zu überzeugen, daß der Major v. Harnisch bei seinemEheantrage gewiß von ganz anderen Beweggründen ge-leitet werde, als das Ideal seiner Jugend als Gattinheimzuführen. Dunkle Gerüchte, die mir über seinenStraßburger Aufenthalt schon früher zu Ohren gekommenwaren, hatten mich veranlaßt, an zuverlässiger QuelleErkundigungen einzuziehen, und da hatte ich denn er-fahren, daß er schlimmen Leidenschaften huldigte unddaß er das ganze Vermögen seiner verstorbenen Frau imHazardspiel vergeudet hatte. Nichts konnte klarer sein,als daß er sich nun in die Arme der früheren Gelieb-ten retten wollte, um sich an ihrem Reichthum zu er-holen. Meine Offenheit in Bezug auf ihre geschwun-denen Jugendreize nahm mir die Tante sehr übel; meineMittheilungen über das sittenlose Leben des Majorsglaubte sie mir einfach nicht. Sie warf mir vor, daßich mich nur durch die schmutzigste Selbstsucht zu solchenVerleumdungen habe hinreißen lassen, um die Heirathzu hintertreiben. Die Tante mußden Inhalt dieser Unterredung demMajor mitgetheilt und dabei meinabfälliges Urtheil über seinen Lebens-wandel in dem gehässigsten Lichtedargestellt haben. Er suchte micham nächsten Abend in einer öffent-lichen Gesellschaft auf und schlug mirMit der Reitpeitsche ins Gesicht, daßich blutüberströmt und bewußtlos zuBoden stürzte. Ich konnte mich mitden Striemen in meinem Gesichtmit Ehren nicht mehr auf der Straße,nicht mehr in meinem Comptoir sehenlassen, wenn ich nichts als ein ge-richtliches Strafurtheil gegen meinenBeleidiger als Sühne auszuweisengehabt hätte. Als ehemaliger Reserve-offizier wußte ich, was ich zu thunhatte. Ich forderte den Major aufPistolen. Er zielte nach meiner Stirnund streifte mir nur das Haar, ichzielte nach seinem linken Arm undtraf sein Herz."
Das also war es, was die beidenFamilien entzweit hatte, und jetztkonnte sich Siglinde erklären, weß-halb der Vater einst viele Monatelang abwesend war und weßhalb sie aus der Schule ge-nommen und lange Zeit hindurch zu Hause durch Privat-lehrer unterrichtet worden war.
„Vater!" sagte Siglinde, „ich verstehe jetzt dieDemüthigung, welcher Du Dich als Hilfesuchender beider Tante ausgesetzt hast. Ich habe keinen Antheil andem, was ihre Rachsucht gegen Dich erweckt hat, ich binan jenen Ereignissen unschuldig und ich weiß, daß siemich in den Tagen meiner Kindheit gern gehabt hat.Vielleicht gelingt mir, was Dir nicht gelang. Ich willzu ihr eilen, ich will sie auf meinen Knieen anflehen,Dich zu retten."
„Ich danke Dir, geliebtes Kind," entgegnete Schön-aich mit einem warmen Blick auf seine Tochter. „AberDu kennst das steinerne Herz dieser Frau schlecht, Duselbst bist ein Werkzeug ihrer Rache an mir."
„Ich?" frug Siglinde mit ungläubigem Erstaunen.
„Höre nur, Du wirst mich gleich verstehen. Der
alte Rollenstein hat ein Testament hinterlassen, wonachsein Vermögen nach dem Tode seiner Wittwe entwedernur an die nächsten Blutsverwandten übergehen darfoder der Stadt zu gemeinnützigen Zwecken anheimfällt.Fremde Personen können nichts erben, wobei der Testa-tor jedenfalls an Harnisch gedacht hat, auf den er eifer-süchtig war und dessen Besuch in seinem Hause er sehrungern sah. Da Nollenstein keine näheren Verwandtenmehr besaß, so waren unter den nächsten Blutsver-wandten nur Du und Erika zu verstehen, und in die-sem Sinne hatte denn auch die Tante in ihrem eigenenTestamente verfügt. Als Erika aus dem Pensionat ent-floh und zum Theater ging, wurde sie natürlich aus derErbfolge ausgeschlossen. Du wurdest nun Universal-Erbin und — Du bist es noch bis zu dieser Stunde."
„Wie?" rief Siglinde, „selbst nach jenem Familien-zerwürfniß sollte diese Bestimmung unverändert aufrechtgeblieben sein?"
„Unverändert allerdings nicht,"erwiderte Schönaich mit einem sar-kastischen Lächeln, „sondern Du bistan gewisse Bedingungen gebunden,durch welche sie die von ihrem Ge-mahl ihr auferlegte Beschränkung,daß Fremde nichts erben dürfen,geschickt zu umgehen versucht. DerMajor v. Harnisch hat nämlich einenSohn hinterlassen, und nur unterder Bedingung, daß Du diesen Sohnheirathest —"
Er hielt inne. Warum war Sig-linde plötzlich so bleich geworden?Es war wohl nur ein täuschendesSpiel des Sonnenlichtes auf ihremAntlitze, hervorgerufen durch die ver-änderte Haltung ihres Hauptes.
„Nur unter der Bedingung, daßDu den jungen Harnisch heirathest,wirst Du Erbin; weigerst Du Dich,so tritt die andere Bestimmung inKraft, wonach das ganze Vermögender Stadt zufällt. Der Hauptzweck,den die Tante dabei verfolgt, istoffenbar der, durch diese Heirathdereinst dem jungen Harnisch ihrenReichthum in die Hand zu spielen,welchen mit ihr selbst zu genießen dem Vater nicht ver-gönnt war. Dabei schlägt sie uns zugleich ein Schnipp-chen, indem sie Deiner freien Selbstbestimmung Fesseln an-zulegen und Dir als Gatten den Sohn eines Mannesaufzudrängen versucht, der mich thäilich mißhandelt hat.Ich habe Dir von dieser Erbschaftsaugelcgenhcit nie etwasgesagt, um Dich nicht unnütz aufzuregen."
„Wo ist dieser Sohn des Majors?" frug das jungeMädchen. „Kennst Du ihn?"
„Ich habe ihn nie gesehen," antwortete Schönaich .„Er ist in Straßburg aufgewachsen. Beim Tode seinesVaters mag er etwa dreizehn Jahre alt gewesen sein,folglich wäre .er jctz fünfundzwanzig. Ich hörte, dieTante habe ihn zu sich nehmen wollen, doch kam ihrein in New-Zjork lebender Bruder des Majors zuvor."
„So lebt er also in New-Iork?"
„Bis vor Kurzem, ja", nickte der Vater, und zogaus der Tasche einen Brief, den er entfaltete, während
Frnnz Lonn.