täuschen.
„Du kennst die Einschränkungen," fuhr Schönaich fort, „die ich allmählich in unserem Haushalte eintretenließ, und hast mich darin in opferwilliger Weise unter-stützt, Du hast auf die meisten der gewohnten Vergnüg-ungen verzichtet, hast Dich schon seit langem mit nureinem Dienstmädchen behalfen und die Hauptlast desHaushaltes auf Dich genommen, ohne nur zu fragen,weßhalb. Du hast vielleicht geglaubt, es sei eine plötz-liche grillenhafte Laune Deines reichen Vaters, sich einerengherzigen Sparsamkeit zu befleißigen. Das war esaber nicht, sondern es war ein eiserner Zwang. Ichhabe ohne mein Verschulden schwere geschäftliche Ver-luste erlitten, ein Schlag traf mich nach dem andern.Ich habe Dir's bis zur letzten Stunde verheimlicht,jetzt aber mußt Du es erfahren, daß ich unmittelbarvor dem Bankerott stehe. Meine Hauptgläubiger habenmir eine Gnadenfrist von wenigen Tagen gegeben,weil ich mich noch an eine schwache Hoffnung auf Rett-ung klammerte. Die Hoffnung hat getrogen, die Fristist verstrichen. Zu jeder Stunde kann dieses Hausunter Siegel gelegt werden. Du sollst nicht Augenzcu-gin von dem kläglichen Zusammenbruche werden, deßhalbbringe ich Dich heute noch mit einem der nächsten Eiscn-bahnzüge zu Deiner Freundin, die von unserer Ankunftbereits unterrichtet ist."
Von allen Empfindungen, welche diese ganz uner-wartete Hiobsnachricht in dem jungen Mädchen wachrief,war keine so stark, als das schmerzliche Mitleid mit demgeliebten Vater, den nach den harten Schicksalsprüfungen,die sein Familienleben heimgesucht, nun, da sein Hauptergraut war, auch noch das bittere Loos der Verarmungtreffen sollte, und das sogar unter Umständen, die ihnbei seinem strengen Ehrbegriff und seinem Nedlichkeits-gefühl sein Unglück nur um so tiefer empfinden lassenmußten.
Siglindes nächster Gedanke war, ob wirklich keineHilfe, keine Rettung möglich sei? Und da tauchte unwill-kürlich eine lebhafte Erinnerung an ihre Kinderzeit inihr auf. Sie sah sich mit ihrer älteren Schwester Erikain einem großen, schönen Garten, der weit draußen ineiner Vorstadt lag. Dort hatte sie sich oft umherge-tummelt unter den Augen einer Frau, die an einemKrückstock ging. Diese Frau, welcher der Garten gehörte,war ihre Tante, die Schwester der verstorbenen Mutter.Seit ihrem achten Jahre etwa hatte Siglinde den Gartennicht wieder betreten und die Tante nicht mehr gesehen;es war zwischen sie und dem Vater ein dunkles Zer-würfniß getreten und hatte die Familie entzweit, aber
nie war sich Siglinde darüber klar geworden. Dochwußte sie, daß die Tante reich, steinreich war und nochlebte. Wenn Jemand helfen konnte, so war sie es.
„Vater", begann Siglinde, wie aus einem Traumerwachend, „verzeihe mir, wenn ich Dir in meiner Un-wissenheit einen Rath zu geben wage, den vielleicht DeinStolz verwerfen muß. Ich weiß nicht, was zwischenDir und Tante Rollenstein einst vorgegangen ist, aberin einer Lage, wie die Deinige, würde die Schwestermeiner Mutter Dir vielleicht ihre Hilfe nicht versagen."
Schönaich zuckte zusammen, wie von etwas Gifti-gem berührt, und seine Stirn legte sich in finstere Falten.„Es wäre ein Verbrechen, wenn ein Mann in meinerLage auch noch stolz sein wollte," entgegnete er. „Ebendie Tante war jene letzte schwache Hoffnung, an der ichmich festzuhalten versuchte. Ich machte den bitterenGang zu ihr, aber sie nahm meinen Besuch gar nichtan. Dennoch ließ ich mich durch diese Zurückweisungnicht abschrecken, sondern wußte sie außerhalb ihresHauses zu treffen. Sie mußte mich anhören; ich ge-stand ihr meine verzweifelte Lage, nannte ihr die Summe,mit der ich mein leckgewordenes Schiff wieder flottmachen könne, und bat sie um ihre Hilfe, nicht meinet-wegen, sondern um der Ehre des Namens wegen, denihre todte Schwester getragen hatte. Mit Hohngelächterwies sie mich abl"
„O, welche Härte des Herzens I " rief Siglinde, dasGesicht in den Händen bergend." — „Ich will", versetzteSchönaich bitter, „Dir erzählen, was es zwischen ihr undmir einst gegeben hat, — und darnach wirst Du be-messen können, welche Ueberwindung dazu gehörte, michihr jetzt als Bittender zu nahen . . . Sie hatte inihrer Jugend ein Verhältniß mit einem Leutnant v.Harnisch. Aber Beide waren arm, und ein Leutnant,der selbst nichts besitzt, kann kein Mädchen ohne Ver-mögen zur Gattin nehmen. Die Tante war es, welchedie Hoffnungslosigkeit dieser Liebe zuerst einsah, denn alsein alternder Junggeselle, ein Millionär, von ihrer blen-denden Schönheit bestochen, ihr seine Hand anbot, griffsie zu, ohne sich lange zu besinnen. Auch der Leutnantwußte sich zu trösten; er heirathete ein Mädchen, derenVermögen zu einem standesgemäßen Leben ausreichte.Bei Beiden hatte also die Vernunft gesiegt, aber dieHerzen schien dies nicht getrennt zu haben, wenigstensging Harnisch im Hause seiner ersten Geliebten aus undein, bis er mit seinem Regiment nach Elsaß versetztwurde. Als vor zwölf Jahren der alte Rollenstein starb,wollte Harnisch, der inzwischen Wittwer geworden war,die Tante heirathen, und er kam hierher, um die Sachepersönlich zu betreiben. Seine Bewerbung fand bei derehemal'gen Geliebten eine sehr willige Aufnahme. „AlteLiebe rostet nicht," sagt das Sprichwort, er durfte nochimmer als ein schöner Mann gelten, war auch inzwi-schen zum Major avanciert und der Titel „Frau Majorinv. Harnisch" mochte dem Ohre der Tante nicht wenigschmeicheln. Als die Heirath eine beschlossene Sachewar, warnte ich die Tante ernstlich vor diesem Schritte.Sie hatte damals bereits die Mitte der Vierzig über-schritten, von ihrer ehemaligen Schönheit war längst dieletzte Spur verweht, und seit sie in Folge eines Hüft-leidens operirt worden war, hatte sie einen hinkendenGang und mußte am Stocke gehen. In der besten undwohlmeinenvsten Absicht von der Welt und in der schall-endsten Weise stellte ich ihr dies vor und versuchte sie